«Nicht bei dir? Wieso sind sie nicht bei dir?«
«Weil ich gerade… hm. Ich bin im Nu wieder bei ihnen. Ich habe ein paar Kratzer abbekommen, die hier im Krankenhaus verbunden werden, dann fahr ich wieder zu ihnen. Christopher ruft dich noch an.«
Jeden Abend redeten die Jungen über das Mobiltelefon im Bus mit ihrer Mutter; Familienbrauch bei Rundfahrten.
Amanda zu besänftigen und zu beruhigen dauerte ein wenig. Es sei offensichtlich meine Schuld, fand sie, daß die Jungs in Gefahr geraten waren. Ich stritt es nicht ab. Ich fragte sie, ob sie wollte, daß sie nach Hause kamen.
«Was? Nein, davon war nicht die Rede. Du weißt, daß ich am Wochenende eine Menge vorhabe. Sie sollten schon bei dir bleiben. Gib nur besser auf sie acht.«
«Ja.«
«Was sage ich denn nun, wenn noch eine Zeitung anruft?«
«Sag, daß du mit mir gesprochen hast und daß alles bestens ist. Möglicherweise siehst du was darüber im Fernsehen, die haben auf der Rennbahn gefilmt.«
«Paß bloß auf, Lee.«
«Ja.«
«Und ruf heute abend nicht an. Ich nehme Jamie mit zu Shelly und übernachte da. Ihr Geburtstagsdinner, wie du weißt, ja?«
Shelly war ihre Schwester.»In Ordnung«, sagte ich.
Wir verabschiedeten uns höflich wie immer. Essig, mühsam verdünnt.
Die verschiedenen Schnitt- und Schürfwunden, die ich weitgehend heruntergespielt hatte, wurden schließlich freigelegt und kopfschüttelnd bestaunt. Man wusch Sand und Staub heraus, entfernte eindrucksvolle Splitter mit der Pinzette und setzte mir bei örtlicher Betäubung reihenweise Klammern.
«Wenn das abklingt, spüren Sie’s«, teilte der Klammerer mir fröhlich mit.»Einige von diesen Wunden sind tiefer, als es aussieht. Wollen Sie bestimmt nicht über Nacht hierbleiben? Wir finden auf jeden Fall ein Bett für Sie.«
«Sehr freundlich«, sagte ich,»aber nein, danke.«
«Dann legen Sie sich ein paar Tage auf den Bauch. Kommen Sie in einer Woche wieder, und wir entfernen die Klammern. Bis dahin müßte alles verheilt sein.«
«Vielen Dank«, sagte ich.
«Nehmen Sie regelmäßig die Antibiotika.«
Das Krankenhaus ließ mich (auf mein Drängen über eine Seitenstraße) zurück zu Roger Gardner bringen, und in einen blauen Morgenmantel gehüllt, bewältigte ich den letzten Teil der Reise mit Hilfe eines geborgten Gehgestells in der Vertikalen.
Der Bus war, wie ich dankbar feststellte, ans Haus gefahren und vor die entrümpelte Garage gestellt worden. Seine fünf jugendlichen Bewohner sahen im Wohnzimmer der Gardners fern.
«Papa!«riefen sie und sprangen auf, um beim Anblick der Gehhilfe für ältere Herrschaften dann unsicher zu verstummen.
«Ja«, sagte ich,»über das Teil wollen wir mal nicht kichern, okay? Mir sind eine Menge Steine und Holz ins Kreuz und auf die Beine gefallen, und die Schnittwunden, die es dabei gab, sind jetzt genäht worden. Es sind einige auf dem Rücken, ziemlich viele an den Beinen, und eine geht quer über meinen Hintern, so daß ich mich nicht ohne weiteres hinsetzen kann, und auch darüber gibt es nichts zu lachen.«
Sie lachten natürlich trotzdem, in erster Linie aus Erleichterung, und das war völlig in Ordnung.
Mrs. Gardner äußerte ihr Mitgefühl.
«Was darf ich Ihnen bringen?«fragte sie.»Eine Tasse heißen Tee?«
«Einen dreifachen Scotch?«
Ihr liebenswertes Gesicht bekam Lachfältchen. Sie schenkte mir großzügig von dem scharfen Zeug ein und sagte, Roger habe den ganzen Tag an der Tribüne festgehangen und sich vor der Polizei, den Nachrichtenfritzen und den ebenso wütend wie zahlreich herbeigestürmten Strattons kaum zu retten gewußt.
Die Jungen und Mrs. Gardner warteten offenbar auf die Fernsehnachrichten, die dann auch bald kamen und den Sprengstoffanschlag auf Stratton Park besonders herausstellten. Mehrere Aufnahmen zeigten die Tribünenrückseite, auf der der Einsturz in der Mitte nicht zu übersehen war. Ein 5-Sekunden-Interview mit Conrad enthüllte seine innersten Gefühle (»Bestürzung und Zorn«).»Glücklicherweise wurde nur eine Person leicht verletzt«, sagte eine Stimme zu einer Aufnahme von mir (glücklicherweise unkenntlich) beim Abtransport von der Tribüne.
«Das bist du, Papa«, teilte Neil mir aufgeregt mit.
Eine kurze Einblendung von Toby, wie er an der Hand eines Feuerwehrmannes nach unten kam, ließ die Jungen Beifall rufen. Dem folgten zehn Sekunden mit Roger —»Colonel Gardner, Rennbahnverwalter«-, der sagte, die Familie Stratton habe versichert, die Rennveranstaltung am Montag werde abgehalten wie geplant.»Terrortaktiken darf man nicht nachgeben. «Zuletzt wurden die Strickmützen am Eingang mit ihren Plakaten gezeigt, Bilder, die den
Zuschauer auf eine unausgesprochene, aber finstere Folgerung hinlenkten. Unfair, dachte ich.
Als die Nachrichten sich einer Politikerrunde zuwandten, sagte ich Mrs. Gardner und den Jungen, ich wollte mir etwas anziehen, und humpelte mit dem Gestell hinaus zum Bus, dann freihändig, mit zusammengebissenen Zähnen, die Tritte hinauf, doch statt, wie vorgehabt, mich anzuziehen, legte ich mich schwach und zittrig auf das schmale Sofa, das zugleich mein Bett war, und gestand mir endlich ein, daß ich wesentlich schwerer verletzt war, als ich hatte wahrhaben wollen.
Nach einiger Zeit öffnete sich die Tür, und ich dachte, ein Kind sei gekommen, aber es war Roger.
Er setzte sich auf das lange, schmale Sofa gegenüber und sah müde aus.
«Geht es Ihnen gut?«fragte er.
«Ja«, sagte ich, ohne mich zu rühren.
«Meine Frau sagt, Sie sehen grau aus.«
«Sie sind auch nicht gerade rosig im Gesicht.«
Er lächelte kurz und massierte sich die Nase mit Daumen und Zeigefinger, ein disziplingewohnter Soldat, hager und gepflegt, der sich nach den Manövern eines langen Tages eine Geste der Müdigkeit gestattete.
«Die Polizei und die Leute von der Unfallverhütung sind angerückt wie Bluthunde. Oliver hat sich mit ihnen befaßt — ich habe ihm sofort telefoniert, daß er kommen soll —, und er kann einfach glänzend umgehen mit solchen Leuten. Sie waren sofort mit ihm einig, daß wir, wenn Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, die Rennen am Montag abhalten können. Ein echter Überredungskünstler, der Mann. «Er hielt inne.»Die Polizei ist dann zum Krankenhaus gefahren, um Sie zu befragen. Da hätten Sie doch sicher ein Bett gekriegt, in Ihrem Zustand.«»Ich wollte nicht bleiben.«
«Aber ich sagte Ihnen doch, daß wir uns um die Jungen kümmern.«
«Weiß ich. Einer oder zwei wären ja auch gegangen, aber nicht fünf.«
«Es sind unkomplizierte Kinder«, wandte er ein.
«Sie sind still heute. Es war schon besser, daß ich wiedergekommen bin.«
Er machte keine Einwendungen mehr, aber als wäre er noch nicht bereit, das Thema anzuschneiden, das ihn am meisten beschäftigte, fragte er mich, wie man die Jungen auseinanderhielt.
«Damit ich sie mal auf die Reihe kriege«, meinte er.
Ich antwortete ihm bereitwillig und verstand es als eine willkommene Atempause vor den Fragen, die gestellt werden mußten und einer Antwort bedurften.
«Christopher, der große Blonde, ist vierzehn. Wie die meisten ältesten Kinder einer Familie kümmert er sich um die anderen. Toby, der heute mit mir auf der Tribüne war, ist zwölf. Edward ist zehn. Das ist der Ruhige. Wenn man den nicht findet, sitzt er irgendwo in einer Ecke und liest ein Buch. Dann haben wir noch Alan — «
«Sommersprossen und grinst«, sagte Roger nickend.
«Sommersprossen und grinst«, stimmte ich zu.»Und hat kein Bewußtsein von Gefahr. Er ist neun. Springt erst und schreit dann.«
«Und Neil«, sagte Roger.»Der kleine Neil mit den leuchtenden Augen.«
«Er ist sieben. Und Jamie, der kleinste, zehn Monate.«
«Wir haben zwei Töchter«, sagte Roger.»Beide erwachsen, aus dem Haus und zu beschäftigt, um zu heiraten.«