Er verfiel in Schweigen, und ich schwieg ebenfalls. Der Ernst des Lebens wartete, die Schonfrist lief allmählich ab. Ich verlagerte unter ziemlichen Schmerzen mein Gewicht auf dem Sofa, und Roger merkte es, aber äußerte sich nicht dazu.
Ich sagte:»Die Tribünen sind gestern gereinigt worden.«
Roger seufzte.»Sind sie. Und sie waren sauber. Kein Sprengstoff. Mit Sicherheit war keine Sprengschnur im Treppenhaus verlegt. Ich bin selbst überall herumgegangen. Ich gehe regelmäßig das Gelände ab.«
«Aber nicht am Karfreitagmorgen.«
«Gestern am späten Nachmittag. Um fünf. Kontrollgang mit meinem Vorarbeiter.«
«Es war kein Anschlag auf Menschenleben«, sagte ich.
«Nein«, stimmte er zu.»Die Haupttribüne sollte zerstört werden, und zwar an einem der wenigen Tage im Jahr, an denen nirgendwo in England Rennen stattfinden. Menschen sollten gerade nicht dabei umkommen.«
«Sie haben doch sicher einen Nachtwächter«, sagte ich.
«Ja, haben wir. «Er schüttelte frustriert den Kopf.»Er dreht mit einem Hund die Runde. Er sagt, er hat nichts gehört. Er hat nicht gehört, wie jemand Löcher in die Wände gebohrt hat. Er hat kein Licht auf der Tribüne herumwandern sehen. Er hat sich heute früh um sieben ausgestempelt und ist nach Hause gefahren.«
«Hat ihn die Polizei befragt?«
«Sie hat ihn befragt. Ich habe ihn befragt. Conrad hat ihn befragt. Der arme Mann ist völlig verpennt hierhergeschleift und ins Kreuzverhör genommen worden. Dabei ist er sowieso nicht der Aufgeweckteste. Er hat bloß dumm in die Gegend gepliert. Conrad wirft mir vor, daß ich einen Holzkopf eingestellt habe.«
«Jetzt regnet es Vorwürfe wie Konfetti«, meinte ich.
Er nickte.»Die Luft ist schon voll davon. Im Prinzip ist alles meine Schuld.«
«Wer von den Strattons war da?«fragte ich.
«Wer nicht?«seufzte er.»Alle, die auf der Hauptversammlung waren, mit Ausnahme von Rebecca, dafür aber Conrads Frau Victoria, Keiths Frau Imogen, blau wie ein Veilchen, und Hannahs fauler Sohn, Jack, sowie Ivans Frau Dolly, die furchtsame Maus. Marjorie Binsham hat ihr Mundwerk wie eine Peitsche gehandhabt. Conrad kommt ihr nicht bei. Sie hat die Polizei in den Boden gestampft. Vor allem wollte sie wissen, warum Sie die Sprengung nicht verhindert haben, nachdem Ihr Söhnchen Sie schon auf die Gefahr hingewiesen hatte.«
«Die gute Marjorie!«
«Jemand sagte ihr, daß Sie fast ums Leben gekommen sind, und sie meinte, das geschehe Ihnen recht. «Er schüttelte den Kopf.»Manchmal glaube ich, die ganze Familie ist geistesgestört.«
«In dem Schrank über Ihrem Kopf finden Sie einen Scotch und Gläser«, sagte ich.
Er lächelte unwillkürlich und nahm zwei Wassergläser für den Whisky.»Besser wird Ihnen davon auch nicht«, bemerkte er, als er das eine Glas auf den eingebauten Tisch mit Schubfächern am Fußende meines Bettes stellte.»Und wo haben Sie diesen fabelhaften Bus her? Noch nie gesehen, so was. Als ich mit den Jungs hierhergefahren bin, haben sie ihn mir vorgeführt. Es hieß, Sie hätten den Innenraum selbst gestaltet. Ich nehme an, Sie hatten einen Bootsbauer dafür.«
«Stimmt beides.«
Er kippte seinen Drink kommißmäßig in zwei glatten Zügen hinunter und setzte das Glas ab.
«Wir können Ihre Jungs nicht bei uns schlafen lassen, der Platz reicht nicht, aber wir können ihnen was zu essen machen.«
«Danke, Roger, ich weiß das zu schätzen. Aber in der Laube hier sind Lebensmittel für ein ganzes Bataillon, und das Bataillon ist sehr geübt im Selbstversorgen.«
Seinen Beteuerungen zum Trotz wirkte er auf mich erleichtert, denn er war womöglich noch erschöpfter als ich.
Ich sagte:»Aber würden Sie mir einen Gefallen tun?«
«Wenn ich kann.«
«Sie wissen nicht genau, wo ich die Nacht verbringe. Falls die Polizei oder die Strattons danach fragen, meine ich.«
«Irgendwo links vom Mond oder so?«
«Eines Tages«, sagte ich,»revanchiere ich mich dafür.«
Die Realität, wie Toby gesagt haben würde, meldete sich am nächsten Morgen zurück.
Ich fuhr denkbar unbequem im Jeep mit Roger zu seinem Büro neben dem Führring, während die Fünferbande sich den Bus vornahm und ihm mit Eimern voll Waschmittel, mit Schrubbern, Wischern und dem im Hof angeschlossenen Gartenschlauch der Gardners auf die Pelle rückte.
Derlei Mammutspritzereien endeten stets mit fünf klitschnassen, zufriedenen Kindern (sie mochten auch feuchtderbe Clownsnummern im Zirkus) und einem zumindest halbwegs sauberen Bus. Ich hatte Mrs. Gardner geraten, ins Haus zu gehen und Augen und Fenster zu schließen, und nachdem der erste Eimer Seifenlauge die Windschutzscheibe verfehlt hatte und auf Alan gelandet war, hatte sie mir einen wirren Blick zugeworfen und meinen Rat befolgt.
«Macht es Ihnen nichts, wenn sie naß werden?«fragte Roger, als wir die Stätte potentieller Verwüstung verließen.
«Die müssen eine Menge angestauten Dampf ablassen«, sagte ich.
«Sie sind ein ungewöhnlicher Vater.«
«So kommt es mir nicht vor.«
«Wie geht’s den Wunden?«
«Schauderhaft.«
Er lachte leise, hielt an der Tür seines Büros und reichte mir das Gehgestell, sobald ich ausgestiegen war. Ich hätte lieber darauf verzichtet, doch außer in den Armen hatte ich anscheinend kein Gran Kraft mehr.
Obwohl es erst halb neun war, hielt die erste Wagenladung Ärger auf dem Asphalt, noch ehe Roger seine Bürotür aufgeschlossen hatte. Er blickte über die Schulter, um zu sehen, wer es war, und brummte ein tiefempfundenes» Mist!«, als er das Fahrzeug erkannte.»Der verfluchte Keith.«
Der verfluchte Keith war nicht allein gekommen. Der verfluchte Keith hatte seine Hannah mitgebracht, und Hannah, wie sich herausstellte, ihren Sohn Jack. Alle drei stiegen jetzt aus Keiths Wagen und schritten zielbewußt auf Rogers Büro zu.
Er drehte den Schlüssel herum, stieß die Tür auf und sagte abrupt zu mir:»Kommen Sie rein.«
Im Gehgestelltempo folgte ich ihm bereitwillig zu seinem Schreibtisch, wo auch noch meine Jacke überm Stuhl hing, die ich gestern dort abgelegt hatte. Fast wie in einem anderen Leben.
Keith, Hannah und Jack stürmten zur Tür herein, alle mit aufgebrachten Mienen. Keith hatte auf meinen Anblick wie allergisch reagiert, und Hannah wäre auf ihren zänkischen Gesichtsausdruck selbst nicht stolz gewesen. Jack, ein schlafflippiger Teenager, glich seinem Großvater nur zu sehr: gut aussehend und gemein.
Keith sagte:»Gardner, werfen Sie den verdammten Mann hier raus! Außerdem sind Sie gefeuert. Sie sind unfähig. Ich übernehme Ihren Posten, also können Sie verschwinden. Und was Sie betrifft…«, er wandte seinen Zornesblick ganz mir zu,»Ihre Bengel hatten in der Nähe der Tribüne überhaupt nichts zu suchen, wenn Sie also meinen, Sie könnten uns verklagen, weil Sie so blöd waren, sich in die Luft jagen zu lassen, sind Sie schief gewickelt.«
Daran hatte ich nun wirklich nicht gedacht.»Sie bringen mich auf Gedanken«, sagte ich leichthin.
Zu spät gab Roger mir mit einer warnenden Handbewegung zu verstehen, daß beruhigende statt aufreizende Töne gefragt waren. Bei der Hauptversammlung hatte ich ja selbst erlebt, wie schnell Keith zur Gewalt bereit war, und mir fiel ein, wie selbstzufrieden ich noch gedacht hatte, er habe körperlich keine Chance gegen Madelines fünfund-dreißigjährigen Sohn.
Seitdem hatte sich die Lage ein wenig geändert. Ich brauchte jetzt ein Gehgestell, um aufrecht zu stehen. Außerdem waren sie zu dritt.
Kapitel 7
Roger murmelte: »Teufel.«
Ich sagte ebenso leise zu ihm:»Verschwinden Sie.«
«Nein.«
«Doch. Sehen Sie zu, daß Sie Ihren Job behalten.«
Roger blieb.
Keith stieß die Tür mit dem Fuß zu und zögerte dann sogar einen Augenblick, doch Hannah hatte keinerlei Bedenken oder Hemmungen. Für sie war ich der Angelpunkt aller Ressentiments, die sie vierzig Jahre lang genährt und an sich hatte nagen lassen. Keith, der schon bei ihr als Kind die verletzten Gefühle hätte lindern können, lindern sollen, hatte sie ohne Zweifel noch darin bestärkt. Hannah hatte ihren Abscheu nicht unter Kontrolle. Der Dolchstoß aus dem Hinterhalt… er war in ihrem Blick.