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Sie kam mit dem gleichen raubkatzenhaften Gang, den ich bei Rebecca gesehen hatte, auf mich zu und setzte ihr ganzes Gewicht ein, als sie mich gegen die Wand warf und zugleich die Finger mit den langen Nägeln spreizte, um sie mir ins Gesicht zu krallen.

Roger versuchte es mit höflicher Einrede.»Miss Stratton — «

Die Katze sprang, ohne ihn zu beachten.

Ich hätte ihr gern einen Schlag in den Magen versetzt und sie geohrfeigt, daß ihr Hören und Sehen verging, aber für mein Unterbewußtsein war das tabu, und vielleicht konnte ich gerade diese Frau nicht verletzen, weil Keith meine Mutter geschlagen hatte. Meine Mutter, Hannahs Mutter. Ein Wirrwarr. Jedenfalls versuchte ich lediglich die Hände meiner vermaledeiten Halb-Schwester zu pak-ken, wozu ich das Gehgestell loslassen mußte, und das gab Keith eine Gelegenheit, die er ohne Skrupel nutzte.

Er riß das Gestell hoch, stieß Hannah aus dem Weg, und die stabilen Chromröhren mit den schwarzen Gummistutzen trafen mich wie eine Keule. Nicht gut. Für die verklammerten Wunden entsetzlich.

Roger hielt Keith am Arm fest, um einen zweiten Schlag zu verhindern, und ich hielt Hannah bei den Handgelenken und versuchte ihren Spuckattacken zu entgehen. Alles in allem war es ein unschöner Samstagmorgen geworden.

Es kam noch schlimmer.

Keith schlug mit dem Gestell auf Roger los. Roger wich aus. Keith schwang es zu mir herum und traf zum zweitenmal, und da Hannah sich noch heftig loszureißen suchte, während Keith herankam und mit dem Chromgestänge jetzt auf meine Magengegend zielte, beschlossen meine Beine leider, mir den Dienst zu versagen, und knickten einfach weg, so daß ich wankte, wackelte und schmählich zu Boden sackte.

Hannah entriß ihre Hände meinem Griff und versetzte mir einen Tritt. Ihr Sohn, der mich noch nicht mal kannte, stieg in das Getümmel ein und trat mich zweimal genauso heftig, aber ohne zu bedenken, welche Folgen das für ihn selbst haben konnte. Ich packte den zum drittenmal vorstoßenden Fuß und riß daran, und mit einem überraschten Aufschrei verlor der junge Mann das Gleichgewicht und stürzte innerhalb meiner Reichweite nieder.

Sein Pech. Ich packte ihn und schlug ihm die Faust ins

Gesicht und knallte seinen Kopf auf den Boden, so daß Hannah über uns schrie wie eine Furie. Ihre Schuhe, merkte ich, hatten harte Spitzen und spitze Hacken.

Ich wußte, daß Roger irgendwo da oben versuchte, das Handgemenge zu beenden, aber dazu hätte der Colonel wohl eine Schußwaffe gebraucht.

Keith ging mit seinen schweren Füßen auf mich los, stampfend und tretend. Unter seinem Gewicht, seiner Brutalität liefen tiefe Schauer durch meinen Körper. Roger gab sich wirklich alle Mühe, ihn von mir wegzuzerren, und ungefähr zu diesem Zeitpunkt, keinen Augenblick zu früh, öffnete sich die Bürotür wieder, und es gab eine willkommene Unterbrechung.

«Na, hört mal«, blökte eine Männerstimme,»was ist denn hier los?«

Keith schüttelte Rogers Griff ab und sagte ungerührt:»Zieh Leine, Ivan. Das geht dich nichts an.«

Ivan hätte vielleicht sogar gehorcht, aber hinter ihm kam ein viel schwierigerer Kunde.

Marjories gebieterische Stimme drang durch den allgemeinen Kampfeslärm.

«Keith! Hannah! Zum Donnerwetter, was fällt euch denn ein? Colonel, rufen Sie die Polizei. Holen Sie sofort die Polizei.«

Die Drohung wirkte augenblicklich. Hannah hörte auf zu treten und zu schreien. Keith trat keuchend zur Seite. Jack rutschte auf allen vieren von mir weg. Roger stellte die Gehhilfe vor mich hin und streckte die Hand aus, um mich hochzuziehen. Das kostete ihn mehr Anstrengung, als er erwartet hatte, aber soldatische Entschlossenheit machte es möglich. Ich hievte mich mit der Kraft meiner Arme auf das Gestell, lehnte mich müde gegen die Wand und stellte fest, daß nicht nur Ivan und Marjorie hinzugekommen waren, sondern auch Conrad und Dart.

Einen sprachlosen Moment lang schätzte Marjorie die Lage ab, registrierte die rasende Wut, die Hannah noch anzusehen war, die unverbrauchte rohe Gewalt bei Keith und die rachsüchtige Flappe des aus der Nase blutenden Jack. Sie schaute zu Roger, umfing schließlich mich mit einem Blick von Kopf bis Fuß und ließ die Augen auf meinem Gesicht ruhen.

«Eine Schande«, sagte sie vorwurfsvoll.»Zu raufen wie die Tiere. Das sollten wir doch besser wissen.«

«Er hat hier nichts zu suchen«, sagte Keith belegt und fügte eine glatte Lüge hinzu:»Er hat mich mit der Faust geschlagen. Er hat angefangen.«

«Mir hat er das Nasenbein gebrochen«, beklagte sich Jack.

«Sagt bloß, er hat euch alle drei angegriffen«, spöttelte Dart.»Geschieht euch recht.«

«Halt den Mund«, befahl Hannah ihm giftig.

Conrad äußerte seine Meinung.»Durch irgend etwas hat er ja bestimmt die Sache ausgelöst. Ich meine, das liegt doch auf der Hand. «Er wurde zum Untersuchungsrichter, zur tragenden Figur des Verfahrens, zum Ankläger; zum Wichtigtuer.

«Also, Mr. Morris, weshalb haben Sie denn nun meinen Bruder geschlagen und seine Familie angegriffen? Was haben Sie dazu zu sagen?«

Zeit für den Angeklagten, sich zu verteidigen, dachte ich. Ich schluckte. Ich fühlte mich schwach — und war zu wütend, um der Schwäche nachzugeben oder sie offen zu zeigen, damit sich alle noch daran ergötzten.

Als ich sicher sein konnte, daß meine Stimme nicht als ein Krächzen herauskam, sagte ich gleichmütig:»Ich habe

Ihren Bruder nicht geschlagen. Ich habe gar nichts getan. Sie sind auf mich losgegangen, weil ich bin, der ich bin.«

«Das ergibt keinen Sinn«, sagte Conrad.»Niemand wird angegriffen, bloß weil er ist, was er ist.«

«Erzähl das mal den Juden«, meinte Dart.

Die ganze Runde war einen Moment lang bestürzt.

Marjorie Binsham sagte:»Geht nach draußen, alle miteinander. Ich regle das mit Mr. Morris hier. «Sie drehte den Kopf zu Roger.»Sie auch, Colonel. Raus.«

Conrad sagte:»Das ist gefährlich — «

«Quatsch!«unterbrach Marjorie.»Ab mit euch.«

Sie gehorchten ihr und schlurften hinaus, ohne sich anzusehen, geniert.

«Macht die Tür zu«, befahl sie, und Roger, der als letzter ging, schloß sie.

Sie setzte sich gelassen hin, heute in einem eng anliegenden marineblauen Mantel, unter dem sich wieder ein weißer Stehkragen zeigte. Das wellige weiße Haar, der sehr zart wirkende Teint und die stechenden Falkenaugen, all das war wie zuvor.

Sie musterte mich kritisch.»Gestern sind Sie in die Luft geflogen, und heute lassen Sie auf sich rumtrampeln. Sehr klug stellen Sie sich nicht an, was?«

«Nein.«

«Und gehen Sie von der Wand weg. Sie machen Blut drauf.«

«Ich streiche sie Ihnen.«

«Wo kommt das Blut denn überhaupt her?«

Ich erzählte ihr von den zahlreichen Prellungen, Schnittwunden und Klammern.»Es fühlt sich an«, sagte ich,»als wäre da einiges wieder aufgerissen.«»Verstehe.«

Sie wirkte einen Augenblick unschlüssig, nicht so energisch wie sonst. Dann sagte sie:»Wenn Sie wollen, entbinde ich Sie von unserer Abmachung.«

«Was?«Ich war überrascht.»Nein, die Abmachung steht.«

«Ich habe nicht damit gerechnet, daß Sie verletzt werden.«

Ich überlegte kurz. Verletzt zu sein war zwar unangenehm, in gewisser Hinsicht aber belanglos. Ich ignorierte es, so gut ich konnte. Konzentrierte mich auf anderes.

«Wissen Sie«, fragte ich,»wer den Sprengstoff gelegt hat?«

«Nein.«