«Wer von den Strattons besäße die nötigen Kenntnisse?«
«Keiner.«
«Was ist mit Forsyth?«
Auch sie machte die Schotten dicht.
«Forsyth mag sein, was er will«, sagte sie,»aber ein erfahrener Pyrotechniker ist er nicht.«
«Hätte er ein Motiv, Sprengstoff legen zu lassen?«
Nach einer Pause sagte sie:»Ich glaube nicht.«
Schweiß stand mir auf der Stirn. Ich hob unwillkürlich die Hand, um ihn abzuwischen, wankte und faßte schnell wieder nach dem Gehgestell, um die Balance zu halten und nicht hinzufallen. Zu viele geprellte Muskeln, zuviel zerschnittenes Gewebe, insgesamt zu mitgenommen. Ich stand still und atmete tief durch; der kritische Moment war vorüber, das Gewicht ruhte auf meinen Armen.
«Setzen Sie sich«, befahl Marjorie.
«Das wäre vielleicht noch schlimmer.«
Sie riß die Augen auf. Ich lächelte.»Meine Kinder finden das komisch.«
«Aber Sie nicht.«
«Nicht besonders.«
Sie sagte gedehnt:»Zeigen Sie Keith wegen Körperverletzung an? Keith und Hannah?«
Ich schüttelte den Kopf.
«Wieso nicht? Die haben Sie getreten. Ich habe es gesehen.«
«Und würden Sie das auch vor Gericht aussagen?«
Sie zögerte. Sie hatte mit der Polizei gedroht, um den Streit zu beenden, aber es war eine Drohung gewesen und weiter nichts.
Ich dachte an den Pakt meiner Mutter mit Lord Stratton, über Keiths Gewalttätigkeit zu schweigen. Von diesem Stillschweigen hatte ich ungeheuer profitiert. Gefühlsmäßig neigte ich dazu, es wie meine Mutter zu halten. Ich sagte:
«Eines Tages werde ich mit Keith abrechnen — aber nicht, indem ich Sie öffentlich mit Ihrer Familie in Konflikt bringe. Es ist eine Sache, die er und ich unter uns abmachen müssen.«
Sichtlich erleichtert sagte sie förmlich:»Ich wünsche Ihnen Glück.«
Vor dem Fenster draußen heulte kurz eine Sirene auf, mehr ein Signal der Ankunft als der Dringlichkeit.
Die Polizei war also doch gekommen. Marjorie Binsham war wenig begeistert, und ich war sehr müde, und durch die sich öffnende Bürotür ergossen sich Leute in einer Zahl, für die der kleine Raum keineswegs gedacht war.
Keith versuchte erfolglos, den Gesetzeshütern einzureden, ich hätte mich der Körperverletzung an seinem Enkelsohn Jack schuldig gemacht.
«Jack«, bemerkte Roger ruhig,»sollte Leute, die am Boden liegen, nicht mit Füßen treten.«
«Und Sie«, entgegnete Keith ihm heftig,»Sie können einpacken. Hab ich ja schon gesagt. Sie sind entlassen.«
«Mach dich nicht lächerlich«, schnappte Marjorie.»Colonel, Sie sind nicht entlassen. Wir brauchen Sie. Bitte bleiben Sie bei uns. Nur durch ein Mehrheitsvotum des Vorstandes kann Ihnen gekündigt werden, und diese Mehrheit kommt nicht zustande.«
«Warte nur, Marjorie«, sagte Keith mit schwerer, vor Demütigung zitternder Stimme,»dich krieg ich auch noch.«
«Na hör mal, Keith — «, setzte Conrad an.
«Sei du bloß still«, sagte Keith haßerfüllt.»Du oder dein Architekt, dieser Erpresser, ihr habt doch die Tribüne hochgehen lassen.«
Das betretene Schweigen, die stumme Verblüffung aller Strattons gab der Polizei Gelegenheit, in ein Notizbuch mit zu erledigenden Punkten zu schauen und übergangslos die Frage vorzubringen, wer von der Familie normalerweise einen dunkelgrünen, sechs Jahre alten Granada mit rostigen linken Kotflügeln fahre.
«Wie kommen Sie denn jetzt darauf?«wollte Keith wissen.
Statt ihm zu antworten, wiederholte die Polizei ihre Frage.
«Er gehört mir«, sagte Dart.»Na, und?«
«Und stimmt es, daß Sie gestern morgen um zwanzig nach acht damit durch den Haupteingang der Rennbahn gefahren sind und Mr. Harold Quest gezwungen haben, auf die Seite zu springen, da er sich sonst ernstlich verletzt hätte, und haben Sie ihm, als er sich darüber beschwerte, mit einer obszönen Geste geantwortet?«
Dart hätte fast gelacht, besann sich klugerweise aber im letzten Moment eines Besseren.»Nein, das stimmt nicht«, sagte er.
«Was stimmt nicht, Sir? Daß Sie durch das Tor gefahren sind? Daß Sie Mr. Quest gezwungen haben, zur Seite zu springen? Oder daß Sie eine obszöne Handbewegung gemacht haben?«
Dart sagte unbekümmert:»Ich bin nicht gestern morgen um zwanzig nach acht durch den Haupteingang gefahren.«
«Aber Sie haben das Fahrzeug doch identifiziert, Sir…«
«Gestern morgen um zwanzig nach acht bin ich nicht damit gefahren. Weder hier durch den Haupteingang noch sonstwohin.«
Die Polizei stellte höflich die unvermeidbare Frage.
«Ich war im Bad, wenn Sie es genau wissen wollen«, sagte Dart und überließ die Eingrenzung seiner dortigen Tätigkeit der allgemeinen Phantasie.
Ich fragte:»Ist Mr. Quest ein dicker Mann mit Bart, Strickmütze und einem Plakat, auf dem steht PFERDERECHTE GEHEN VOR?«
Der Polizist räumte ein:»Die Beschreibung paßt auf ihn, Sir.«
«Dieser Mensch!«rief Marjorie aus.
«Gehört erschossen«, sagte Conrad.
«Er läuft einem direkt vor die Räder«, erklärte Marjorie dem Polizisten streng.»Irgendwann erreicht er bestimmt sein Ziel.«
«Und das wäre, Madam?«
«Daß man ihn umfährt, natürlich. Bei der geringsten Berührung wird er sich kunstvoll zu Boden werfen. Er will leiden für die Sache. Vor solchen Leuten muß man höllisch auf der Hut sein.«
Ich fragte:»Sind Sie sicher, daß Mr. Quest tatsächlich gestern morgen um zwanzig nach acht draußen vor dem Tor war?«
«Er hat es nachdrücklich behauptet«, sagte der Polizist.
«An Karfreitag? Das ist ein Tag, an dem kein Mensch auf die Rennbahn geht.«
«Er sagt, er war hier.«
Ich ließ es auf sich beruhen. Mangelnde Energie. Dart war mit dem Auto so oft durch das Tor rein und raus gefahren, daß wahrscheinlich jeder Demonstrant es bis hin zu seinem verkratzten Heckaufkleber beschreiben konnte, und der lautete:»Wenn Sie das lesen können, gehen Sie auf Abstand. «Dart hatte den Rauschebart neulich, als ich dabei war, verärgert. Rauschebart Harold Quest war darauf aus, Unruhe zu stiften. Wo lag die Wahrheit?
«Und Sie, Mr. Morris…«Eine andere Seite des Notizbuchs wurde aufgeschlagen und konsultiert.»Wir hörten von der Klinik, daß man Sie dabehalten wollte, aber als wir hinkamen, um Sie zu vernehmen, waren Sie einfach gegangen. Man hatte Sie nicht offiziell entlassen.«
«Was für gestrenge Worte!«meinte ich.
«Bitte?«
«Dabehalten und entlassen. Wie im Gefängnis.«
«Wir konnten Sie nicht finden«, klagte er.»Anscheinend wußte niemand, wo Sie geblieben waren.«
«Jetzt bin ich ja hier.«
«Und, ehm… Mr. Jack Stratton beschuldigt Sie, ihn heute morgen gegen acht Uhr fünfzig angegriffen und ihm das Nasenbein gebrochen zu haben.«
«Jack Stratton beschuldigt gar niemand«, sagte Marjorie voller Überzeugung.»Jack, rede.«
Der mürrische junge Mann, der sich mit einem Taschentuch das Gesicht abtupfte, nahm Marjories geballten Unwillen zur Kenntnis und murmelte, er sei möglicherweise gegen eine Tür gelaufen oder so. Obwohl Keith und Hannah dem widersprachen, strich der Polizist den Eintrag in seinem Notizbuch resigniert durch und sagte, seine Vorgesetzten wünschten von mir zu erfahren, wo der Sprengstoff sich vor der Detonation befunden habe. Wo ich also zu erreichen sei.
«Wann?«fragte ich.
«Heute morgen, Sir.«
«Dann… bin ich noch hier, glaube ich.«
Conrad verkündete mit einem Blick auf seine Uhr, er habe einen Abbruchexperten und einen Gutachter des Stadtbauamts bestellt, um zu klären, wie man am besten die alte Tribüne abreißen und das Gelände für den Wiederaufbau räumen könne.
Keith sagte aufbrausend:»Dazu hast du kein Recht. Die Rennbahn gehört mir ebensogut wie dir, und ich will sie verkaufen, und wenn sie ein Bauunternehmer kauft, reißt der die Tribüne auf seine Kosten ab. Wir bauen nicht wieder auf.«