Marjorie sagte grimmigen Blickes, sie müßten ein Gutachten darüber einholen, ob die Tribünen in ihrer alten Form wiederhergestellt werden könnten oder nicht und ob die Rennbahn-Versicherung eine andere Handlungsweise überhaupt zulasse.
«Nehmt die Versicherung zum Verkaufserlös hinzu, und es rentiert sich für uns alle«, sagte Keith starrköpfig.
Die Polizisten, uninteressiert, zogen sich nach draußen in ihren Wagen zurück, und man sah sie telefonieren, vermutlich mit ihrer Dienststelle.
Ich meinte zweifelnd zu Roger: »Könnte man die Tribüne denn wieder instand setzen?«
Er antwortete vorsichtig.»Läßt sich noch nicht sagen.«
«Klar geht das. «Marjorie war ganz sicher.»Alles läßt sich instand setzen, wenn man nur will.«
So aufbauen wie vorher, meinte sie; dasselbe noch mal. Mir schien das ein Fehler zu sein im Hinblick auf die Zukunft der Rennbahn Stratton Park.
Die Familie stritt weiter. Offenbar waren sie alle extra so schnell aufgetaucht, um einseitige Entscheidungen zu verhindern. Sie verließen das Büro als ein zankender Haufen, den die Furcht zusammenhielt, was jeder für sich unternehmen könnte. Roger beobachtete ihren Abgang mit verzweifelter Miene.
«Wie kann man so ein Geschäft führen! Und weder Oliver noch ich sind bezahlt worden, seit Lord Stratton tot ist. Er hat uns die Schecks immer persönlich ausgestellt. Jetzt ist nur Mrs. Binsham berechtigt, uns zu bezahlen. Das habe ich ihr auch erklärt, als wir vorigen Mittwoch die Bahn abgefahren sind, und sie sagte, sie verstehe, aber als ich sie gestern nach der Explosion noch mal darauf ansprach, als sie mit all den anderen hier war, meinte sie, ich solle sie zu einem solchen Zeitpunkt doch damit verschonen. «Er seufzte schwer.»Das ist ja alles gut und schön, aber wir haben seit über zwei Monaten kein Gehalt mehr gesehen.«
«Wer bezahlt das Rennbahnpersonal?«fragte ich.
«Ich. Lord Stratton hat das so geregelt. Zu Keiths Mißfallen. Er meint, das sei eine Einladung zum Betrug. Da schließt er natürlich von sich auf andere. Jedenfalls sind die einzigen Gehaltsschecks, die ich nicht zeichnen darf, die von Oliver und mir.«
«Haben Sie sie schon ausgestellt?«
«Meine Sekretärin, ja.«»Dann geben Sie sie mir.«
«Ihnen?«
«Ich sehe zu, daß die alte Eule sie unterschreibt.«
Er fragte nicht weiter. Er zog eine Schreibtischlade auf, nahm einen Umschlag heraus und hielt ihn mir hin.
«Stecken Sie ihn in meine Jacke«, sagte ich.
Er sah auf das Gehgestell, schüttelte nachdenklich den Kopf und stopfte schließlich die Schecks in meine Jackentasche.
«Sind die Tribünen«, fragte ich,»ein Totalverlust?«
«Überzeugen Sie sich am besten selbst. Wohlgemerkt, man kommt nicht nah heran. Die Polizei hat alles abgeriegelt.«
Vom Bürofenster aus war wenig Schaden zu erkennen. Man sah die hintere Wand, das Dach und schräg von der Seite die offenen Sitzreihen.
«Ich möchte mir die Löcher lieber ohne Strattons ansehen.«
Roger grinste beinah.»Jeder von denen hat Angst, die anderen aus den Augen zu lassen.«
«So kommt es mir auch vor.«
«Ich nehme ja an, Sie wissen, daß Sie bluten.«
«Marjorie meinte, ich versaue ihr die Wand. «Ich nickte.»Es hat jetzt, glaub ich, aufgehört.«
«Aber. «Er verstummte.
«Ich laß mich noch mal überholen«, versprach ich.»Aber Gott weiß wann. Da muß man so lange warten.«
Er sagte zögernd:»Bei einem Arzt hier von der Bahn ginge es schneller. Wenn Sie wollen, frag ich ihn. Er ist sehr entgegenkommend.«
«Ja«, sagte ich knapp.
Roger griff zum Telefon und versicherte dem Arzt, daß die Rennen wie geplant am Montag stattfinden würden. Könnte er ihm bis dahin einen Gefallen tun und einen Verletzten zusammennähen? Wann? Am besten gleich. Vielen Dank.
«Dann kommen Sie mal«, sagte er beim Auflegen.»Können Sie noch gehen?«
Ich konnte noch und ging, wenn auch ziemlich langsam. Die Polizisten monierten, daß ich schon wieder verschwand. Nur für eine Stunde oder so, beschwichtigte sie Roger. Die Strattons waren nirgends zu sehen, aber ihre Wagen standen noch da. Roger lenkte seinen Jeep zum Haupteingang, und Mr. Harold Quest verzichtete darauf, uns mit seinen Obsessionen zu behelligen.
Der Arzt war derjenige, der die Gestürzten am Graben versorgt hatte, geschäftsmäßig und ruhig. Als er sah, was von ihm verlangt wurde, wollte er zuerst nicht.
«Allgemeinmediziner machen so was kaum noch«, erklärte er Roger.»Sie überweisen die Leute ins Krankenhaus. Da gehört er auch hin. Sich mit solchen Schmerzen herumzuschlagen ist lächerlich.«
«Sie kommen und gehen«, sagte ich.»Und wenn wir nun mitten in der Sahara wären?«
«Swindon ist nicht die Sahara.«
«Das ganze Leben ist eine Wüste.«
Er brummte vor sich hin und flickte mich mit etwas zusammen, das wie Klebeband aussah.
«Hab ich Sie nicht schon mal gesehen?«fragte er verwirrt, als er fertig war.
Ich verwies auf das Hindernis.
«Der Mann mit den Kindern!«Er schüttelte bedauernd den Kopf.»Grausig, was sie da mitansehen mußten.«
Roger dankte ihm für seine Dienste und ich ebenfalls. Der Arzt erzählte Roger, daß Rebecca Stratton sich bei der Rennsportbehörde über seine fachliche Kompetenz oder vielmehr Inkompetenz beklagt hatte. Jetzt verlangte man von ihm eine genaue Darlegung der Gründe, die ihn bewogen hatten, sich für ein Startverbot wegen Gehirnerschütterung auszusprechen.
«Sie ist ein Miststück«, sagte Roger mit Nachdruck.
Der Arzt sah unbehaglich zu mir her.
«Er ist in Ordnung«, versicherte ihm Roger.»Sprechen Sie sich ruhig aus.«
«Seit wann kennen Sie ihn denn?«
«Lange genug. Und es waren Strattons, die ihm die Wunden wieder aufgerissen haben.«
Wehe dem, dachte ich, der in irgendeiner Weise von den Strattons als Brotgeber abhängig war. Roger lebte wirklich am Rande eines Abgrunds — und wenn er seinen Job verlor, verlor er auch seine Wohnung.
Er fuhr uns vorsichtig zurück zur Rennbahn und unterließ es, sich über die Hand, mit der ich mir den Mund zuhielt, oder über meinen hängenden Kopf zu verbreiten: Wie ich mit meinen Problemen umging, war meine Sache. Ich entwickelte ein starkes Gefühl der Freundschaft und Dankbarkeit ihm gegenüber.
Der Rauschebart trat vor den Jeep. Ich hätte gern gewußt, ob er wirklich Quest hieß — die Suche, die Forderung — oder ob er sich den Namen ausgedacht hatte. Im Moment konnte man ihn schlecht danach fragen. Er verstellte uns die Einfahrt, und zu meiner Überraschung setzte Roger prompt zurück, wendete, und wir fuhren auf der Straße weiter.
«Mir ist gerade eingefallen«, meinte er bedächtig,»daß wir nicht nur ein Geplänkel mit diesem Irren vermeiden, wenn wir hintenrum fahren; Sie können sich dann ja auch in Ihrem Bus gleich umziehen.«
«Ich habe fast nichts mehr zum Wechseln.«
Er blickte zweifelnd zu mir herüber.»Meine Größe wird Ihnen kaum passen.«
«Nein. Es geht schon.«
Ich mußte wählen zwischen abgewetzten Arbeitsjeans und feinem Rennbahnzivil. Ich entschied mich für die Jeans und ein kariertes Holzfällerhemd und warf die blutgetränkten Sachen vom Morgen in einen Wäschekorb, der schon mit klatschnassem kleinerem Zeug vollgestopft war.
Die Jungen hatten sich und den Bus fertig gewaschen. Der Bus war jetzt definitiv sauberer. Die Jungen mußten wieder trocken sein, auch wenn sie nirgends zu sehen waren. Ich stieg langsam wieder aus und sah Roger um das Haus auf Rädern herumgehen, interessiert, aber zurückhaltend wie immer.
«Das war ursprünglich ein Fernreisebus«, sagte ich.»Ich habe ihn gekauft, als das Busunternehmen von seinem gemütlichen alten Fuhrpark auf moderne vollverglaste Panoramakutschen umgestiegen ist.«