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«Na, und? Dadurch wird es doch interessanter.«

Mit einem Mal waren sie alle das Rätsel leid und zogen nach alter Gewohnheit los, zurück zu ihrem Phantasiespiel.

«Herr des Himmels!«rief Dart aus.»Das ist verdammt noch mal nicht fair.«

Ich lachte leise in mich hinein.

«Was hat denn nun der Pilger gemacht?«

«Knobeln Sie es aus.«

«Sie sind genauso schlimm wie Ihre Kinder.«

Dart und ich setzten uns wieder in seinen Wagen. Er legte das Gehgestell auf die Rückbank und meinte:»Keith hat Sie wirklich bös erwischt, was?«

«Nein, das war die Explosion. Das Dach ist eingestürzt.«

«Und auf Sie gefallen. Habe ich schon gehört.«

«Von den Schulterblättern abwärts«, bestätigte ich.»Hätte schlimmer kommen können.«»Na klar. «Er ließ den Motor an und fuhr den Serviceweg entlang.»Also, was hat der Pilger gemacht?«

Ich lächelte.»Er hat sich von einem der Zwillinge sagen lassen, welche Straße die sichere sei, und ist dann die andere entlanggegangen. Denn seine Frage war so formuliert, daß beide Zwillinge ihm die Straße zum Tod zeigen würden.«

Er überlegte nur kurz.»Wieso?«

«Fragt der Pilger den ehrlichen Zwilling, welchen Weg aus der Gefahr sein Bruder ihm weisen würde, dann muß der ehrliche Zwilling, der ja weiß, daß sein Bruder immer lügt, auf den Weg zeigen, der in den Tod führt.«

«Da komme ich nicht mit.«

Ich erklärte das Ganze noch einmal.»Und«, sagte ich,»wenn es sich trifft, daß der Pilger den verlogenen Zwilling fragt, welchen Weg aus der Gefahr sein Bruder weisen würde, dann antwortet der Lügenbold, der weiß, daß sein Bruder die Wahrheit sagen würde, mit der Unwahrheit. Auch der verlogene Bruder zeigt also auf den Weg, der in den Tod führt.«

Dart verfiel wieder in Schweigen. Schließlich sagte er:»Verstehen Ihre Söhne das?«

«Ja. Sie haben es szenisch durchgespielt.«

«Zanken die sich niemals?«

«Doch, natürlich. Aber sie sind so oft umgezogen, daß sie außerhalb der Familie kaum Freundschaften geschlossen haben. Sie halten zusammen. «Ich seufzte.»Das wird sich auch bald ändern. Christopher ist für die Hälfte ihrer Spiele schon zu alt.«

«Schade.«

«Das Leben geht weiter.«

Dart brachte sein rostiges Gefährt sacht auf dem Behelfsparkplatz vor Rogers Büro zum Stehen.

Ich sagte zögernd:»Waren Sie gestern morgen wirklich mit dem Wagen hier, wie Harold Quest behauptet?«

«Nein. «Dart nahm die Frage nicht übel.»Und zwischen acht und halb neun war ich effektiv zu Hause im Bad beschäftigt, weil ich nämlich — und lachen Sie jetzt bloß nicht, ich erzähle das sonst keinem — einen neuen Kopfhautvibrator habe, der den Haarausfall bremsen soll.«

«Schlangenöl«, sagte ich.

«Verflucht, Sie sollten doch nicht lachen.«

«Ich lache ja auch nicht.«

«Ihre Mundwinkel zucken.«

«Jedenfalls glaube ich Ihnen schon der Haare wegen«, sagte ich,»daß Sie gestern morgen um zwanzig nach acht nicht mit Ihrer Klapperkiste voller Sprengschnur und Plastiksprengstoff auf die Rennbahn gekommen sind.«

«Tausend Dank.«

«Die Frage ist, ob sich jemand ohne Ihr Wissen Ihren Wagen ausgeliehen haben könnte. Ginge es vielleicht, daß der Sprengstoffexperte oder die Polizei den Wagen einmal auf Nitratspuren prüfen?«

Er sah entgeistert aus.»Das kann nicht Ihr Ernst sein!«

«Irgend jemand«, erläuterte ich,»hat gestern Sprengstoff zu der Treppe im Tribünenbau geschafft. Verlegt wurde das Ganze wahrscheinlich nach sieben, als der Nachtwächter gegangen war. Da war es inzwischen taghell. Aber da wir Karfreitag hatten, war das Gelände verlassen bis auf Harold Quest und seine Kumpel am Eingang, und wieweit man denen trauen kann, weiß ich nicht.«

«Die verlogenen Zwillinge«, sagte Dart.

«Mag sein.«

Ich versuchte mir den unbekümmerten Dart mit seinem Bauchansatz und dem schütteren Haar, der ironischen Geistesart und dem trägen Kern als jemand vorzustellen, der sich dazu hinreißen ließ, eine Tribüne in die Luft zu jagen. Unmöglich. Aber sein Auto verleihen? Es ohne Trara zu einem nicht näher bezeichneten Zweck verleihen — das bestimmt. Es in dem Wissen verleihen, daß es für eine Straftat herhalten sollte? Ich hoffte nicht. Und doch hätte er zugelassen, daß ich den verschlossenen Schrank im Arbeitszimmer seines Vaters aufbreche. Er hatte mich dorthin gefahren und mir den Weg zu jeder Schandtat geebnet. Mein Rückzieher hatte ihn dann überhaupt nicht gekümmert.

Ein laxer Sinn für Recht und Unrecht oder eine tiefe Entfremdung, die er gewohnheitsmäßig verbarg?

Ich mochte Dart; seine Gesellschaft war anregend. Von den Strattons war er der normalste. Fast hätte man sagen können, eine Rose unter Brennesseln.

Ich fragte beiläufig:»Wo ist denn Ihre Schwester Rebecca heute? Eigentlich hätte ich erwartet, daß sie hier ist und richtig schnurrt vor Zufriedenheit.«

«Sie reitet in Towcester«, sagte er kurz.»Hab ich in der Zeitung gesehen. Es freut sie sicher riesig, daß die Tribüne hinüber ist, aber ich habe sie seit Mittwoch nicht gesprochen. Sie hat, glaub ich, mit Vater geredet. Am Montag reitet sie hier eins von seinen Pferden. Das hat gute Aussichten auf einen Sieg, von daher würde sie den Renntag sicher nicht mit Dynamitzündeleien aufs Spiel gesetzt haben, falls Sie das annehmen.«

«Wo wohnt sie?«fragte ich.

«Lambourn. Rund zehn Meilen von hier.«

«Pferdeland.«

«Pferde sind die Luft, die sie atmet. Echt verrückt.«

Häuserbauen war die Luft, die ich atmete. Für mich war es erfüllend, Ziegel auf Ziegel zu setzen, Stein auf Stein: etwas Totes zum Leben zu erwecken. Ich hatte Verständnis für ganz auf ein Ziel gerichtete Energien. Ob zum Guten oder zum Schlechten, ohne sie tut sich auf der Welt nicht viel.

Die anderen Strattons kamen vorn um die Tribüne herum und brachten Conrads Architekten mit. Die Polizei und der Sprengstoffexperte siebten offenbar sorgfältig vom Rand her die Trümmer durch. Der schnauzbärtige Gutachter kratzte sich am Kopf.

Roger kam zu Darts Wagen herüber und fragte, wo wir gesteckt hätten.

«Wir haben die Kinder verköstigt«, sagte ich.

«Aha! Nun, die Ehrenwerte Marjorie möchte Sie auseinandernehmen. Äh…«Er besann sich auf mehr Zurückhaltung, weil Dart dabei war.»Mrs. Binsham möchte Sie in meinem Büro sprechen.«

Ich kletterte steifbeinig auf den Asphalt hinaus und stakste los. Roger kam an meine Seite.

«Lassen Sie sich nicht von ihr fertigmachen«, sagte er.

«Nein. Keine Sorge. Wissen Sie zufällig, wie dieser Architekt heißt?«

«Bitte?«

«Conrads Architekt.«

«Der heißt Wilson Yarrow. Conrad sagt Yarrow zu ihm.«

«Danke.«

Ich blieb abrupt stehen.

Roger sagte:»Was ist los? Schlimmer geworden?«

«Nein. «Ich sah ihn geistesabwesend an, was ihn erst recht beunruhigte. Ich fragte:»Haben Sie jemandem von den Strattons gesagt, daß ich Architekt bin?«

Er war verblüfft.»Nur Dart. Dem haben Sie es selbst gesagt, wissen Sie noch? Wieso? Spielt das eine Rolle?«

«Erzählen Sie es keinem«, sagte ich. Ich machte eine Kehrtwende zurück zu Dart, der ausstieg und mir entgegenkam.

«Was gibt’s?«sagte er.

«Nichts weiter. Aber… haben Sie zufällig gegenüber jemandem aus Ihrer Familie erwähnt, daß ich gelernter Architekt bin?«

Er dachte stirnrunzelnd zurück. Roger, der zu uns trat, sah völlig verwirrt aus.»Was liegt daran?«

«Ja«, wiederholte Dart,»was liegt daran?«

«Ich möchte nicht, daß Conrad es erfährt.«

Roger protestierte.»Aber Lee, warum denn nicht?«

«Der Mann, den er dabeihat, Wilson Yarrow, er und ich haben an derselben Schule studiert. Irgendwas ist mit ihm…«Ich stockte und dachte angestrengt nach.