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«Was soll mit ihm sein?«wollte Roger wissen.

«Das ist ja das Dumme, ich komme nicht mehr drauf. Ich kann es aber leicht rauskriegen. Nur würde ich das lieber klären, ohne daß er davon erfährt.«

«Wollen Sie damit sagen«, fragte Dart,»daß er die Tribüne gesprengt hat, um den Auftrag für ihren Neubau zu bekommen?«

«Gott«, sagte Roger.»Das nenne ich voreilige Schlüsse ziehen.«

«Es ist Keiths Meinung. Er hat das gesagt.«

«Ich glaube, die wissen nur, daß Sie vom Bau sind«, sagte Roger nachdenklich zu mir,»und mit Verlaub, im Augenblick sehen Sie auch genauso aus.«

Ich warf einen Blick auf mein weites kariertes Hemd und

die ausgebeulten, abgewetzten Arbeitsjeans, und es war mir nur lieb, daß er recht hatte.

«Kennt er Sie nicht auch«, fragte Roger,»wenn Sie auf dieselbe Schule gegangen sind?«

«Nein. Ich war mindestens drei Jahrgänge hinter ihm und nicht besonders auffällig. Er war ein leuchtender Stern. Ein anderes Firmament. Ich glaube nicht, daß wir je miteinander gesprochen haben. Solche Leute sind zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, um sich die Namen und Gesichter der jüngeren Semester zu merken. Und es war ja nicht vorige Woche. Vor siebzehn Jahren habe ich mich da eingeschrieben.«

Wenn sich zwei Architekten kennenlernten, eröffneten sie das Gespräch in aller Regel mit der Frage:»Wo haben Sie studiert?«Und an der Antwort wurden vorgefaßte Meinungen festgemacht.

Die Bauschule in Cambridge etwa stand am ehesten für behutsames Bewahren, die in Bath für Substanz vor Schönheit und das Macintosh in Glasgow für schottischen Nationalstolz. Wer an einer dieser Schulen studiert hatte, wußte, wie seine Studiengenossen eingestellt waren. Man verstand den Fremden auf Grund der gemeinsamen Erfahrungen.

Die Architectural Association, Alma mater von Yarrow und mir, brachte hauptsächlich innovative Ultramodernisten hervor, die in die Zukunft blickten und raffinierte Wohnma-schinen aus Glas errichteten. Der Geist Le Corbusiers regierte, auch wenn die Schule selbst am Bedford Square in London stand — eine terrassenförmig angelegte, wohlproportionierte georgianische Villa, die oft im Widerspruch zu den in ihr gehaltenen Vorlesungen zu stehen schien.

Die immer hell erleuchteten Fenster der Bibliothek strahlten abends auf den dunklen Platz hinaus, feierten gleichsam das Licht der Erkenntnis, und wenn selbstzufriedene Studentenstars einer gewissen Arroganz zuneigten, dann war die herausragende Qualität und Gründlichkeit des Unterrichts vielleicht eine Entschuldigung dafür.

Da die Schule weitgehend außerhalb des staatlichen Er-ziehungs- und Bildungssystems stand, wurde sie von der öffentlichen Hand kaum gefördert und hauptsächlich von zahlenden Studenten besucht. So kam es auch, daß der Zustrom einheimisch-englischer Künstlertypen mit den Jahren nachließ, während die Zahl der Sprößlinge wohlhabender Griechen, Nigerianer, Amerikaner, Iraner und Hongkong-Chinesen allmählich zunahm, und mir schien, ich hatte durch den Verkehr mit ihnen viel gelernt und verdankte diesem Kontakt ungewöhnliche Freundschaften.

Der äußerst praxisbezogene, zuweilen auch metaphysische Unterricht hatte mir vor allem das angewandte Wissen Le Corbusiers und humanistische Tendenzen vermittelt, und ich würde es in den Hallen der Mutter, die mich genährt hatte, nie zu Ehren bringen: Wer alte Ruinen wiederherstellt, erwirbt sich keinen Nachruhm.

Dart fragte neugierig:»Haben Sie einen Titel?«

Ich zögerte.»Bitte? Ja, hab ich. A. A. Dipl., das steht für Diplom der Architectural Association. Der Allgemeinheit sagt es vielleicht nichts, aber für andere Architekten, auch für Yarrow, ist es ziemlich aufschlußreich.«

«Hört sich an wie Anonyme Alkoholiker, die Plastikbomben legen.«

Roger lachte.

«Halten Sie den kleinen Scherz unter Verschluß«, bat ich, und Dart sagte, er könne sich vielleicht dazu durchringen.

Mark, Marjories Chauffeur, stieß zu uns und erklärte uns mißbilligend, ich ließe Mrs. Binsham warten. Sie sitze im Büro und wippe mit dem Fuß.

«Sagen Sie ihr, ich bin unterwegs«, sagte ich, und Mark ging, um es auszurichten.

«Dieser wackere Mann verdient das Viktoriakreuz«, grinste Dart,»für hervorragende Tapferkeit. «Ich ging hinter Mark her.»Genau wie Sie«, rief Dart mir nach.

Marjorie mit ihrem steifen Rücken war in der Tat verärgert, aber wie sich herausstellte, nicht über Mark oder mich. Der Chauffeur war auf einen Spaziergang geschickt worden. Ich wurde aufgefordert, Platz zu nehmen.

«Ich möchte eigentlich lieber stehen.«

«Ach ja, ich vergaß. «Sie musterte mich kurz vom Hemd bis zu den Jeans, als wüßte sie mich wegen meiner wechselnden Erscheinung nicht recht einzuordnen.

«Sie sind, glaube ich, Bauunternehmer«, begann sie.

«Ja.«

«Nun, nachdem Sie sich den Schaden an der Tribüne jetzt näher angeschaut haben — was sagt der Bauunternehmer dazu?«

«Zur Wiederherstellung in der alten Form?«

«Natürlich.«

Ich sagte:»So sehr ich Ihren Wunsch verstehe, ich hielte das offen gestanden für einen Fehler.«

Sie war eigensinnig.»Aber es ließe sich machen?«

Ich sagte:»Der ganze Bau könnte sich als unstabil erweisen. Das Gebäude ist alt, wenn auch, zugegeben, gut gearbeitet. Es könnten aber Risse entstanden sein, die man noch nicht sieht, und zweifellos haben sich neue Belastungen ergeben. Sind die Trümmer erst entfernt, könnten weitere Gebäudeteile einstürzen. Man müßte alles abstützen. Es tut mir wirklich leid, aber ich würde Ihnen raten, alles abzureißen und ganz neu zu bauen.«

«Das möchte ich nicht hören.«»Ich weiß.«

«Ließe es sich denn wieder so aufbauen, wie es war?«

«Natürlich. Die Pläne und Zeichnungen sind ja alle noch hier im Büro. «Ich hielt inne.»Aber es wäre eine verpaßte Gelegenheit.«

«Sagen Sie bloß, Sie halten es mit Conrad?«

«Ich halte es mit niemandem. Ich sage Ihnen nur ehrlich, daß Sie die alte Tribüne im Hinblick auf moderne Ansprüche enorm verbessern könnten, wenn Sie sie neu entwerfen ließen.«

«Mir gefällt aber der Architekt nicht, den Conrad uns aufzwingen will. Ich verstehe ihn nur zur Hälfte, und Sie werden es nicht glauben, aber der Mann benimmt sich herablassend.«

Und ob ich das glaubte.»Er wird schon noch einsehen, daß das ein Fehler ist«, sagte ich lächelnd.»Falls Sie sich übrigens doch für einen Umbau der Tribüne entscheiden sollten, wäre es ratsam, in Architekturzeitschriften einen Wettbewerb auszuschreiben und die eingehenden Pläne einer Jury vorzulegen, die Sie bestimmen könnten. Dann hätten Sie eine Auswahl. Sie wären nicht an Wilson Yarrow gebunden, der vom Rennsport, wie der Colonel mir versichert, keinen Schimmer hat. Man würde noch nicht einmal einen Sessel kaufen, ohne sich probehalber reinzusetzen. Die Tribünen müssen bequem sein und gut aussehen.«

Sie nickte nachdenklich.»Sie wollten sich mal über diesen Yarrow informieren. Haben Sie das getan?«

«Bin dabei.«

«Und Keiths Schulden?«

«Ich arbeite dran.«

Sie schnaubte ungläubig, nicht ganz zu Unrecht.»Ich nehme an«, setzte sie, um Fairneß bemüht, hinzu,»daß es Ihnen schwerfällt herumzulaufen.«

Ich zuckte die Achseln.»Auch die Feiertage sind ein Problem. «Ich überlegte kurz.»Wo wohnt Keith?«

«Über seinem Wert.«

Ich lachte. Marjorie schmunzelte über ihre eigene Schlagfertigkeit.

Sie sagte:»Er wohnt im Wittibhaus auf dem Gut. Es wurde für die Witwe des ersten Barons gebaut, und da sie gern geprotzt hat, ist es ziemlich groß. Keith tut, als ob es ihm gehört, aber er wohnt da zur Miete. Jetzt, wo mein Bruder tot ist, fällt es natürlich an Conrad.«

Ich fragte zögernd:»Und. welche Einkünfte hat Keith?«

Marjorie mißbilligte die Frage, antwortete aber nach einiger Überlegung; schließlich hatte sie mir die Rolle in dem Spiel selbst zugeteilt.