«Seine Mutter hat ihn sichergestellt. Sie war vernarrt in ihn; er war ein hübsches Kind, und auch als junger Mann sah er gut aus. Sie ließ ihm alles durchgehen. Conrad und Ivan waren immer plump und ungeschickt und haben ihr nie Freude gemacht. Sie starb vor ungefähr zehn Jahren. Damals hat Keith sein Geld geerbt, und ich würde meinen, er hat es verbraten.«
Ich überlegte ein wenig und fragte:»Wer ist der Vater von Jack?«
«Das geht Sie nichts an.«
«Es tut nichts zur Sache?«
«Natürlich nicht.«
«Wettet Keith auf Pferde? Was spielt er? Karten? Backgammon?«
«Vielleicht finden Sie das ja raus. Mir erzählt er selbstverständlich nichts davon.«
Ich wußte nur eine Möglichkeit, mir Einblick in Keiths Angelegenheiten zu verschaffen, und auch die war problematisch. Als erstes würde ich mir einen Wagen leihen und ihn fahren müssen, wo mir doch schon das Gehen schwerfiel. Laß dir zwei, drei Tage Zeit, dachte ich. So bis Dienstag.
«Was fängt Keith mit seiner Zeit an?«fragte ich.
«Er sagt, er hat einen Job in der Londoner City. Den hatte er vielleicht mal, aber jetzt ist das bestimmt gelogen. Er lügt ja dauernd. Im übrigen ist er fünfundsechzig. Rentenalter, wie man sagt. «Sie rümpfte mehr oder weniger die Nase.»Wer Verpflichtungen hat, pflegte mein Bruder zu sagen, der geht nie in Rente.«
Ob man sich zur Ruhe setzte, blieb einem zwar nicht immer selbst überlassen, aber wozu streiten? Nicht jeder war ein Baron mit ererbtem Titel, abhängigen Geschwistern und väterlicher Einstellung. Nicht jeder besaß Geld genug, um Karren zu schmieren und Wogen zu glätten. Mein Nichtgroßvater, dachte ich, mußte bei all seinen Schwächen ein netter Mensch gewesen sein; meine Mutter hatte ihn ja auch gemocht, und Dart ebenfalls.
«Wie steht’s mit Ivan?«fragte ich.
«Ivan. «Ihre Brauen hoben sich.»Wie meinen Sie?«
«Er hat ein Gartencenter?«
Sie nickte.»Mein Bruder hat ihm fünfzig Morgen Land geschenkt. Vor Jahren schon, als Ivan noch jung war. Er versteht sich aufs Pflanzen, Säen, Aufziehen. «Nach einer Pause fuhr sie fort:»Man braucht nicht hochintelligent zu sein, um ein zufriedenes, redliches Leben zu führen.«
«Aber Glück braucht man dazu.«
Sie musterte mich und nickte.
Da sie keine Fragen mehr an mich zu haben schien, fragte ich sie, ob sie die Gehaltsschecks für Roger und Oliver unterschreiben könne.
«Was? Ja, das habe ich ihm doch gesagt. Der Colonel soll mich bei Gelegenheit noch mal daran erinnern.«
«Ich hab sie hier«, sagte ich und zog den Umschlag aus meiner immer noch über dem Stuhl hängenden Jacke.»Haben Sie was zum Schreiben?«
Resigniert kramte sie einen Stift aus ihrer großen Handtasche, nahm die Schecks aus dem Umschlag und setzte ihren Namenszug exakt, ohne Schnörkel auf die dafür vorgesehene Linie.
Ich sagte schüchtern:»Um Ihnen die Mühe künftig zu ersparen, könnte der Vorstand doch auch Conrad, Ivan oder Dart die Zeichnungsbefugnis für Schecks geben. Dazu müßten sie nur ihre Unterschrift bei der Bank hinterlegen. Es kommen bestimmt noch eine Menge Sachen — und nicht nur Gehaltsschecks — auf Sie zu, die unterschrieben werden müssen. Der Colonel braucht Vollmachten, wenn er verantwortlich handeln soll.«
«Sie scheinen sich ja gut auszukennen!«
«Ich kenne mich mit Geschäften aus. Ich habe eine GmbH.«
Sie runzelte die Stirn.»Also gut. Alle drei dann. Genügt das?«
«Am besten unterschreiben je zwei aus dem Vierervorstand. Dann sind Sie abgesichert, und die Ehrlichkeit des Colonels kann von Keith oder Rebecca nicht mehr ange-zweifelt werden.«
Sie wußte nicht, ob sie verärgert oder belustigt sein sollte.»Sie haben ja im Handumdrehen unsere Stratton-Seelen bloßgelegt, was?«
Bevor ich antworten konnte, wurde unerwartet die Bürotür aufgestoßen, und Keith und Hannah kamen herein.
Ohne sich um meine Anwesenheit zu kümmern, beklagten sie sich lautstark bei Marjorie, daß Conrad mit seinem Architekten rede, als wären die neuen Pläne eine ausgemachte Sache.
«Er sagt schon wenn«, nörgelte Keith,»nicht falls. Ich bin absolut gegen dieses blödsinnige Vorhaben, und du mußt es unterbinden.«
«Tu das doch selbst«, entgegnete seine Tante bissig.»Du schlägst viel Lärm, Keith, aber du bringst nichts zustande. Und da du und Hannah schon mal hier seid, könnt ihr euch ruhig bei Mr. Morris dafür entschuldigen, daß ihr ihn angegriffen habt.«
Keith und Hannah warfen mir gleichermaßen böse Blik-ke aus schmalen Augenschlitzen zu. Für sie stellte es sich wohl so dar, daß sie ihr eigentliches Ziel nicht erreicht hatten, weil Marjorie und Ivan zufällig dazwischengekommen waren. Ich war immer noch da, immer noch auf den Beinen, ein für allemal das Symbol der unerträglichen Abneigung und Zurückweisung, die sie erlebt hatten. Daß ihr Haß irrational war, änderte nichts. Irrationaler Haß ließ weltweit Bäche von verfemtem Blut entstehen — obwohl nur Frankreich in seinem patriotischen Schlachtruf ausdrücklich zu Metzeleien aufgefordert hat und die Marseillaise noch heute das Gedankengut von 1792 hochhält.
Damals war das verfemte Blut österreichischer Herkunft gewesen. Zwei Jahrhunderte später gediehen Blutsfehden rund um den Globus. Im Büro des Verwalters von Stratton Park roch es förmlich nach Blutsfehde. Durch meine bloße Anwesenheit hatte ich bei Keith und Hannah Gefühle geweckt, die sie nicht unter Kontrolle hatten, und es kam mir keineswegs so vor, als wäre die Sache erledigt. Nur Marjorie stand in diesem Augenblick zwischen mir und der Fortsetzung ihres Vorhabens vom frühen Vormittag. Ironisch dachte ich bei mir, daß sich jeder große und normalerweise kräftige Schwächling eine standhafte Leibwache in den Achtzigern zulegen sollte.
Marjorie wartete nur kurz auf die Entschuldigung, die niemals kommen würde, und ich für mein Teil konnte auf Entschuldigungen gern verzichten, wenn sie nur einsahen, daß auch mit noch so viel Stratton-Geld eine Anklage wegen Mordes nicht abzuwenden sein würde.
Mord am Halbbruder. Mord am Sohn der Exfrau. Wie auch immer.
Amöbengleich folgten Strattons auf Strattons, als wären sie Bestandteile eines Gruppenorganismus, und Conrad stieß mit Jack und Ivan zu uns, verstärkt durch den Fremdkörper Wilson Yarrow und vervollständigt durch Dart, der schalkhaft amüsiert aussah, sowie durch Roger, der sich Mühe gab, nicht aufzufallen. Wieder war die Gesellschaft zu groß für den Raum.
Wilson Yarrow kannte mich nicht. Ich warf nur einen flüchtigen Blick auf ihn, aber er nahm mich noch weniger wahr. Seine Aufmerksamkeit wurde weitgehend von Conrad beansprucht, dem es keine Ruhe gelassen hatte, daß Keith mit Marjorie hinter einer geschlossenen Tür sprach.
Äußerlich war an Wilson Yarrow weniger sein Aussehen bemerkenswert als seine Haltung. Das rötlichbraune Haar, die lange, schmalschultrige Gestalt und das breite, schwere Kinn hinterließen keinen bleibenden Eindruck. Aber wie er den Kopf in den Nacken legte, um von oben herunterschauen zu können, das prägte sich ein.
Herablassend hatte ihn Marjorie genannt. Überzeugt von seiner Überlegenheit, dachte ich, und nicht mal ein Hauch von Bescheidenheit, um es zu bemänteln.
Conrad sagte:»Wilson Yarrow ist der Ansicht, wir sollten das Gelände räumen und sofort mit dem Wiederaufbau beginnen, und ich habe diesem Vorschlag zugestimmt.«
«Mein lieber Conrad«, sagte Marjorie mit ihrer Einfrierstimme,»so etwas zu entscheiden steht dir nicht zu. Dein Vater war berechtigt, derartige Entscheidungen zu treffen, weil ihm die Rennbahn gehört hat. Jetzt gehört sie uns allen, und bevor irgend etwas unternommen wird, muß die Mehrheit unseres Vorstandes damit einverstanden sein.«
Conrad sah gekränkt aus und Wilson Yarrow gereizt; er hielt die alte Dame offenbar für eine unbedeutende Quertreiberin.