«Fest steht nur«, fuhr Marjorie mit ihrer kristallklaren Aussprache fort,»daß wir eine neue Tribüne brauchen.«
«Nein!«warf Keith ein.»Wir verkaufen!«
Marjorie beachtete ihn nicht.»Ich bin sicher, daß Mr. Yarrow ein sehr tüchtiger Architekt ist, aber bei etwas so Wichtigem wie neuen Zuschauerbauten wäre ich doch dafür, daß wir in einer von Architekten gelesenen Zeitschrift einen Wettbewerb ausschreiben und Pläne und Vorschläge von allen Interessenten kommen lassen, damit wir verschiedene Möglichkeiten prüfen und unsere Wahl treffen können.«
Conrad war ebenso entrüstet wie Yarrow.
«Aber Marjorie — «, setzte Conrad an.
«Das wäre doch das normale Verfahren, nicht wahr?«fragte sie treuherzig.»Ich meine, man würde doch nicht mal einen Sessel kaufen, ohne verschiedene Modelle nach Aussehen, Komfort und Zweckmäßigkeit zu vergleichen, oder?«
Sie streifte mich mit einem kurzen, ausdruckslosen Blick. Zweimal bravo, dachte ich.
«Als Vorstandsmitglied«, sagte Marjorie,»stelle ich den Antrag, daß wir eine Auswahl von Vorschlägen für eine
Tribüne einholen, und selbstverständlich ist auch Mr. Yarrows Vorschlag uns willkommen.«
Totenstille.
«Möchtest du den Antrag unterstützen, Ivan?«regte Marjorie an.
«Ach so. Ja. Vernünftig. Sehr vernünftig.«
«Conrad?«
«Na hör mal, Marjorie…«
«Nimm Vernunft an, Conrad«, drängte sie. Conrad wand sich. Yarrow blickte wütend.
Keith sagte unerwartet:»Du hast recht, Marjorie. Ich stimme dafür.«
Sie sah überrascht aus, doch obwohl sie sich genau wie ich gedacht haben mochte, daß es Keith nur darum ging, den Wiederaufbau zu behindern, kam sein Beistand ihr gerade recht.
«Angenommen«, sagte sie nüchtern.»Colonel, könnten Sie sich vielleicht nach einer geeigneten Zeitschrift für die Ausschreibung erkundigen?«
Roger sagte, das könne er bestimmt und er werde es tun.
«Ausgezeichnet. «Marjorie umfing mit ruhigem Blick die aus der Fassung gebrachte Person, die den Fehler begangen hatte, sich herablassend zu benehmen.»Wenn Sie Ihre Pläne fertig haben, Mr. Yarrow, werden wir sie uns gerne anschauen.«
Er sagte mit zusammengebissenen Zähnen:»Lord Stratton hat sie schon.«
«So?«Conrad wand und krümmte sich unter dem gleichen ruhigen Blick.»Aber Conrad, ich glaube, die würden wir uns dann doch alle gern mal ansehen, hm?«
Stratton-Köpfe nickten mit unterschiedlichen Graden der Heftigkeit.
«Sie liegen bei mir zu Hause«, teilte er ihr widerwillig mit.»Ich könnte sie dir wohl mal vorbeibringen.«
Marjorie nickte.»Heute nachmittag, ja? Um vier. «Sie sah auf ihre Armbanduhr.»Du meine Güte! Höchste Zeit, daß wir zu Mittag essen. Was für ein anstrengender Morgen. «Sie stellte sich auf ihre kleinen Füße.»Colonel, da unser Speiseraum auf der Tribüne vermutlich außer Betrieb ist, könnten Sie vielleicht dafür sorgen, daß wir am Montag irgendwo ein passendes Plätzchen haben. Ich nehme an, die meisten von uns sind dabei.«
Wieder sagte Roger schwach, er werde sich darum kümmern. Marjorie trat gütig nickend ab, ganz die große alte Dame, begab sich in Marks treusorgende Obhut, und der fuhr sie davon.
Mehr oder minder sprachlos gingen auch die anderen, Conrad zusammen mit einem wütenden Yarrow, und Roger und ich blieben als einzige auf dem still gewordenen Kampffeld zurück.
«So ein alter Drachen!«sagte Roger bewundernd. Ich gab ihm seine Gehaltsschecks. Er schaute auf die Unterschrift.
«Wie haben Sie denn das angestellt?«sagte er.
Kapitel 9
Roger verbrachte den Nachmittag mit dem beratenden Elektriker der Rennbahn, dessen Leute unter Umgehung der Haupttribüne überall wieder Strom legten. Wo die Sicherungen nicht von selbst durchgebrannt waren, hatte Roger die Stromkreise offenbar vorsichtshalber abgeschaltet.»Feuer«, erklärte er,»hätte uns gerade noch gefehlt.«
Mit Hilfe eines Baggers wurde ein Graben zum Mitgliederparkplatz gezogen und ein Hochleistungskabel mit Schutzrohr verlegt, um das Zirkuszelt mit Strom für Licht und Kühlschränke zu versorgen.»Auf einer Rennbahn darf man den Sekt nicht vergessen«, hatte Roger mit vollem Ernst gesagt.
Die Zahl der Ermittler in den Trümmern war gestiegen, und sie hatten Gerüste und Ziegelschneider mitgebracht. Außerdem ersetzten sie das Absperrband durch einen langen, mannshohen und fest verschraubten Zaun.»Wir könnten die wertvollsten Indizien an Souvenirjäger verlieren«, wurde mir erklärt.»Wenn man dem Publikum am Montag keine Schranken setzt, haust es vielleicht schlimmer als Piranhas.«
Ich fragte jemanden vom Räumkommando:»Wenn Sie über dreißig Löcher in die Wände eines Treppenhauses zu bohren hätten, würden Sie dann eine Wache postieren?«
«Guter Gott, ja. «Er überlegte ein wenig.»Obwohl sich meist nicht genau sagen läßt, wo so ein Bohrgeräusch herkommt. Der Lärm ist irgendwie irreführend. Man denkt, da bohrt einer nebenan, dabei ist es hundert Meter weg — und umgekehrt. Was ich damit sagen will, ist, wenn jemand den Bohrlärm hier gehört hat, dann konnte er erstens nicht genau wissen, wo das Geräusch herkam, und zweitens hätte er sich nichts dabei gedacht in so einem Riesenbau.«
Nur Roger, dachte ich, hätte gewußt, daß Bohrgeräusche nicht hierhergehörten — und Roger war daheim gewesen, ein halbe Meile außer Hörweite.
Ich versuchte übers Mobiltelefon, das noch in Rogers Jeep war, Freunde und Lehrer aus meiner Studentenzeit aufzustöbern, um sie nach Yarrow zu fragen, erreichte aber fast niemand. Von einem, Carteret, erwischte ich die Ehefrau, die versprach, ihm meine Nummer zu geben, doch er habe in St. Petersburg zu tun, und ich redete auch mit einer sehr jungen Tochter, die mir sagte, ihr Papa wohne nicht mehr bei ihnen. Guten Detektiven, dachte ich kläglich, passierte so etwas wohl kaum.
Im Büro zeichneten Roger und ich Pläne für die Aufstellung des Zirkuszeltes und der beiden Container, die ihm zugesagt worden waren. Der eine sollte als Umkleideraum für die Jockeys dienen, der andere zur Unterbringung der Waage und der Funktionäre. Wir stellten beide Container nah an den Führring, nur wenige Schritte von Rogers Büro, und waren uns einig, daß das Publikum, wenn seine Arbeiter den Zaun zwischen Sattelplatz und Mitgliederparkplatz entfernten, bequem zu dem großen Zelt gelangen konnte. Zwar mußten dann die Pferde, wenn sie auf die Bahn gingen, um das Zelt herumgeleitet werden, aber Roger versicherte, das alles sei machbar.
«Rebecca!«rief er einmal zwischendurch und klatschte sich mit der Hand vor die entgeisterte Stirn.»Die Reiterinnen. Wo tun wir die hin?«
«Wie viele sind es?«
«Zwei oder drei. Höchstens sechs.«
Ich rief Henry an, erreichte seinen Anrufbeantworter und bat auf Band um ein paar Zusatzzelte.»Schick auch noch was Hübsches mit«, ergänzte ich.»Schick das Dornröschenschloß. Wir müssen die Leute in Stimmung bringen.«
«Hier ist eine Rennbahn, kein Rummelplatz«, meinte Roger ein wenig mißbilligend, als ich mit dem Anruf fertig war.
«Es ist Ostermontag«, erinnerte ich ihn.»Es ist der Tag, um das Vertrauen wiederherzustellen. Man soll nicht an Bomben denken, soll sich sicher fühlen, soll sich amüsieren. Die Leute, die am Montag hierherkommen, sollen vergessen, daß sich hinter dem neuen Zaun ein schweres Unglück ereignet hat. «Ich schwieg.»Und heute nacht und morgen werden wir das ganze Gelände ausleuchten und vor den Ställen, am Sattelplatz und am Buchmacherring so viele Leute Wache schieben lassen, wie Sie nur kriegen können.«
«Aber was das kostet!«
«Wenn der Montag ein Erfolg wird, bezahlt Marjorie auch die Wachleute.«
«Ihre Begeisterung steckt an, wissen Sie das?«Er lächelte mir fast unbekümmert zu und wollte gerade wieder zu seinen Elektrikern eilen, als das Telefon klingelte.
Roger sagte:»Hallo?«und» Ja, Mrs. Binsham «und» Selbstverständlich, sofort «und legte den Hörer auf.