Er setzte mich ins Bild.»Sie sagt, Conrad und Yarrow sind bei ihr und haben ihr seine Pläne gezeigt, und sie möchte hier auf dem Bürokopierer eine Kopie davon machen.«
«War Conrad damit einverstanden?«fragte ich überrascht.
«Anscheinend ja, wenn wir die Kopie in den Safe einschließen.«
«Sie ist erstaunlich«, sagte ich.
«Sie hat ihn irgendwie im Zangengriff. Das ist mir schon mal aufgefallen. Wenn sie Druck ausübt, gibt er nach.«
«Die erpressen sich alle gegenseitig!«
Er nickte.»Zu viele Geheimnisse, zuviel erkauftes Schweigen.«
«Das sagt Dart auch, mehr oder weniger.«
Roger wies auf die Tür des Büros seiner Sekretärin.»Der Kopierer und der Safe stehen da drin. Conrad und Yarrow sind schon im Anmarsch.«
«In dem Fall verdufte ich mal«, sagte ich.»Ich warte in Ihrem Jeep.«
«Und wenn sie weg sind — zurück zu Ihrem Bus?«
«Wenn’s Ihnen nichts ausmacht.«
«Ist doch schon längst Zeit«, meinte er knapp und hielt mir die Tür auf, damit ich nach draußen zuckeln konnte.
Ich legte mich im Jeep auf die Seite und sah zu, wie Conrad und Wilson Yarrow mit einer großen Mappe ankamen und später wieder gingen, beide steifbeinig und verschnupft.
Als sie fort waren, kam Roger mit den frischen Kopien zum Jeep, und wir schauten sie uns gemeinsam an.
Er sagte, die Pläne seien auf drei großen Bögen gezeichnet gewesen, mit blauen Linien auf hellgrauem Grund, doch der Kopierer hatte sie in kleinerem Format mit schwarzen Linien wiedergegeben. Auf einem Blatt war der Grundriß angelegt. Eins zeigte alle vier Seiten im Aufriß.
Das dritte sah wie ein Labyrinth von fadendünnen Linien aus, die ein dreidimensionales Bild ergaben, aber hohl, ohne Substanz.
«Was ist das denn?«fragte Roger, als ich es stirnrunzelnd betrachtete.»So was hab ich ja noch nie gesehen.«
«Eine axiometrische Zeichnung.«
«Eine was?«
«Axiometrie ist eine Methode, mit der man ein Gebäude dreidimensional darstellen kann, ohne sich mit perspektivischen Verkürzungen herumzuplagen. Man dreht den Grundriß, wie es einem am besten paßt, und zieht die Vertikalen hoch. Na ja«, entschuldigte ich mich,»Sie hatten gefragt.«
Die Aufrisse waren Roger vertrauter.»Das ist doch eine einzige große Glasscheibe«, wandte er ein.
«So schlimm ist es auch nicht. Unvollständig, aber nicht schlecht.«
«Lee!«
«Entschuldigung«, sagte ich.»Jedenfalls würde ich das in Stratton Park so nicht bauen, wahrscheinlich nirgendwo in England. Der Kasten schreit nach Tropenwetter, umfassender Klimatisierung und millionenschweren Mitgliedern. Und selbst die wären nicht wunschlos glücklich.«
«Hört sich schon besser an«, meinte er erleichtert.
Ich schaute in die linke obere Ecke der Kopien. Auf allen dreien stand lediglich» Haupttribüne«,»Wilson Yarrow, A. A. Dipl. «Ein Alleingang. Keine Partner, keine Firma.
«Die beste Rennbahntribüne, die je gebaut worden ist«, sagte ich,»steht in Darlington bei Chicago.«
«Ich dachte, Sie gehen nicht oft zum Pferderennen«, sagte Roger.
«Ich war auch nicht da. Ich habe Fotos von der Bahn und von den Plänen gesehen.«
Er lachte.»Können wir uns so eine Tribüne leisten?«
«Sie könnten sich daran orientieren.«
«Träumen Sie ruhig weiter«, sagte er und raffte die Pläne zusammen.»Ich lege das nur gerade in den Safe. «Er ging hinein, kam bald wieder und fuhr uns die knappe halbe Meile zu seinem Haus, das ruhig und verlassen war: keine Kinder, keine Frau.
Wir fanden sie alle im Bus. Die Jungen hatten Mrs. Gardner zum Tee eingeladen (Thunfischsandwiches mit Kruste, Chips und Schokowaffeln), und alle miteinander schauten sich gebannt die Fußballresultate im Fernsehen an.
Als der Ehrengast und ihr Mann gegangen waren, erwies ihr Christopher das höchste Lob:»Sie versteht sogar die Abseitsregel.«
Die Fußballberichterstattung ging weiter. Ich erhob Anspruch auf mein Bett, vertrieb ein oder zwei Zuschauer und legte mich auf den Bauch, um mitzugucken. Als auch der allerletzte Beitrag gelaufen war (endlose Wiederholungen der Tore vom Nachmittag), servierte Christopher als Abendbrot eine Runde Dosenspaghetti auf Toast. Dann einigten sich die Jungs auf ein Video aus dem guten halben Dutzend, das ich für die Ruinensuche ausgeliehen hatte, und begannen es sich anzusehen. Ich fand, wie ich so dalag, daß es ein ziemlich langer Tag gewesen war, und schlief irgendwann während des Films ein.
Ich erwachte gegen drei Uhr früh, noch mit dem Gesicht nach unten, vollständig angekleidet.
Im Bus war es dunkel und still, die Jungen schliefen in ihren Kojen. Ich stellte fest, daß sie mir eine Wolldecke übergelegt hatten, statt mich zu wecken.
Auf dem Tisch am Kopfende stand ein volles Glas Wasser.
Ich betrachtete es dankbar und erstaunt, mit einem Kloß im Hals.
Als ich am Abend zuvor ein Glas dahin gestellt hatte, war Toby, den seit der Explosion alles Ungewohnte in zitternde Angst versetzte, gleich wieder erschrocken und hatte gefragt, wozu das gut sei.
«Vom Krankenhaus«, sagte ich,»habe ich Tabletten bekommen, die ich einnehmen soll, wenn ich nachts aufwache und Schmerzen kriege.«
«Ah. Und wo sind die Tabletten?«
«Unter meinem Kopfkissen.«
Sie hatten die Auskunft mit einem Nicken quittiert. Ich hatte nicht gut geschlafen und die Tabletten genommen, worauf sie mich am Morgen angesprochen hatten.
Und heute nacht war das Glas Wasser wieder da, bereitgestellt von meinen Söhnen. Ich nahm die Tabletten, trank einen Schluck und lag da im Dunkeln, arg ramponiert und bemerkenswert glücklich.
Am Morgen war es so schön, daß die Jungen alle Fenster öffneten, um den Bus durchzulüften, und ich gab ihnen die Ostergeschenke, die Amanda in einem Spind unter meinem Bett versteckt hatte. Jeder bekam ein Schokoladenosterei, ein Taschenbuch und ein kleines Computerspiel, und alle bedankten sich am Telefon bei ihrer Mutter.
«Sie will dich auch sprechen, Pa«, sagte Alan und gab mir den Hörer, und ich sagte» Hallo «und» Frohe Ostern «und» Wie geht’s Jamie?«
«Dem geht’s blendend. Verpflegst du die Jungen auch ordentlich, Lee? Sandwiches und Dosenspaghetti reichen nicht… Ich hab Christopher gefragt… er sagt, ihr habt gestern kein Obst eingekauft.«
«Heute haben sie Bananen und Cornflakes gefrüh-stückt.«
«Obst und frisches Gemüse«, sagte sie.
«Okay.«
«Und könnt ihr ein bißchen länger wegbleiben? So bis Mittwoch oder Donnerstag?«
«Wenn du möchtest.«
«Ja. Und bring ihre Sachen in die Reinigung, hm?«
«Klar.«
«Hast du schon eine brauchbare Ruine gefunden?«
«Ich suche weiter.«
«Wir leben vom Gesparten«, sagte sie.
«Ja, ich weiß. Die Jungen brauchen neue Turnschuhe.«
«Dann kauf sie eben.«
«In Ordnung.«
Wie üblich beschränkte das Gespräch sich weitgehend auf die Kinderbetreuung. Ich gab mir aber Mühe:»Wie war’s auf der Party deiner Schwester?«
«Wieso?«Sie klang einen Moment lang fast argwöhnisch, dann sagte sie:»Prima. Toll. Sie läßt dich grüßen.«
«Danke.«
«Paß auf die Jungen auf, Lee.«
«Ja«, sagte ich und» Schöne Ostern «und» Bye, Amanda.«
«Wir sollen sie morgen abend wieder anrufen«, sagte Christopher.
«Sie sorgt sich um euch. Sie will, daß wir noch ein, zwei Tage länger Ruinen suchen.«
Überraschenderweise hatte keiner von ihnen etwas dagegen. Sie waren mit den Augen ganz bei ihren flimmernden, piepsenden Spielen.
Es klopfte an der Tür, und gleich darauf steckte Roger den Kopf herein, blieb aber draußen stehen.
«Ihr Freund Henry«, sagte er mir,»ist angekommen. Er bringt einen Kran auf einem Tieflader und das Zirkuszelt, verteilt auf ein halbes Dutzend große Lkws, und er will mit Ihnen sprechen, bevor er irgend etwas ablädt.«