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Im neunzehnten Jahrhundert hatte der durch die Kamine erzeugte Aufwind in den Häusern dazu geführt, daß Fußbänke, Ohrensessel und Ofenschirme sich größter Beliebtheit erfreuten; die Windkanäle des zwanzigsten Jahrhunderts führten zu sturmgepeitschten Straßenecken in den Städten.

Luftdruck, Luftbewegung, Lufttemperatur; Staubabfuhr, weniger Milben, weniger Luftfeuchtigkeit: all das hatte nichts mit übertriebener häuslicher Gemütlichkeit zu tun, sondern mit allergiefreier Gesundheit und der Vermeidung von Fäulnis, Rost, Pilzen und Mehltau. Die wundersame Heilung kranker alter Gebäude begann meiner zweifellos verbohrten Ansicht nach damit, daß man sie frischer, trok-kener Luft aussetzte und sie atmen ließ.

Wir versorgten alle mit Essen aus dem Mayflower. Meine Söhne spielten Laufjungen, fungierten als Kellner, lasen bereitwillig Abfälle auf und waren allgemein so brav wie sonst nur unter strengster Aufsicht.

Roger und ich schauten uns die Wasserleitungen auf dem Bauplan an, und seine Leute legten ein Zweigrohr für den Bedienungsbereich der Nebenzelte und noch eine Abzweigung in den Umkleideraum der Reiterinnen, eigens für Rebecca. Kaltes Wasser zwar, aber vielleicht besser als nichts. Durch beharrliches Herumtelefonieren fanden wir schließlich jemand, der uns einen WC-Wagen zusagte, und Roger, der Tapfere, bettelte Ivan eine Fuhre Grünpflanzen aus dem Gartencenter ab.

«Er sagt, Ostern gehört für ihn zu den Spitzenverkaufstagen«, bemerkte Roger, als er den Hörer auflegte.»Er sagt, die Rennbahn muß die Lieferung bezahlen.«

«Reizend.«

Wir besprachen noch einige Vorkehrungen, ehe Roger enteilte und mich im Büro zurückließ. In der letzten Stunde war mir das Gehen schon wieder leichter gefallen, aber dafür fühlte ich mich um die Schultern matt und war froh, mich einmal — vorsichtig — auf die Schreibtischkante hok-ken und Arme und Beine entlasten zu können. Ich mußte an die Spruchkarte zu Hause in meiner Werkstatt denken, ein Geschenk von Amanda aus glücklicheren Tagen:»Wenn alles gut läuft, hast du offensichtlich etwas übersehen«, und sann müßig darüber nach, welches für morgen sich anbahnende Unheil Roger, Henry und ich außer acht gelassen haben könnten, da wurde abrupt die Tür geöffnet, und Forsyth Stratton federte über die Schwelle. Anscheinend war keiner von den Strattons imstande, einen Raum langsam zu betreten.

«Was machen Sie hier?«fragte er scharf.

«Ich denke nach«, sagte ich. Genaugenommen dachte ich, daß es mich gar nicht freute, ihn zu sehen, besonders wenn er auf ähnliche Gedanken kam wie Hannah und Keith. Zu meiner gelinden Erleichterung zeigte sich aber, daß er mehr an einen verbalen als an einen tätlichen Angriff dachte.

Er sagte wütend:»Sie haben kein Recht, hier die Leitung zu übernehmen.«

«Der Colonel hat die Leitung«, erwiderte ich ruhig.

«Der Colonel fragt immer erst Sie. «Seine dunklen Augen funkelten genauso wie Rebeccas, und ich fragte mich flüchtig, ob einer von ihnen oder beide Kontaktlinsen trugen.»Und der Riesenkerl, dessen Leute die Zelte aufstellen, der fragt den Colonel, was und wie, und dann kommen sie beide zu Ihnen, oder er überspringt den Colonel und läuft gleich zu Ihnen. Sie sind jünger als die zwei, aber was Sie sagen, wird gemacht. Ich habe da stundenlang gesessen und mir das mit wachsender Empörung angesehen, erzählen Sie mir also nicht, ich wüßte nicht, wovon ich rede. Keiner von uns will Sie hier sehen… wofür halten Sie sich eigentlich?«

Ich sagte trocken:»Für einen Bauunternehmer.«

«Ein hergelaufener Bauunternehmer hat nicht unsere Rennbahn zu schmeißen.«

«Ein Anteilseigner. Ein Gesellschafter.«

«Zum Teufel damit! Ich bin ein Stratton.«

«Pech«, meinte ich knapp.

Er war zutiefst beleidigt. Seine Stimme schnellte ein paar Oktaven in die Höhe, und mit rachsüchtig verzogenem Mund schrie er mich praktisch an:»Ihre Drecksmutter hatte kein Recht auf diese Anteile. Keith hätte sie mal lieber ordentlich verdreschen sollen. Und Jack sagt, Sie haben ge-stern auch Prügel von Keith bezogen, bloß nicht genug, und jetzt stecken Sie schon wieder Ihre Drecksnase in unsere Angelegenheiten, und wenn Sie meinen, Sie können uns Geld abpressen, dann haben Sie in den Wind gepißt.«

Durch den fehlenden Zusammenhang wirkte sein Ausbruch nur noch giftiger. Was mich anbelangte, so hatte ich von den Strattons eine Kränkung zuviel abbekommen und ließ mich zu einer Brutalität hinreißen, die mir sonst eher fernlag. Ich sagte absichtlich verletzend: »Sie haben in Ihrer Familie doch überhaupt nichts zu melden. Für die sind Sie Luft. Die sehen Sie noch nicht mal an. Wie kommt denn das?«

Seine Hände zuckten hoch und ballten sich zu Fäusten. Er machte wütend einen Schritt nach vorn. Ich richtete mich auf, damit ich (hoffentlich) nicht so leicht besiegbar aussah, wie ich in Wirklichkeit war, und ungeachtet der Gefahr warf ich ihm in meiner Erregung höhnisch an den Kopf:»Es hat sie wahrscheinlich ein Vermögen gekostet, daß Sie frei herumlaufen dürfen, statt im Knast zu sitzen.«

Er schrie:»Aufhören! Seien Sie still! Ich werde mich bei Tante Marjorie beschweren. «Eine seiner Fäuste wischte an meinem Kinn vorbei.

«Bitte sehr«, sagte ich. Ich versuchte zwar, mich wieder in die Gewalt zu bekommen, doch auch in meinen Ohren klang, was ich sagte, verletzend und grob:»Sie sind ein Dummkopf, Forsyth, und zweifellos ein Lump dazu, und Marjorie verachtet Sie sowieso, der brauchen Sie nicht noch was vorzuheulen, damit sie Ihnen die verrotzte Nase putzt. Und wenn Sie sehen könnten, wie die Stinkwut Ihnen das Gesicht entstellt, würden Sie um zehn Ecken rennen und sich verkriechen.«

Die letzte, kindische Stichelei traf ihn schwer. Offenbar hielt er sich etwas auf sein Aussehen zugute. Die trotzig verzerrten Züge glätteten sich, die straff hochgezogene Lippe legte sich über die Zähne und die blasse Haut lief rot an.

«Sie Scheißkerl!« Er bebte vor alten und neuen Demütigungen. Die Fäuste öffneten sich und sanken herunter. Schon stand er nur noch als jämmerlicher Versager da, viel Lärm und Pose, nichts dahinter.

Plötzlich schämte ich mich. Na großartig, dachte ich, da schießt du aus allen Rohren auf den kleinsten Stratton. Und wo waren deine mutigen Worte gestern, als Keith dir gegenüberstand?

«Ich tauge mehr zum Verbündeten als zum Feind«, sagte ich.»Warum versuchen Sie es nicht mit mir?«

Er sah geschlagen und verwirrt aus; vielleicht war er mürbe genug, um ein paar Fragen zu beantworten.

Ich sagte:»Hat Keith Ihnen gesagt, ich sei hierhergekommen, um Ihrer Familie Geld abzupressen?«

«Natürlich. Weshalb hätten Sie sonst kommen sollen?«

Ich sagte nicht:»Weil das Geld Ihres Großvaters mir mein Studium ermöglicht hat. «Ich sagte nicht:»Vielleicht, um meine Mutter zu rächen. «Ich sagte:»Hat er das gesagt, bevor die Tribüne hochgegangen ist, oder danach?«

«Bitte?«

Ich wiederholte die Frage nicht. Er starrte eine Weile mürrisch vor sich hin und sagte schließlich:»Danach, glaube ich.«

«Wann genau?«

«Am Freitag. Vorgestern. Am Nachmittag. Wir hatten von der Explosion gehört, und da sind viele von der Familie hergefahren. Sie hatte man ins Krankenhaus geschafft. Keith meinte, jetzt würden Sie garantiert ein paar Schrammen über Gebühr hochspielen. Er war ganz sicher.«

«Und Sie haben ihm natürlich geglaubt?«

«Klar.«

«Sie alle?«

Er zuckte die Achseln.»Conrad sagte, wir sollten uns darauf gefaßt machen, daß wir Ihnen Schmerzensgeld zahlen müssen, und Keith meinte, das könnten sie sich nicht mehr leisten, nachdem…«Er brach plötzlich ab, noch verwirrter als vorher.

«Nachdem was?«fragte ich.

Er schüttelte unglücklich den Kopf.

«Nachdem sie«, vermutete ich,»schon so tief in die Tasche greifen mußten, um Ihnen aus der Patsche zu helfen?«