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«Ich will das nicht hören«, sagte er und hielt sich wie ein Kind die Ohren zu.»Seien Sie still.«

Er war um die Zwanzig, dachte ich. Nicht besonders schlau, ohne Arbeit und anscheinend ungeliebt. Auch und vor allem ein Stratton. Leute mit Geld abzufinden war bei den Strattons alter Brauch, doch wenn man das Verhalten der anderen gegenüber Forsyth bei der Vorstandssitzung am Mittwoch zugrunde legte, hatte er sie zuviel gekostet. Was an Zuneigung dagewesen sein mochte, hatte sich zu diesem Zeitpunkt in Groll verwandelt.

Es gab in der Familie ein System von Druckmitteln und Zwängen; ich merkte, daß sie vorhanden waren, konnte aber nicht den Finger darauf legen. Forsyths Vergehen an sich war für die anderen wahrscheinlich nicht so von Bedeutung wie einerseits die Kosten, um es aus der Welt zu schaffen, und andererseits die Macht, die sie dadurch über ihn gewonnen hatten. Konnten sie ihm nach wie vor mit einer Enthüllung drohen, würde er jetzt vermutlich alles tun, was die Familie von ihm verlangte.

Roger hatte gesagt, Marjorie halte Conrad in einer Art Zangengriff — er füge sich stets ihren Forderungen.

Ich selbst hatte mich, ohne die mögliche Tragweite zu erkennen, bereit erklärt, für sie herauszufinden, wieviel Schulden Keith hatte und bei wem, und ferner, womit Conrad sich von dem Möchtegern-Architekten der neuen Tribüne unter Druck setzen ließ, der sich als Wilson Yarrow entpuppt hatte, über den ich etwas wußte, das mir entfallen war.

Wurde ich am Ende von Marjorie benutzt, um Dinge ans Licht zu fördern, die ihr noch mehr Druckmöglichkeiten, noch mehr Macht über ihre Familie geben sollten? Hatte sie sofort durchschaut, daß ich ihr helfen würde, wenn sie mein Interesse am Erfolg der Rennbahn weckte? War sie so gewieft, und war ich so schwer von Begriff? Wahrscheinlich ja.

Trotzdem glaubte ich immer noch, daß ihr der Erfolg der Rennbahn wirklich am Herzen lag, auch wenn sie mich als Werkzeug zur Durchsetzung ihrer neuerungsfeindlichen Politik gebrauchen wollte.

Marjorie selbst konnte die Tribüne nicht in die Luft gejagt haben und hätte es auch nicht gewollt. Wenn sie durch mich oder sonstwie herausfand, wer es getan oder in die Wege geleitet hatte, und wenn es ein Familienmitglied war, dann würde sie, soweit ich das bis jetzt überblickte, nicht unbedingt öffentliche oder strafrechtliche Vergeltung fordern. Es würde keinen Prozeß, keine Verurteilung, keine Freiheitsstrafe für den Täter geben. Der Stratton-Clan und vor allem Marjorie würden noch ein Geheimnis mehr in das große Sammelbecken aufnehmen und es zur innerfamiliären Erpressung benutzen.

Ich sagte zu Forsyth:»Sind Sie als Schüler einem Kadettenkorps beigetreten?«

Er starrte mich an.»Nein, natürlich nicht.«

«Wieso >natürlich<?«

Er sagte gereizt:»Nur ein Trottel legt Wert darauf, in Uniform herumzustiefeln und sich anbrüllen zu lassen.«

«Auch Feldmarschälle fangen so an.«

«Machthungrige Kretins«, meinte er spöttisch.

Ich hatte genug von ihm. Es war unwahrscheinlich, daß er jemals mit Sprengschnur oder Sprengstoff hantiert hatte: Bei Jungen vom Kadettenkorps hätte es sein können. Forsyth begriff noch nicht einmal, worauf meine Frage hinzielte.

Christopher, Toby und Edward kamen in das Büro, dicht beieinander, wie um dadurch stärker zu sein, und sahen ängstlich aus.

«Was ist los?«fragte ich.

«Nichts, Pa. «Christopher entspannte sich ein wenig, die Augen auf Forsyth.»Der Colonel wollte, daß wir dich holen, damit du sagst, wo die Wasserhähne hin sollen.«

«Sehen Sie?«sagte Forsyth bitter.

Ich ging, immer noch am Gehgestell, an Forsyth vorbei und mit meinen Söhnen zur Tür hinaus, und obwohl ich hörte, daß Forsyth hinter mir herkam, erwartete ich zu Recht keinen Ärger mehr von dieser Seite. Dafür kündigte sich reichlich Ärger in Gestalt einer Abordnung von Strattons an, die aus dem Haupteingang des Zirkuszeltes traten wie ein Greiftrupp, der entschlossen war, mich auf dem Asphalt abzufangen. Meine drei Söhne, zu unerfahren für eine solche Situation, blieben stehen.

Ich ging einen Schritt an ihnen vorbei und blieb ebenfalls stehen. Die Strattons bildeten einen Halbkreis vor mir; Conrad zu meiner Linken, dann eine Frau, die ich nicht kannte, dann Dart, Ivan, Jack — mit Schwellungen und blauen Flecken im Gesicht —, dann Hannah und Keith. Keith, zu meiner Rechten, stand ein wenig außerhalb meines Gesichtsfeldes, für mich ein unbefriedigender Zustand. Ich trat einen halben Schritt zurück, damit ich sehen konnte, ob er eine unwillkommene Bewegung machte. Die Strattons deuteten das offenbar als umfassenden Rückzug, denn alle machten einen entsprechenden Schritt nach vorn und drängten ein wenig näher heran, so daß Keith wieder hinter meinem Gesichtsfeld war, wenn ich nicht den Kopf nach ihm drehte.

Christopher, Toby und Edward zögerten unschlüssig hinter mir und lösten sich voneinander. Ich spürte ihre Furcht und Bestürzung. Sie schlichen an mir vorbei, kamen in mein Blickfeld, schlichen im Krebsgang weiter, an den Strattons vorbei, dann drehten sie sich kurzerhand um, rannten los und verschwanden im Zirkuszelt. Ich machte ihnen keinen Vorwurf daraus: Mir war selbst zum Weglaufen zumute.

«Keine Marjorie?«fragte ich Dart in scherzhaftem Ton. Warum ist denn meine Leibwache nicht da, wenn ich sie brauche? hätte ich hinzufügen können.

«Wir waren in der Kirche«, sagte Dart unerwartet.»Mar-jorie, Vater, Mutter und ich. Ostersonntag und so. «Er grinste unbekümmert.»Anschließend hat uns Marjorie zum Essen eingeladen. Sie wollte nicht mit hierherfahren. Hat nicht gesagt, warum.«

Niemand hielt es für nötig, uns bekannt zu machen, doch ich reimte mir zusammen, daß die Frau zwischen Dart und Conrad Darts Mutter war, Lady Victoria Stratton. Sie war dünn, kühl, gepflegt und sah aus, als wäre sie lieber sonstwo. Sie betrachtete mich mit echt Strattonscher Verachtung, und ich überlegte flüchtig, ob Ivans Frau Dolly und Keiths viertes Opfer, Imogen, sich ebenso nahtlos in den Familiencharakter fügten.

Forsyth kam links von mir zum Stehen, neben Conrad, der ihm keinerlei Beachtung schenkte.

Auf der anderen Seite des Platzes erschien Roger kurz am Zelteingang, nahm die Stratton-Formation zur Kenntnis und ging wieder hinein.

Ich sah mir den Halbkreis von mißbilligenden Mienen und kalten Augen an und entschloß mich zum Angriff. Immer noch die beste Verteidigung, nahm ich an.

«Wer von Ihnen«, sagte ich unverblümt,»hat die Tribüne gesprengt?«

Conrad sagte:»Machen Sie sich nicht lächerlich.«

Wenn ich mit Conrad redete, hatte ich zwar Keith zu sehr im Rücken und kriegte eine Gänsehaut, aber andererseits war Conrad am ehesten derjenige, der Keith zurückhalten würde.

Ich sagte zu ihm:»Einer von Ihnen war es oder hat es zumindest arrangiert. Die Sprengung der Tribüne war Stratton-Werk. Kein Terrorakt von außen. Hausgemacht.«

«Quatsch.«

«Der wahre Grund, weshalb Sie mich loswerden wollen, ist der, daß Sie befürchten, ich könnte herausbekommen, wer es war. Sie haben Angst, weil ich gesehen habe, wie die Sprengladungen aussahen, bevor sie gezündet wurden.«

«Nein!«Die Heftigkeit, mit der Conrad es leugnete, war an sich schon ein Eingeständnis.

«Und Sie haben Angst, daß ich Ihnen, wenn ich herausfinde, wer es war, den Vorschlag mache, für Geld zu schweigen.«

Keiner von ihnen sagte etwas.

«Denn darauf könnten Sie nicht ohne weiteres eingehen«, sagte ich,»nach Forsyths kostspieligem Abenteuer.«

Sie sahen Forsyth wütend an.

«Ich habe ihm nichts erzählt«, beteuerte er verzweifelt.»Ich habe kein Wort gesagt. Er hat’s erraten. «Dann schleuderte er einen gesunden Zornesblitz in die Runde.»Er hat’s erraten, weil ihr alle so eklig zu mir seid, also geschieht es euch recht.«