«Halt’s Maul, Forsyth«, sagte Hannah scharf.
Ich sagte zu Conrad:»Wie gefällt Ihnen Ihre neue Zelttribüne?«
Eine halbe Sekunde lang sah Conrad unwillkürlich und aufrichtig zufrieden aus, doch Keith sagte heftig hinter meinem rechten Ohr:»Die ändert nichts daran, daß wir das Land verkaufen.«
Conrad warf ihm einen empörten Blick voller Abneigung zu und sagte ihm, wenn sie die Zelte jetzt nicht hätten, würden die enttäuschten Zuschauer künftig scharenweise ausbleiben, die Bahn würde bankrott gehen und mit einem solchen Berg von Schulden belastet werden, daß durch den Verkauf des Landes kaum noch etwas zu gewinnen wäre.
Keith schäumte. Dart lächelte verstohlen. Ivan sagte abwägend:»Die Zelte sind notwendig. Wir können froh sein, daß wir sie haben.«
Alle außer Keith nickten zustimmend. Keith knurrte leise, viel zu dicht neben mir. Ich spürte, was in ihm vorging.
Ich sagte grimmig zu Conrad:»Halten Sie mir Ihren Bruder vom Leib.«
«Was?«
«Wenn er«, sagte ich,»oder sonst jemand von Ihnen mich noch einmal anrührt, wird das Zelt abgeschlagen.«
Conrad bekam große Augen.
Ich stützte mich auf das Gehgestell. Ich sagte:»Ihr Bruder weiß, daß er mich immer noch leicht umbügeln kann.
Deshalb sollen Sie eines wissen: Wenn er oder Hannah oder Jack meinen, sie könnten da weitermachen, wo sie gestern unterbrochen worden sind, dann haben Sie morgen früh da eine leere Wiese. «Ich nickte zu dem Zelt hin.
Hannah höhnte:»Seien Sie nicht albern.«
Conrad sagte zu mir:»Das können Sie nicht. Es steht nicht in Ihrer Macht.«
«Wollen wir wetten?«
Henry kam aus dem Hauptzelt, und mit ihm alle meine Söhne. Sie blieben am Eingang stehen, schauten herüber, warteten ab. Conrad folgte der Richtung meines Blickes und sah mich nachdenklich an.
«Henry«, erklärte ich ihm,»der Hüne dort hat Ihnen das Zelt als Notbehelf geliefert, weil ich ihn darum gebeten habe. Er ist ein Freund von mir.«
Conrad wandte ein:»Der Colonel hat das Zelt gefunden.«
«Ich habe ihm gesagt, wo er suchen muß. Wenn mir noch einmal gedroht, mir von irgendeinem hier noch mal ein Haar gekrümmt wird, fährt Henry mit dem ganzen Kram nach Hause.«
Conrad erkannte die Wahrheit, wenn sie ihm das Ohr polierte. Er war außerdem Realist genug, sich einer Drohung zu beugen, von der er wußte, daß sie wahrgemacht werden konnte. Er wandte sich ab, verließ den beunruhigenden Halbkreis und nahm seine Frau und auch Dart mit. Dart drehte sich um und blitzte mir mit den Zähnen zu. Sein Scheitel schimmerte rosa durch den dünnen Flaum auf seinem Kopf, sicher etwas, das ihm nicht gefallen hätte.
Ich wandte mich Keith zu, der immer noch mit hochgezogenen Schultern, vorgerecktem Kopf, vorspringendem Kinn und zornigen Augen dastand; insgesamt ein Bild unberechenbarer Aggressivität.
Ich wußte nichts zu sagen. Ich stand einfach da, provozierte ihn nicht, versuchte nur den Eindruck zu vermitteln, daß ich überhaupt nichts erwartete, keinen Angriff, keinen Rückzieher, keinen Gesichtsverlust auf seiner oder meiner Seite.
Forsyth, hinter mir, sagte boshaft:»Na los, Keith, gib’s ihm. Worauf wartest du? Tritt ihn noch mal, solange du es kannst.«
Die niederträchtige Anstachelei bewirkte das Gegenteil. Keith sagte fast automatisch:»Halt deine dumme Klappe, Forsyth«, und bebte vor Enttäuschung ebensosehr wie vor Wut, während der Augenblick der Gefahr sich wieder in einem Zustand weniger massiven, anhaltenden Hasses auflöste.
Plötzlich erschien mein Sohn Alan neben mir, hielt sich an dem Gehgestell fest und beobachtete Keith voller Angst, und einen Moment später trat Neil auf der anderen Seite zu uns und starrte Keith mit weit aufgerissenen Augen an. Keith, den alten Rohling, schien es etwas zu entnerven, daß sich Kinder ihm entgegenstellten.
«Komm, Papa«, sagte Alan und zog an dem Gehgestell.»Henry braucht dich.«
Ich sagte entschieden:»Okay «und bewegte mich nach vorn, und Hannah und Jack standen mir direkt im Weg. Unsicher traten sie auseinander, um mich durchzulassen; ich sah zwar Übelwollen in ihren Gesichtern, aber nicht die unbeherrschbare, kochende Wut vom Tag zuvor.
Die drei anderen Jungen kamen jetzt auch hinzu und drängten sich um mich, so daß ich schließlich wie von einer jungen menschlichen Hecke geschützt bei Henry anlangte.
«Du hast sie also abgeschüttelt«, meinte er.
«Vor allem hat deine Größe sie abgeschreckt.«
Er lachte.
«Außerdem habe ich ihnen gesagt, du würdest das Zelt einpacken und nach Hause fahren, wenn sie noch mehr Mist verzapfen, und das können sie sich nicht leisten.«
«Ein richtiger kleiner Giftzahn, hm?«
«Ich bin nicht scharf auf deren Art von Fußball.«
Er nickte.»Der Colonel hat mir das erzählt. Wieso zum Teufel hilfst du denen denn noch?«
«Pure Bosheit.«
Christopher sagte unglücklich:»Wir haben dich alleingelassen, Papa.«
«Wir wollten Hilfe holen«, versicherte mir Edward und glaubte es auch.
Toby sagte leise, ebensosehr zu sich selbst wie zu mir:»Wir hatten Angst. Wir sind einfach… weggelaufen.«
«Ihr kamt ins Büro, um mich zu holen«, hob ich hervor,»und das war mutig.«
«Aber nachher…«:, sagte Toby.
«In der Realität draußen«, sagte ich beschwichtigend,»ist keiner tagein, tagaus ein Held. Das erwartet auch niemand. Es geht nicht.«
«Aber Papa.«
«Ich war froh, daß ihr den Colonel geholt habt, also ver-geßt es.«
Christopher und Edward glaubten mir vernünftigerweise, aber Toby schien sich nicht sicher zu sein. In diesen Osterferien war zuviel passiert, was er niemals vergessen würde.
Roger und Oliver Wells kamen aus dem Hauptzelt und unterhielten sich freundlich. Der Feuerball von Olivers schlechter Laune war an diesem Morgen bei einer Führung durch die langsam Gestalt annehmende Ausstattung der
Zelte gelöscht worden. Wen kümmerte Harold Quest? meinte er schließlich. Henry habe fabelhafte Arbeit geleistet; alles werde gutgehen. Er und Roger hatten genau ausgetüftelt, wo die Rennprogramme und die Ausweise für den Club erhältlich sein sollten. Auf Olivers Drängen hin wurde direkt hinter der Ziellinie, auf der Innenseite der Bahn, eine Extra-Tribüne für die Rennleitung errichtet. Es sei unerläßlich, meinte er, daß die Rennleitung wie von dem nicht mehr bestehenden Richternest aus einen ungehinderten Blick auf den Verlauf der einzelnen Rennen habe. Roger hatte einen Schildermaler aufgetan, der sich bereit erklärte, seinen Fernsehnachmittag sausen zu lassen, um statt dessen» Rennleitung«,»Clubhaus«,»Speisesaal für Mitglieder«,»Umkleideraum für weibliche Jockeys «und» Mitgliederbar «zu pinseln.
Roger und Oliver gingen zu Rogers Jeep hinüber, warfen den Motor an und schnurrten mit unbekanntem Ziel davon. Sie hatten jedoch kaum zwanzig Meter in Richtung des Fahrwegs zurückgelegt, als sie scharf bremsten, wieder umdrehten und neben mir und den Jungen anhielten.
Roger streckte den Kopf vor und eine Hand, die mein Funktelefon hielt.
«Das Ding hat geklingelt«, sagte er.»Jemand namens Carteret will Sie sprechen. Sind Sie zu Hause?«
«Carteret! Fantastisch!«
Roger gab mir den Apparat und fuhr seines Wegs.
«Carteret?«fragte ich in den Hörer.»Bist du noch da? Bist du in Rußland?«
«Nein, verdammt«, sagte eine altbekannte Stimme mir ins Ohr.»Ich bin hier in London. Meine Frau sagt, du hättest ihr gesagt, es sei dringend. Wenn man jahrelang nichts voneinander hört, nicht mal eine Weihnachtskarte kriegt, ist alles dringend! Also, was gibt’s?«
«Ehm… es gibt was, wobei mir dein Langzeitgedächtnis helfen könnte.«
«Wovon zum Teufel redest du?«Er hörte sich gestreßt und nicht allzu erfreut an.
«Erinnerst du dich an Bedford Square?«
«Wer könnte das vergessen?«
«Ich bin hier an eine merkwürdige Geschichte geraten und habe mich gefragt, ob du. entsinnst du dich zufällig noch an einen Studenten namens Wilson Yarrow?«