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«An wen?«

«Wilson Yarrow.«

Nach einer Pause sagte Carterets Stimme unschlüssig:»War der so an die drei Jahre vor uns?«

«Genau.«

«Irgendwas war nicht koscher mit ihm.«

«Ja. Weißt du noch, was?«

«Gott, das ist doch zu lange her.«

Ich seufzte. Ich hatte gehofft, Carteret mit seinem vielfach bewährten Supergedächtnis würde mir die Antworten nur so runterrasseln.

«War es das?«fragte Carteret.»Also Kumpel, es tut mir sehr leid, aber ich stecke bis über die Ohren in Arbeit.«

Ohne große Hoffnung sagte ich:»Hast du noch die Tagebücher, die du an der Schule geführt hast?«

«Na, ich denke schon — irgendwo.«

«Könntest du die mal durchsehen, ob du was über Wilson Yarrow geschrieben hast?«

«Lee, hast du eine Ahnung, was du da verlangst?«

«Ich habe ihn wiedergesehen«, sagte ich.»Gestern. Ich weiß, daß mit ihm etwas ist, an das ich mich eigentlich erinnern müßte. Ehrlich, es könnte wichtig sein. Ich wüßte gern, ob ich vielleicht ein paar Leute, die ich kenne… warnen sollte.«

Einige Sekunden war es still, dann:»Ich bin heute morgen aus Petersburg zurückgekommen. Dann habe ich mehrmals ohne Erfolg die Nummer angerufen, die du meiner Frau gesagt hast. Hätte es fast aufgegeben. Morgen fliege ich mit meiner Familie für sechs Tage nach Euro-Disney. Danach schau ich in die Tagebücher. Oder wenn du es eiliger hast, dann komm doch heute abend noch rüber und wirf selbst schnell einen Blick rein. Ginge das? Du bist doch in London, nehme ich an.«

«Nein. In der Nähe von Swindon, genau gesagt.«

«Tja, tut mir leid.«

Ich überlegte kurz und sagte:»Wie wär’s, wenn ich mit der Bahn nach Paddington komme? Bist du zu Hause?«

«Klar. Wir sind den ganzen Abend da. Aus- und einpak-ken. Kommst du? Wär’ schön, dich mal wieder zu sehen nach all der Zeit. «Jetzt klang er herzlicher, als wäre es ihm ernst damit.

«Ja. Prima. Ich freu mich auch, dich zu sehen.«

«Also abgemacht. «Er erklärte mir, wie ich vom Bahnhof Paddington mit dem Bus zu ihm kam und legte auf. Henry und die Kinder starrten mich mit ungläubiger Verwunderung an.

«Hab ich recht gehört?«sagte Henry.»Du hängst mit einer Hand am Gehgestell, und mit der anderen planst du eine Zugfahrt nach London?«

«Vielleicht«, überlegte ich,»kann Roger mir ja einen Stock leihen.«

«Was ist mit uns, Papa?«sagte Toby.

Ich blickte zu Henry, der ergeben nickte.»Ich paß auf, daß sie nicht zu Schaden kommen.«»Mit etwas Glück bin ich wieder da, bis sie ins Bett müssen.«

Ich rief den Bahnhof Swindon an und fragte, wie die Züge fuhren. Wenn ich mich sputete, hieß es, könnte ich in fünf Minuten einen bekommen. Aber auch wenn ich den nächsten nahm, der zum verbilligten Feiertagstarif nach London ging, konnte ich noch am Abend wieder in Swindon sein. Gerade so. Mit ein wenig Glück.

Roger, der von seiner Tour zurückkam, hatte nicht nur einen, sondern zwei Stöcke für mich und ließ sich dazu überreden, mir eine Kopie von Yarrows Tribünenplänen mitzugeben (»Sie sind mein Tod«) und mich zum Bahnhof zu bringen, wenn er auch, als wir losfuhren, an meinem Verstand zweifelte.

«Möchten Sie wissen, ob man Wilson Yarrow trauen kann?«fragte ich.

«Wäre schön zu wissen, daß man’s nicht kann.«

«Na also.«

«Ja, aber…«

«Es geht mir besser«, sagte ich knapp.

«Ich bin ja schon still.«

Ich zahlte meinen Fahrschein mit Kreditkarte, stieg in den Zug, nahm von Paddington ein Taxi und kam ohne Zwischenfall vor Carterets Haustür bei Shepherd’s Bush an. (Reihenhaus mit Erkerfenstern, gebaut für vornehme, aber verarmte Edwardianer.)

Er öffnete mir selbst, und die Jahre ohne Kontakt verflüchtigten sich, während wir uns musterten. Er war immer noch klein, rundlich, mit Brille und schwarzem Haar, eine eigentümliche Mischung von Kelte und Thai, auch wenn er in England geboren und ausgebildet worden war. Wir hatten uns im ersten Jahr an der Akademie unbekannter-weise zusammengetan, um eine Bude zu teilen, und hatten uns dann während des ganzen Studiums, wann immer nötig, gegenseitig geholfen.

«Du hast dich nicht verändert«, sagte ich.

«Du auch nicht. «Er sah zu mir hoch, betrachtete meine Locken und meine braunen Augen; hob die Brauen nicht wegen der Arbeitskleidung, sondern wegen der Stöcke, auf die ich mich stützte.

«Nichts Ernstes«, sagte ich.»Ich werde es dir erzählen.«

«Wie geht’s Amanda?«fragte er und führte mich ins Haus.»Seid ihr noch verheiratet?«

«Ja.«

«Ich hätte nie gedacht, daß das hält«, sagte er freimütig.»Und die Jungen? Das waren drei, nicht?«

«Jetzt haben wir sechs.«

«Sechs! Ja, du hast noch nie halbe Sachen gemacht.«

Ich lernte seine Frau kennen, die zu tun hatte, und seine beiden Kinder, die sich schon darauf freuten, Mickymaus kennenzulernen. In dem unaufgeräumten, verwohnten Wohnzimmer erzählte ich ihm von der momentanen Situation und der möglichen Zukunft der Rennbahn Stratton Park. Ich ging recht ausführlich darauf ein.

Wir tranken Bier. Er sagte, zu Wilson Yarrow sei ihm nichts weiter eingefallen, als daß er zur hehren Elite gehört habe, ein Kandidat für die Unsterblichkeit.

«Aber was dann passiert ist…«, sagte er.»Es gab Gerüchte. Irgend etwas wurde vertuscht. Es betraf uns nicht direkt, und wir haben ja auch immer tief in der Arbeit gesteckt. Ich weiß bloß noch seinen Namen. Hätte er Tom Johnson geheißen oder so, hätte ich den auch vergessen.«

Ich nickte. Es ging mir ähnlich. Ich fragte, ob ich mir seine Tagebücher ansehen dürfe.

«Die hab ich dir rausgesucht«, sagte er.»Sie waren in einer Kiste auf dem Speicher. Meinst du wirklich, ich hätte da was über Wilson Yarrow reingeschrieben?«

«Hoffentlich. Du hast über die meisten Sachen geschrieben.«

Er lächelte.»Eigentlich Zeitverschwendung. Ich dachte, mein Leben zieht vorbei und ich vergeß es, wenn ich es nicht aufschreibe.«

«Da hattest du wahrscheinlich recht.«

Er schüttelte den Kopf.»Die tollen Sachen und die schlimmen behält man sowieso. Der Rest ist schnuppe.«

«Meine Tagebücher sind Bilanzen«, sagte ich.»Ich sehe mir die alten Bilanzen an und weiß, was ich wann gemacht habe.«

«Baust du immer noch verfallene Häuser um?«

«Ja.«

«Das könnte ich nicht.«

«Und ich könnte nicht in einem Büro arbeiten. Hab ich versucht.«

Wir lächelten uns wehmütig an, alte Freunde, die so gut wie nichts gemeinsam hatten außer ihrem Fachwissen.

«Ich habe dir was mitgebracht«, sagte ich und meinte das große braune Kuvert, das ich unterwegs zusammen mit einem der Gehstöcke unbeholfen in der Hand gehalten hatte.»Während ich die Aufzeichnungen lese, kannst du dir mal ansehen, wie Wilson Yarrow sich einen Tribünenneubau vorstellt. Sag mir, was du davon hältst.«

«In Ordnung.«

Gut gedacht, aber schlecht zu machen. Ich sah mit Bestürzung, wie er seine Tagebücher anschleppte und sie auf dem Couchtisch stapelte. Es waren ungefähr zwanzig dik-ke DIN-A-4-Spiralhefte, buchstäblich Tausende von Seiten, gefüllt mit seiner sauberen kleinen Schrift; eine Aufgabe von Tagen, nicht von einer halben Stunde.

«Wer denkt denn an so was«, sagte ich schwach.»Mir war nicht klar…«

«Ich hab dir ja gesagt, daß du nicht weißt, was du verlangst.«

«Könntest du… oder vielmehr, würdest du sie mir leihen?«

«Zum Mitnehmen, meinst du?«

«Du bekommst sie auch wieder.«

«Ehrenwort?«sagte er unschlüssig.