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«Bei meinem Diplom.«

Sein Gesicht hellte sich auf.»Na schön. «Er öffnete das braune Kuvert und warf einen Blick auf den Inhalt, um bei der axonometrischen Zeichnung mit hochgestellten Brauen zu verharren.»Das ist Angeberei!«sagte er.

«Ja. Unnötig.«

Carteret betrachtete die Aufrisse und Grundrisse. Er verlor kein Wort über das viele Glas: Schwieriges Arbeiten mit Glas war typisch Architectural Association. Man hatte uns beigebracht, im Glas den Stoff der Zukunft zu sehen, noch unerschlossenes Neuland auf dem Gebiet des Designs. Als ich leise angemerkt hatte, daß Glashäuser doch ein alter Hut seien, seit Joseph Paxton 1851 den Crystal Palace im Hyde Park zusammengestückt habe, hatte man mich zwar nicht rundheraus mit dem Bannfluch belegt, mich fortan aber als Bilderstürmer schief angesehen. Jedenfalls ließ Carteret auch supermoderne Glasprojekte gelten, die ich weder elegant noch praktisch, sondern nur gewollt raffiniert fand. Glas als Selbstzweck erschien mir witzlos; es war eine Lichtquelle, doch im übrigen zählte das, was man durch die Scheiben sehen konnte.

«Wo sind die anderen Pläne?«fragte Carteret.

«Das ist alles, was Yarrow den Strattons vorgelegt hat.«

«Wie bringt er die Zuschauer denn fünf Etagen hoch?«

Ich lächelte.»Die sollen vermutlich laufen, wie in der alten Tribüne, die explodiert ist.«

«Keine Fahrstühle. Keine Rolltreppen auf dem Grundriß. «Er blickte auf.»Dafür kriegt er doch in der heutigen Zeit keinen Abnehmer.«

«Ich glaube fast«, sagte ich,»daß Conrad Stratton sich stellvertretend für die Rennbahn verpflichtet hat, Yarrow alles abzunehmen.«

«Vertraglich, meinst du?«

«Ich weiß es nicht. Wenn ja, ist es nicht bindend, denn er hatte keine Abschlußvollmacht.«

Carteret runzelte die Stirn.»Trotzdem ein bißchen heikel.«

«Nicht, wenn sich Wilson Yarrow irgendwie disqualifiziert hat.«

«Wie meinst du das? Ist er rausgefallen? Von der Liste gestrichen?«

«Ich denke eher, aufgefallen durch unredliches Verhalten.«

«Tja, dann viel Glück mit den Tagebüchern. An so was erinnere ich mich nicht.«

«Aber… irgend etwas war doch?«

«Ja.«

Ich sah auf meine Uhr.»Kann ich von hier aus ein Taxi rufen?«

«Klar. Der Apparat steht in der Küche. Ich mach das für dich. «Er ging hinaus und kam kurz darauf mit einer Tragetasche wieder, hinter ihm seine Frau, die an der Tür stehenblieb.

«Damit du die Tagebücher transportieren kannst«, meinte er und begann sie in die Tasche zu packen,»- und meine Frau sagt, ich soll dich selber nach Paddington fahren. Sie sagt, du hast Schmerzen.«

Verlegen warf ich seiner Frau einen Blick zu und fuhr mir mit der Hand übers Gesicht, während ich nach einer Antwort suchte.

«Sie ist Krankenschwester«, sagte Carteret.»Sie dachte, du hättest Arthritis, bis ich ihr das mit dem eingestürzten Dach erklärte. Sie sagt, du zwingst dich zu jeder Bewegung und brauchst ein bißchen Ruhe.«

«Keine Zeit.«

Er nickte vergnügt.»Und wenn das Fieber noch so bollert, die Grippe muß bis nächsten Dienstag warten?«

«So ungefähr.«

«Also fahr ich dich nach Paddington.«

«Ich bin dir wirklich dankbar.«

Er nickte, von meiner Aufrichtigkeit überzeugt.

«Wie dem auch sei«, sagte ich,»ich dachte, das neue medizinische Schlagwort wäre >Steh auf und wandle<.«

Carterets Frau schenkte mir ein süßes nachsichtiges Lächeln und ging, und Carteret selbst brachte die Tasche mit den Tagebüchern zu seinem Wagen und nahm, als wir am Bahnhof Paddington anlangten, den Taxiweg nach hinten, um zwischen zwei Bahnsteigen, direkt bei den Zügen, halten zu können.

Auf der Fahrt dahin sagte ich:»Die Stratton-Bahn will einen Wettbewerb für ihre neue Tribüne ausschreiben. Warum schlägst du deiner Firma nicht vor, daran teilzunehmen?«

«Ich habe keine Ahnung von Tribünen.«»Ich aber«, sagte ich.»Ich könnte dir sagen, worauf es ankommt.«

«Warum entwirfst du sie nicht selber?«

Ich schüttelte den Kopf.»Nicht mein Metier.«

«Mal sehen, was meine Firma sagt«, meinte er skeptisch.

«Sie soll hinschreiben und ihr Interesse bekunden, und erst mal fragen, für wie viele Zuschauer die Tribüne gedacht sein soll. Man kann unmöglich eine Tribüne entwerfen, wenn man nicht mal die erforderlichen Maße kennt. Die muß Yarrow jemand gesagt haben, denn da liegt er ungefähr richtig.«

«Meine Firma kann es ja wenigstens versuchen«, sagte Carteret.»Momentan gibt es fünfzehntausend arbeitslose Architekten im Land. Die Leute glauben, Architekten braucht man nicht. Sie wollen das Honorar sparen, und dann beklagen sie sich, wenn sie eine Wand einreißen und ihr Schlafzimmer ins Kellergeschoß fällt.«

«Das Leben ist beschissen«, meinte ich trocken.

«Immer noch der alte Zyniker, stelle ich fest.«

Er brachte die Tagebücher in den Zug und verfrachtete sie und mich auf einen Sitz.»Ich rufe dich an, wenn ich aus Disneyland zurückkomme. Wo bist du dann?«

Ich gab ihm die Nummer von zu Hause.»Kann sein, daß sich Amanda meldet. Sie gibt’s dann an mich weiter.«

«Lassen wir nicht wieder zehn Jahre hingehen«, sagte er.

«Okay?«

Auf der ruckeligen Fahrt nach Swindon versenkte ich mich in die Tagebücher und ertrank schließlich in wehmütiger Erinnerung. Wie jung wir gewesen waren! Wie unfertig und vertrauensvoll. Wie ernst und sicher.

Ich kam zu etwas, das mir einen bösen Stich versetzte. Carteret hatte geschrieben:

Lee und Amanda sind heute in der Kirche getraut worden, mit allem Brimborium, wie sie es wollte. Beide sind neunzehn. Ich glaube, er macht eine Dummheit, aber ich muß zugeben, daß sie beide sehr zufrieden ausgesehen haben. Sie ist verträumt. Typisch Lee. Ihr Vater, erste Sahne, hat alles bezahlt. Ihre jüngere Schwester Sally, bißchen pickelig, war Brautjungfer. Lees Mutter war auch da. Madeline. Umwerfend. Gefiel mir wahnsinnig. Sie sagt, ich bin zu jung. Nachher zum Empfang bei Amandas Eltern, mit Champagner, Kuchen usw. Rund 40 Leute. Amandas Kusinen, Freundinnen, alte Onkel und so. Ich mußte auf das Wohl der Brautjungfer trinken. Wer spielt auch schon Brautführer? Lee sagt, sie werden von der Luft leben. Aber sie gehen echt auf Wolken. Jetzt sind sie für drei Tage nach Paris, um sich als Mann und Frau zu üben. Hochzeitsgeschenk von Amandas Eltern.

Gott, dachte ich, von diesem Hochzeitstag hatte ich noch die kleinste Einzelheit behalten. Ich war sicher gewesen, wir würden für alle Zeit glücklich sein. Traurige Illusion.

Auf der nächsten Seite hatte Carteret geschrieben:

Party bei Lee und Amanda gestern abend. Die meisten von unserem Jahrgang waren da. Urwaldreif. Was anderes als die Trauung vorige Woche!! Sie sehen immer noch entrückt aus. Bier und Pizza diesmal. Auf Lees Kosten. Bin um sechs ins Bett und habe die Vorlesung von Opa Hammond verpennt. Lee fehlt mir in unserer Hütte. Wußte gar nicht, was ich da Gutes hab. Seh mich am besten mal nach Ersatz um, allein kann ich mir den Pferch nicht leisten, so öde er auch ist.

Ich sah zu, wie in der dunklen Landschaft vor den Zugfenstern Lichter vorbeiflitzten, und fragte mich, was Amanda jetzt gerade machte. Saß sie friedlich mit Jamie allein daheim? Oder war sie, und der Gedanke drängte sich mir auf, ihrerseits auf Abenteuerurlaub; hatte sie auf der Party ihrer Schwester einen Mann kennengelernt? War sie auf der Party ihrer Schwester gewesen? Weshalb wollte sie, daß ich mit den Jungen zwei Tage länger blieb?

Ich fragte mich, wie ich es verkraften würde, wenn sie sich nach all den Jahren nun doch ernsthaft in einen anderen verliebt hatte.

So brüchig unsere Ehe auch war, ich wollte unbedingt, daß sie bestehenblieb. Selbst in einem unbefriedigenden Zusammenleben sah ich — vielleicht, weil keine neue, verzehrende Leidenschaft mir begegnet war — nur Vorteile, wobei das stabile Gleichgewicht von sechs jungen Leben ganz oben auf der Liste stand. Ich sträubte mich total gegen den Gedanken einer endgültigen Trennung mit Güterteilung und Verlust des Sorgerechts für die Söhne; was ich damit verband, war Unsicherheit, Unglück, Einsamkeit, Verbitterung. Diese Art von Leid würde mich zugrunde richten, mich zerbrechen, wie kein körperlicher Schmerz es konnte.