Henry lachte. Harold Quest, die Geißel ankommender Fahrzeuge, hatte mehr als seinen Meister gefunden.
«Der Kerl hier«, rief Henry und rüttelte an Quests Ellbogen,»wißt ihr, was der gemacht hat? Ich bin rüber ins Mayflower, und als ich wiederkam, war der einen Hamburger am Essen.«
Meine Söhne starrten ihn verdutzt an. Der Verzehr von Hamburgern lag für sie durchaus im Rahmen normalen Verhaltens.
«Schützt die Tiere!«rief Henry vergnügt.»Und wer schützt die Hamburger? Der Kerl hat ein Tier gegessen.«
Harold Quest wand sich.
«Drei von diesen Dumpfbacken«, schrie Henry mit Blick auf den kreischenden Chor,»haben Hamburger in sich hineingeschlungen. Von wegen Tierschutz!«
Meine Jungens waren fasziniert. Roger lachte. Oliver Wells kam aus Rogers Büro, um sich über den Lärm zu beschweren, mußte aber lächeln, als er begriff, wie Quest in der Tinte saß.
«Die Jacke, die er anhat«, rief Henry,»fühlt sich wie Leder an.«
«Nein. «Quest schüttelte heftig den Kopf, so daß ihm die Strickmütze über das eine Ohr rutschte.
«Und«, rief Henry,»als ich ihm vorgehalten hab, daß er ein Tier verspeist, hat er sich den Hamburger in die Tasche gestopft.«
Alan hüpfte vor Freude und grinste übers ganze sommersprossige Gesicht.
Henry warf das SCHÜTZT DIE TIERE-Plakat in hohem Bogen weg und langte in die Tasche der lederähnlichen Jacke von Harold Quest. Zum Vorschein kam zerknüllte Plastikfolie, ein halb verzehrtes Brötchen, Tomatenketchup, gelb triefender Senf und ein Halbmond aus Hackfleisch mit den Gebißspuren des Mr. Quest.
Unerwartet fiel aus der Tasche noch ein zweites Knäuel Plastikfolie, das nie eine Schnellküche gesehen hatte.
In dem allgemeinen Gedränge erkannte niemand die Bedeutung des zweiten Knäuels, bis Christopher es aus irgendeinem obskuren Ordnungsdrang aufhob. Selbst dann hätten die meisten Leute sich noch nichts dabei gedacht, doch bei Christopher war das anders.
«Raus damit«, brüllte Henry seinen glücklosen Gefangenen an,»Sie sind kein echter Demonstrant. Was wollen Sie hier?«
Harold Quest antwortete nicht.
«Papa«, sagte Christopher und zog mich am Ärmel,»sieh dir das mal an. Riech mal.«
Ich sah auf das Plastikknäuel, das er aufgelesen hatte, und roch daran.»Gib das dem Colonel«, sagte ich.
Roger blickte mir ins Gesicht, als er meinen Tonfall hörte, und nahm Christopher das Knäuel ab. Es waren zwei zusammengeknüllte, durchsichtig braune Plastikhüllen mit roter und gelber Schrift. Roger strich eine der Hüllen glatt und blickte zu Henry auf, der, keineswegs schwer von Begriff, gleich sah, daß mehr als nur ein Hamburger ans Licht gekommen war.
«Bringen Sie ihn ins Büro«, wies Roger Henry an.
Henry kapierte und brüllte Quests Gefolgschaft an:»Ihr da, zieht Leine, bevor sie euch wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses drankriegen. Ihr mit den Lederschuhen, ihr mit den Hamburgern, mein Tip fürs nächste Maclass="underline" Gehirn einschalten. Und jetzt verschwindet alle miteinander.«
Er kehrte ihnen den Rücken, und wir beobachteten interessiert, wie er Quest mühelos zum Büroeingang führte, während Quests lärmende Horde in sich zusammenfiel, ihn im Stich ließ und stumm zu den Ausgängen zockelte.
Wieder füllte sich das Büro: Oliver, Roger, ich, fünf sich bewußt im Hintergrund haltende Jungen, Harold Quest und allen voran Henry, der Platz für drei beanspruchte.
«Könnten Sie«, sagte Roger zu Henry,»auch seine übrigen Taschen durchsuchen?«
«Klar.«
Er mußte seinen Griff ein wenig gelockert haben, denn Quest wand sich plötzlich los und machte einen Satz zur Tür. Henry packte ihn wie nebenbei am Kragen und riß ihn mit Schwung zurück, bevor er losließ. Bei normaler Kraft hätte es weiter keine Rolle gespielt, aber da der Stupser von Henry kam, taumelte Quest quer durch den Raum und krachte rückwärts gegen die Wand. Ein Anflug von Selbstmitleid trieb Tränen in seine Augen.
«Runter mit der Jacke«, befahl Henry, und Quest gehorchte mir fahrigen Fingern.
Roger nahm die Jacke, durchsuchte die Taschen und breitete die Beute auf dem Schreibtisch aus, neben der Löschunterlage, auf die Henry den halbverzehrten Hamburger gelegt hatte. Abgesehen von einer mageren Brieftasche mit einem Rückfahrschein für den Bus nach London, war da ein Feuerzeug, eine Schachtel Streichhölzer und noch drei dunkelbraune Plastikhüllen mit rotem und gelbem Aufdruck.
Roger strich eine davon auf dem Schreibtisch glatt und las die Aufschrift vor.
«>Sure Fire<«, verkündete er.»>Sauber. Sicher. Ungiftig. Jedesmal ein Feuer. 20 Hölzer.c «Er rechnete kurz.»Fünf leere Päckchen, macht hundert Feueranzünder. Wozu braucht einer denn hundert Feueranzünder auf einer Rennbahn?«
Harold Quest blickte finster.
Henry baute sich vor ihm auf, allein durch seine Größe schon bedrohlich.
«Sie sind nicht echt«, polterte er,»also was führen Sie im Schild?«
«Gar nichts«, sagte Quest schwach und wischte mit der Hand über sein Gesicht.
Henrys laute Stimme drang auf ihn ein.»Leute, die Hindernisse abfackeln, können auch Tribünen sprengen. Wir übergeben Sie der Polizei.«
«Ich habe die Tribüne nicht gesprengt«, fuhr Quest erregt auf.
«Ach nein? Sie waren Freitag morgen hier. Das haben Sie zugegeben.«
«Irrtum… da war ich nicht hier.«
«Definitiv doch«, warf ich ein.»Sie haben der Polizei gesagt, Sie hätten Dart Strattons Auto zwischen acht und halb neun Uhr früh zum Tor hineinfahren sehen.«
Harold Quest sah baff aus.
«Und dabei war es sinnlos«, fügte Roger hinzu,»den Eingang der Rennbahn um diese Zeit zu belagern, wo an dem Tag doch gar keine Zuschauer erwartet wurden.«
«Einem Tag, an dem aber das Fernsehen kam«, sagte ich.»Nach der Explosion.«
«Wir haben Sie gesehen«, rief Christopher heftig.»Im Fernsehen hieß es, das wären Sie gewesen. Sie hätten bei-nah meinen Bruder umgebracht und haben meinen Papa schwer verletzt.«
«Hab ich nicht!«
«Wer denn sonst?«brüllte Henry.»Sie waren das! Sie sind hier verdammt lästig geworden, Ihre Proteste sind nicht echt, Sie haben Rennbahneigentum zerstört, und der Knast wartet auf Sie. Colonel, holen Sie die Polizei, die stöbert ja schon hinter dem Zaun herum. Sagen Sie, wir hätten den Bombenleger gefaßt.«
«Nein!« schrie Quest winselnd.
«Dann heraus mit der Sprache«, befahl Henry.»Wir hören.«
«Also gut. Also gut. Die Hecke habe ich angezündet. «Quest gestand nicht, er bettelte und flehte.»Aber die Tribüne habe ich nicht angerührt. Das war ich nicht, dafür ist Gott mein Zeuge.«
«Das steht auf einem andern Blatt. Sie müssen uns überzeugen.«
«Warum haben Sie die Hecke angesteckt?«wollte Roger wissen.
«Warum?«Quest blickte verzweifelt umher, als ließe sich die Antwort von den Wänden ablesen.
«Warum?« blaffte Henry.»Warum? Warum? Warum? Und kommen Sie uns bloß nicht mit dem Tierschutz. Was Sie betrifft, wissen wir, daß das alles Quark ist. «Er winkte mit der Hand zu den Hamburgerresten.»Also warum haben Sie’s getan? Sie kommen bös in Schwierigkeiten, wenn Sie damit nicht rausrücken.«
Quest schöpfte Hoffnung.»Wenn ich es Ihnen sage, ist die Sache erledigt?«
«Kommt drauf an«, sagte Henry.»Reden Sie erst mal.«
Quest sah auf den massigen Mann und auf uns alle, die wir ihn mit scharfen, feindseligen Blicken durchbohrten, sah auf die Plastikhüllen und den Hamburger auf dem Schreibtisch und verlor mit einemmal den Mut.