«Ist das ein Rätsel, Pa?«fragte Neil.
«Ja und nein. Aber rat nicht, es gibt keine Lösung dafür.«
Roger parkte den Jeep am Ende des Bürogebäudes, so daß er bereitstand, falls eine Fahrt um die Bahn erforderlich wurde. Die Jungs gingen zu zweien davon, Neil mit Christopher, Edward mit Alan, nachdem wir als Sammelpunkt nach dem ersten, dritten und fünften Rennen einen Platz in Büronähe vereinbart hatten.
Leute kamen: ein Bus mit Totopersonal, der Unfalldienst der Johanniter, das Einsatzkommando der Polizei für die Verkehrsregelung und die Verhütung von Handgreiflichkeiten im Buchmacherring, die Buchmacher mit ihren Seifenkisten und Schiefertafeln, die Kontrolleure, die Kartenverkäufer; dann die Jockeys, die Sponsoren, die Mitglieder der Rennleitung, die Trainer, die Strattons und schließlich die Rennbahnbesucher, die noch alle Wetten zu verlieren hatten.
Ich stand am Haupteingang, beobachtete die Gesichter und sah in beinah allen die Festtagsfreude, um die es uns gegangen war. Selbst das von Oliver bestellte Fernsehteam schien sichtlich beeindruckt: Die Kameras surrten im Zelt und außerhalb.
Mark fuhr mit dem Daimler bis an das Tor zum Sattelplatz, damit Marjorie nicht vom Parkplatz aus zu gehen brauchte. Sie sah mich weiter vorn stehen und winkte mich zu sich wie jemand, dem man selten den Gehorsam verweigert.
Wortlos sah sie zu, wie ich mit dem Stock an ihre Seite hinkte.
«Fähnchen«, meinte sie skeptisch.
«Schauen Sie doch die Gesichter.«
Wie ich es mir gedacht hatte, war sie angetan von den lächelnden Leuten, dem Geplapper, der summenden Erregung ringsum. Ein Rummelplatz mochte es sein, aber es war auch etwas, worüber man reden konnte, und es gab dem Pferderennen in Stratton Park ein positiveres Gesicht als eine in die Luft gejagte Tribüne.
Sie sagte:»Der Colonel hat uns Lunch versprochen…«
Ich wies ihr den Weg zum privaten Speiseraum der Strattons, wo der gleiche Butler und die gleiche Bedienung wie an jedem Renntag sie begrüßte, und offensichtlich fühlte sie sich sofort wohl. Sie betrachtete alles eingehend, vom Tisch, den der Gastroservice mitgebracht und mit Weißzeug und Silber gedeckt hatte, bis zu dem schimmernden Zeltdach mit seinem warmen indirekten Licht und den verborgenen Lüftungsklappen.
«Conrad hat es mir erzählt«, sagte sie langsam.»Er sprach von einem Wunder. unserer Rettung durch ein Wunder. Er hat nicht gesagt, wie schön es ist. «Sie hielt schluckend inne, außerstande weiterzusprechen.
«Es gibt, glaub ich, Champagner für Sie«, sagte ich, und ihr Butler brachte bereits ein Glas auf einem Tablett und zog einen Stuhl für sie heraus — einen Klappstuhl aus Plastik eigentlich, aber wie alle zehn Stühle am Tisch verschönt durch einen geblümten, mit eleganten Schleifen befestigten Stoff.
Da das ganze Unternehmen schon als Erfolg zu werten war, wenn es Marjorie gefiel, hatten wir nichts ausgelassen, was zu ihrem Wohlbefinden beitragen konnte. Sie saß steif da und trank in kleinen Schlucken. Nach einer Weile sagte sie:»Nehmen Sie Platz, Lee. Das heißt, wenn Sie können.«
Ich setzte mich neben sie, denn inzwischen hielt ich das auch wieder aus, ohne direkt zusammenzufahren.
Lee. Nicht mehr Mr. Morris. Ein Fortschritt.
«Mrs. Binsham…«
«Sie können Marjorie zu mir sagen… wenn Sie wollen.«
Prächtiges altes Mädchen, dachte ich unerhört erleichtert.»Ihr Angebot ehrt mich«, sagte ich.
Sie nickte, als fände sie das auch.
«Vor zwei Tagen«, sagte sie,»hat meine Familie Sie schändlich behandelt. Mir fehlen fast die Worte dafür. Und dann tun Sie dies alles für uns. «Ihre Geste umschloß den Raum. »Warum haben Sie es getan?«
Nach einer Pause sagte ich:»Wahrscheinlich wissen Sie, warum. Sie sind vielleicht die einzige, die es weiß.«
Sie dachte nach.»Mein Bruder«, sagte sie,»hat mir einmal einen Brief gezeigt, den Sie ihm nach Madelines Tod geschrieben haben. Ihre Ausbildung sei durch sein Geld ermöglicht worden, schrieben Sie. Sie wollten sich bei ihm bedanken. Sie haben all das für ihn getan, nicht wahr? Um sich zu revanchieren?«
«Ich nehme es an.«
«Ja. Nun, er würde sich freuen.«
Sie setzte ihr Glas ab, öffnete ihre Handtasche, nahm ein kleines weißes Taschentuch heraus und putzte sich leise die Nase.»Er fehlt mir«, sagte sie. Sie schnüffelte ein wenig, steckte das Taschentuch weg und bemühte sich, fröhlich zu sein.
«Nun ja«, sagte sie.»Fähnchen. Zufriedene Gesichter. Ein herrlich sonniger Frühlingstag. Es scheint sogar, als ob die schrecklichen Leute vom Eingang nach Hause gefahren sind.«
«Ah«, sagte ich,»ich muß Ihnen etwas zeigen.«
Ich zog Harold Quests Geständnis aus meiner Tasche, gab es ihr und erklärte die Sache mit Henry und dem befremdlichen Hamburger.
Sie setzte eine Brille auf, las die Seite und legte dabei eine Hand auf ihr Herz, wie um es zu beruhigen.
«Keith«, sagte sie, als sie aufschaute.»Das ist Keiths Wagen.«
«Ja.«
«Haben Sie der Polizei eine Kopie davon gegeben?«
«Nein«, sagte ich.»Das ist übrigens auch eine Kopie. Das Original liegt im Büro des Colonels im Tresor. «Nach einer Pause redete ich weiter.»Ich glaube nicht, daß ich herausbekommen kann, wieviel Schulden Keith hat oder bei wem, aber ich habe mir überlegt, daß Sie so vielleicht auch schon ein ganz gutes Druckmittel gegen ihn in der Hand haben.«
Sie unterzog mich einer langen Musterung.
«Sie verstehen mich. «Sie hörte sich weder erfreut noch verärgert an, sondern überrascht und akzeptierend.
«Es hat eine Weile gedauert.«
Ein kleines Lächeln.»Sie kennen mich erst seit vorigem Mittwoch.«
Lange fünf Tage, dachte ich.
Eine Frau erschien am Eingang des Speiseraums, und hinter ihr, halb verdeckt, stand eine zweite, jüngere Frau.
«Entschuldigen Sie«, sagte sie,»es hieß, hier könnte ich Lee Morris finden.«
Ich erhob mich auf meine unspritzige Art.
«Ich bin Lee Morris«, sagte ich.
Sie war korpulent, um die sechzig, mit üppigem Busen, großen, freundlich blickenden Augen und kurzem, lockigem graublondem Haar. Sie trug eine Kombination in
Blau und Beige, dazu flache braune Schuhe und hatte einen vielfarbenen Seidenschal lässig um den Hals geknotet. Im Arm hielt sie eine große braune Handtasche, deren goldene Schulterkette lose herabbaumelte, und sie sah ganz so aus, als ob sie sich in ihrer Haut wohl fühlte: keine Unsicherheit, keine Verlegenheit.
Ihr Blick glitt flüchtig an mir vorbei und fiel auf Marjorie, und einen Moment lang war es ungewöhnlich still, war alles in der Schwebe zwischen den beiden Frauen. Ihre Augen waren gleich geweitet, ihre Münder in gleichem Erstaunen geöffnet. Mir ging blitzartig auf, daß sie beide wußten, wer die andere war, auch wenn sie es nicht offen zu erkennen gaben und sich keines Grußes würdigten.
«Ich möchte mit Ihnen reden«, sagte die Besucherin zu mir und wandte die Augen von Marjorie ab, blieb sich ihrer Gegenwart aber prickelnd bewußt.»Nicht hier, wenn es recht ist.«
Ich sagte zu Marjorie:»Würden Sie mich entschuldigen?«
Sie hätte nein sagen können. Wenn sie gewollt hätte, würde sie es getan haben. Sie warf einen schwer zu deutenden Blick auf die Besucherin und antwortete mir entschieden:»Ja. Unterhalten Sie sich nur.«
Die Besucherin trat hinaus in den großen Mittelgang des Hauptzeltes, und ich folgte ihr.
«Ich bin Perdita Faulds«, sagte sie, als wir draußen waren.»Und das«, sie machte einen Schritt nach rechts, um den Blick auf ihre Begleiterin freizugeben,»ist meine Tochter Penelope.«
Es war, als ob man zweimal rasch hintereinander von einem Hammer getroffen wird; keine Zeit, die erste Neuigkeit richtig aufzunehmen, bevor einen die zweite umhaut.
Penelope Faulds war blond, hochgewachsen, mit einem schlanken Hals und fast das Abbild von Amanda — der jungen Amanda, in die ich mich verliebt hatte, die wunderbare Neunzehnjährige mit den lächelnden grauen Augen, die unbekümmert und verfrüht die Ehe eingegangen war.