Ich fuhr mir mit der Hand übers Gesicht und wußte keine Antwort.
«Weiß Penelope«, fragte ich,»von Ihnen und Lord Strat-ton?«
«Pen ist doch noch ein Kind!«erwiderte sie.»Sie ist achtzehn. Natürlich weiß sie nichts davon. Ihr Vater auch nicht. Ich habe es nie jemand erzählt. Genau wie William… Lord Stratton. Er wollte seiner Frau nicht weh tun, und ich wollte auch nicht, daß er ihr weh tut.«
«Aber Marjorie ahnt es.«
Sie nickte.»Sie weiß es all die Jahre schon. Sie hat mich in Oxford im Geschäft besucht. Nach besonderer Vereinbarung. Ich glaube, sie wollte nur mal sehen, wie ich bin. Wir haben uns einfach ein bißchen unterhalten, über dies und jenes. Nachher hat sie darüber nie was verlauten lassen. Sie hat William geliebt, wie ich auch. Sie hätte ihn nie verraten. Hat sie jedenfalls nicht. Hat sie doch immer noch nicht, oder?«
«Nein.«
Nach einer Pause schaltete Perdita geistig um, schüttelte die Wehmut ab, ging zum geschäftlichen Teil über und sagte energisch:»Was fangen wir jetzt also mit Williams Rennbahn an?«
«Wenn das Gelände zur Erschließung verkauft wird, bekommen Sie einen hübschen kleinen Kapitalgewinn.«
«Wieviel?«
«Das können Sie so gut ausrechnen wie jeder andere. Siebzigtausend Pfund für jede Million, die das Land bringt, etwas mehr oder weniger.«
«Und Sie?«fragte sie frei heraus.»Würden Sie verkaufen?«
«Man kann nicht sagen, es wäre nicht verlockend. Keith drängt darauf. Er versucht sogar, die Leute von hier zu vergraulen, damit sich der Rennbahnbetrieb nicht mehr lohnt.«»Das bringt mich schon mal vom Verkaufen ab.«
Ich lächelte.»Mich auch.«
«Also?«
«Also sollten wir eine erstklassige neue Tribüne bauen lassen — und mit erstklassig meine ich nicht riesig, sondern klug angelegt, damit das Publikum herkommt —, denn dann werden unsere Anteile höhere Dividenden abwerfen als bisher.«
«Sie glauben also, daß das Pferderennen an sich Zukunft hat?«
«Es hält sich seit über dreihundert Jahren in England. Es hat Skandale und Betrugsaffären und alle möglichen Debakel überdauert. Pferde sind schön, und Wetten ist eine Sucht. Ich würde eine neue Tribüne bauen.«
«Sie sind ein Romantiker!«neckte sie.
«Ich bin nicht haushoch verschuldet«, sagte ich,»aber Keith vielleicht.«
«William hat mir gesagt, Keith sei die größte Enttäuschung seines Lebens.«
Ich sah sie nachdenklich an, und gut fünfzig Fragen gingen mir wie Lichtblitze durch den Kopf; doch bevor ich etwas Konstruktives daraus machen konnte, kam ein Rennbahnfunktionär zu mir und sagte, Colonel Gardner wünsche mich dringend im Büro zu sprechen.
«Gehen Sie nicht weg, ohne mir zu sagen, wo ich Sie finde«, bat ich Perdita Faulds.
«Ich bin den ganzen Nachmittag hier«, beruhigte sie mich.
«Falls wir uns verpassen, hier ist die Telefonnummer meines Geschäfts in Oxford. Darüber erreichen Sie mich. «Sie gab mir eine Visitenkarte.»Und wo finde ich Sie?«
Ich schrieb ihr die Nummer meines Mobiltelefons und die Nummer von dem Haus in Sussex auf die Rückseite einer zweiten Visitenkarte, und sie widmete sich zufrieden wieder ihrem Champagner, als ich ging, um zu erfahren, welche Krise über uns hereingebrochen war.
Es drehte sich im wesentlichen um Rebeccas Nerven. Sie lief vor dem Büro auf und ab und starrte mich böse an, als ich an ihr vorbeiging und durch die Tür trat, und noch nie war sie mir so labil vorgekommen.
Roger und Oliver waren drinnen, zähneknirschend und stocksauer.
«Sie werden es nicht glauben«, sagte Roger gepreßt, als er mich erblickte.»Wir haben all die üblichen Probleme — einen im Stall ertappten Dopingsünder, einen Kurzschluß an der Toto-Anzeige und im Buchmacherring jemand mit einem Herzanfall — und wir haben Rebecca, die einen Riesenrabatz veranstaltet, weil im Umkleidezelt für die Rennreiterinnen keine Bügel hängen.«
«Bügel?« sagte ich verständnislos.
«Bügel. Sie sagt, man kann doch nicht erwarten, daß sie ihre Kleider und ihren Dreß auf den Boden werfen. Wir haben ihr einen Tisch, eine Bank, einen Spiegel und eine Waschgelegenheit mit fließendem Wasser und Abfluß besorgt. Und sie stellt sich wegen Kleiderbügeln an.«
«Hm…«, sagte ich ratlos.»Wie wär’s mit einer Leine für die Kleider?«
Roger gab mir einen Schlüsselbund.»Könnten Sie vielleicht mit dem Jeep zu mir nach Hause fahren — da ist abgeschlossen, meine Frau steckt hier irgendwo, aber ich finde sie nicht — und ein paar Bügel holen? Nehmen Sie die Kleider runter. Es ist verrückt, aber wenn Sie so nett wären — ginge das? Halten Ihre Beine das aus?«
«Klar«, sagte ich erleichtert.»Ich dachte, es wäre was Ernstes, weshalb Sie mich gerufen haben.«»Sie reitet Conrads Pferd im ersten Rennen. Für ihn — und für uns alle — wäre es durchaus ernst, wenn sie vollkommen überschnappt.«
«Okay.«
Draußen war Dart vergeblich bemüht, seine Schwester zu beruhigen. Er gab es auf, als er mich sah, ging statt dessen mit mir zum Jeep und fragte mich, wo ich hin wollte. Als ich sagte, Kleiderbügel holen, glaubte er mir erst nicht, dann bot er mir seine Hilfe an, und so nahm ich ihn mit auf die Beschaffungstour.
«Sie klinkt manchmal aus«, sagte Dart, wie um Rebecca zu entschuldigen.
«Ja.«
«Es ist wohl schon ein Streß, wenn man täglich sein Leben riskiert.«
«Vielleicht sollte sie aufhören.«
«Sie läßt nur Dampf ab.«
Wir erleichterten einen ganzen Stoß von Rogers Kleidern um ihre Bügel und hielten auf der Rückfahrt am Bus, wo ich den Kopf zur Tür hineinsteckte und voll aufgedrehten Fußballärm ins Gesicht bekam.
«Toby«, schrie ich,»alles in Ordnung?«
«Ja, Papa. «Er stellte den Ton etwas leiser.»Papa, Stratton Park war im Fernsehen! Sie haben die Flaggen gezeigt und das Springschloß und alles. Nichts wie hin, sagten sie, die Rennen fingen erst an, das wäre ein idealer Ostermontagsausflug.«
«Toll«, sagte ich.»Willst du jetzt mit zum Sattelplatz?«
«Nein, danke.«
«Okay, bis nachher.«
Ich erzählte Dart von der Fernsehberichterstattung.»Das war Olivers Werk«, meinte er.»Ich habe gehört, wie er den Kameraleuten zugeredet hat. Ich muß sagen, er und Roger und Sie, ihr habt hier fabelhafte Arbeit geleistet.«
«Und Henry.«
«Vater meint, die Familie hat Ihnen Unrecht getan. Er meint, sie hätten nicht auf Keith hören sollen.«
«Gut.«
«Aber er macht sich Sorgen um Rebecca.«
Würde ich auch, dachte ich, wenn sie meine Tochter wäre.
Dart gab die Bügel seiner Schwester, die wortlos mit ihnen davonstolzierte. Außerdem brachte er, um mir den Weg zu ersparen, die Jeepschlüssel zurück ins Büro und erzählte Roger und Oliver, daß das Zelt in den Nachrichten gekommen war. Schließlich schlug er Bier und Sandwiches in der Bar vor, um sich dem Stratton-Lunch entziehen zu können.»Keith, Hannah, Jack und Imogen«, sagte er.»Igitt. «Dann:»Wußten Sie, daß die Polizei meine alte Blechschachtel zur Spurensicherung abgeholt hat?«
«Nein«, sagte ich und suchte in Darts Gesicht nach Anzeichen von Besorgnis, fand aber keine.»Wußte ich nicht.«
«Es ist verdammt ärgerlich«, sagte er.»Ich mußte mir einen Wagen mieten. Ich schicke euch die Rechnung, habe ich der Polizei gesagt, und die haben nur gefeixt. Dieser Bombentrara hängt mir zum Hals heraus. «Er grinste über meinen Spazierstock.»Ihnen sicher auch.«
Perdita Faulds hatte die Bar verlassen und war nirgends zu sehen, als wir hinkamen. Dart und ich tranken und aßen, und ich sagte ihm, daß ich einmal ein Rezept für ein Heilmittel gegen Haarverlust gelesen hätte.
Er sah mich mißtrauisch an.»Sie wollen mich auf den Arm nehmen.«»Nun«, gab ich zu bedenken,»immerhin heilt man ja auch Malaria mit abgeschälter Baumrinde und Blutvergiftungen mit einem Pilz, der auf Gelee wächst.«