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«Chinin«, sagte er nickend,»und Penicillin.«

«Genau. Und dieses Haarwuchsmittel stammt von einem mexikanischen Medizinmann, aus einem Handbuch von 1552.«

«Ich versuche alles«, sagte er.

«Man zerstößt ein wenig Seifenkraut, kocht es in Hundeurin und gibt ein bis zwei Baumfrösche hinzu und ein paar Raupen.«

«Sie sind ein Scheißkerl«, sagte er bitter.

«So steht es in dem Buch.«

«Sie elender Lügner.«

«Die Azteken haben darauf geschworen.«

«Ich werde Sie Keith zum Fraß vorwerfen«, sagte er.»Und ich trample mit auf Ihnen rum.«

«Das Buch heißt Codex Barberini. Vor fünfhundert Jahren war das ganz ernst gemeinte Medizin.«

«Und was ist Seifenkraut?«

«Ich weiß es nicht.«

«Mich wundert«, meinte er nachdenklich,»ob das wirkt.«

Wir lehnten vor dem ersten Rennen an der Umzäunung des Führrings, Dart und ich, und schauten zu, wie seine Eltern, Conrad und Victoria, in einer besorgten kleinen Gruppe mit dem Trainer ihres Pferdes und mit Rebecca, ihrer als Jockey antretenden Tochter, sprachen. Andere kleine Gruppen beäugten ähnlich sorgenvoll ihre gelassen um sie herum stolzierenden Vierbeiner und verbargen ihre wilden Hoffnungen hinter vorsichtig taxierenden Worten.

«Das letzte Mal hat er gesiegt«, taxierte Dart vorsichtig vom Rand aus.»Sie kann schon gut reiten, die Rebecca.«

«Muß sie auch, um auf der Liste so weit nach oben zu kommen.«

«Sie ist zwei Jahre jünger als ich, und ich kann mich nicht erinnern, daß sie mal nicht in Ponys vernarrt war. Mich hat mal eins getreten, und das hat mir gereicht, besten Dank, aber Rebecca…«, in seiner Stimme lag die vertraute Mischung von Ärger und Respekt,»die hat sich die Knochen gebrochen, als wären es Fingernägel. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals auf irgend etwas so versessen zu sein wie sie aufs Siegen.«

«Ich glaube«, sagte ich,»so sind alle Erfolgstypen, wenigstens eine Zeitlang.«

Er drehte den Kopf und schätzte mich ab.»Sie auch?«

«Leider nein.«

«Ich auch nicht.«

«Deswegen stehen wir hier«, sagte ich,»und schauen Ihrer Schwester zu.«

Dart sagte:»Sie sehen immer so verdammt klar.«

Das Signal zum Aufsitzen der Jockeys kam. Rebecca in den auffallenden Stratton-Farben, grüne und blaue Karos am Körper, schlecht dazu passende Ärmel und Kappe in Orange und Rot, schwang ihre dünne, geschmeidige Gestalt in den Sattel und landete leicht wie Distelwolle. Die durch das belanglose Fehlen der Kleiderbügel hochgetriebene Anspannung war verschwunden: Rebecca wirkte ruhig, konzentriert, ein Star auf ihrer Bühne, ganz Herrin der Lage.

Dart war die Ambivalenz seiner Gefühle anzumerken, während er sie beobachtete; die Schwester, die ihn mit ihrem Wagemut und ihrem Können in den Schatten stellte, die er bewunderte und beneidete, die er verstand, aber nicht lieben konnte.

Conrads Starter, Tempestexi, ein Fuchswallach, hatte im Vergleich mit einigen anderen im Ring einen eher langen Rücken und kurze Beine. Das 2-Meilen-Hürdenrennen war laut Programm für Pferde bestimmt, die bis zum 1. Januar noch kein Hürdenrennen gewonnen hatten. Tempe-stexi, der seither eins gewonnen hatte, mußte dafür sieben Pfund Aufgewicht tragen, trat aber dennoch als Favorit an.

Ich fragte Dart, wie viele Pferde sein Vater im Training habe, und er meinte, es seien fünf, wenn auch die Zahl ihren Beinen entsprechend ein wenig schwanke.

«Sehnen«, erläuterte er knapp.»Pferdesehnen sind empfindlich wie Violinsaiten. Tempestexi ist derzeit Vaters galoppierende Hoffnung. Bisher keine wehen Beine.«

«Wettet Conrad?«

«Nein. Mutter schon. Und Keith. Der hätte jetzt sein Haus gesetzt, wenn es ihm gehörte — das Wittibhaus, meine ich. Er wird alles gesetzt haben, was er kriegen konnte. Wenn Rebecca nicht gewinnt, bringt Keith sie um.«

«Das nützt doch dann nichts.«

Dart lachte.»Gerade Sie sollten wissen, daß der Instinkt bei Keith keiner Vernunft zugänglich ist.«

Die Pferde strömten vom Führring auf die Bahn hinaus, und Dart und ich gingen, um uns das Rennen von der Behelfstribüne anzuschauen, die Henry aus den Zirkussitzen zusammengezimmert hatte.

Die Reihen waren so vollgepackt, daß ich hoffte, Henrys große Töne von der hundertprozentigen Sicherheit würden sich als wahr erweisen. Die Leute waren im Laufe der letzten Stunde wirklich wie ein Fluß zum Tor hereinge-rauscht und hatten sich zu Tausenden plappernd über den Asphalt, ins Hauptzelt und in die Buchmacherringe ergossen. Die Speiseräume waren voll, die Gäste warteten. In allen Bars herrschte Gedränge, an den Wettschaltern wuchsen die Schlangen, und an den Kassen gab es keine Rennprogramme mehr. Der große Kopierer im Büro produzierte am laufenden Band Nachschub und glühte fast durch. Oliver, den ich kurz sah, schwitzte vor Begeisterung.

«Das liegt am Fernsehen«, sagte er keuchend.

«Ja, das haben Sie gut hingekriegt.«

Während wir auf den Start warteten, sagte ich zu Dart:»Perdita Faulds ist hier auf der Rennbahn.«

«So? Und wer ist das?«

«Die andere außerstrattonische Gesellschafterin.«

Er zeigte wenig Interesse.»Hat sie nicht neulich bei der Vorstandssitzung jemand erwähnt? Weshalb ist sie gekommen?«

«Wie ich auch, um zu sehen, was aus ihrer Anlage wird.«

Dart ging darauf nicht mehr ein.»Ab!«sagte er.»Jetzt aber los, Rebecca!«

Von der Tribüne sah es nach einem ereignislosen Rennen aus, wenn auch bestimmt nicht vom Sattel. Die Starter blieben in der ersten Runde dicht beisammen, klapperten sicher über die Hürden, fegten als versetztes Band zum erstenmal am Zielpfosten vorbei und gingen in Runde zwei.

Auf der Gegengeraden fielen die Schwächeren, die weniger Schnellen zurück, so daß Rebecca im Schlußbogen an dritter Stelle lag. Daß Dart seiner Schwester ehrlich den Sieg wünschte, stand außer Zweifel. Er machte schubsende, anfeuernde Bewegungen mit dem ganzen Körper, und als sie vor der letzten Hürde in die zweite Position ging, hob er die Stimme wie alle anderen und rief ihr zu, sie solle gewinnen.

Sie gewann. Sie siegte mit knapp einer Länge, ein schmaler, schneller werdender Strahl von klarer und rhythmischer Kraft, gegen einen Kontrahenten, der Ellbogen und Peitsche schwang und die Führung doch nicht halten konnte.

Das Publikum jubelte ihr zu. Dart strahlte im Abglanz des Ruhms. Alle strömten hinunter zum Absattelplatz für den Sieger, wo Dart sich an einer Kuß- und Glückwunschorgie mit seinen Eltern und Marjorie beteiligte. Rebecca nahm den Sattel ab, ignorierte den Überschwang und verschwand zielbewußt zum Zurückwiegen im Waageraumcontainer.

Sehr professionell, ziemlich distanziert; befangen in ihrer eigenen Welt des Risikos, der Leistung, des Glaubens und — diesmal — des Erfolgs.

Ich ging zur Bürotür hinüber, wo vier Jungen sich brav zum Rapport eingefunden hatten.

«Habt ihr was zu Mittag gegessen?«fragte ich.

Sie nickten.»Gut, daß wir zeitig hingegangen sind. Etwas später war kein Tisch mehr frei.«

«Rebecca Stratton hat gerade gewonnen, habt ihr gesehen?«

Christopher sagte vorwurfsvolclass="underline" »Wir wollten bei dir auf sie wetten, obwohl sie uns Gören genannt hat, aber wir konnten dich nicht finden.«

Ich überlegte.»Ihr bekommt von mir, was die Wettschalter für den Mindesteinsatz zahlen.«

Vier fröhliche Gesichter grinsten mich an.»Verspielt es nicht«, sagte ich.

Perdita Faulds und Penelope, die vorbeikamen, blieben neben mir stehen, und ich stellte ihnen die Kinder vor.

«Alles Ihre?«fragte Perdita.»So alt sehen Sie gar nicht aus.«

«Hab jung angefangen.«