«Mein Gott!«
«Roger und Oliver wissen Bescheid und du jetzt auch.«
«Nicht die Strattons?«
«Nicht die Strattons, denen traue ich nicht.«
Keith hätte den zahlenden Besuchern bestimmt eine Dusche verschafft, um ihnen den Tag zu verderben.
Henry redete weiter, in dem Bemühen, mich zu beruhigen.
«Aber Keith wird nicht wirklich versuchen, dich umzubringen, nachdem er das jetzt in der Öffentlichkeit gesagt hat.«
«Das war nicht öffentlich. Das war die Familie Stratton.«
«Aber ich habe ihn gehört, und die Kellnerinnen auch.«
«Sie würden die Kellnerinnen bestechen und schwören, du hättest dich verhört.«
«Ist das dein Ernst?«
«Ich bin sicher, sie haben so was schon oft gemacht. Vielleicht nicht wegen Mord, aber wegen anderer Delikte bestimmt.«
«Aber… was ist mit der Presse?«
«Die Strattons sind reich«, sagte ich kurz.»Mit dem Geld läßt sich mehr kaufen, als du glaubst. Geld benutzt man, um zu bekommen, was man will.«
«Sieht so aus, ja.«
«Die Strattons wollen keinen Skandal.«
«Sie können doch nicht die Presse schmieren!«
«Und die Quellen, an die sich die Presse wendet? Zum Beispiel jäh erblindete Kellnerinnen mit gesunden Bankkonten?«
«Heute nicht mehr«, widersprach er.»Nicht bei unseren unersättlichen Sensationsblättern.«
«Wer hätte gedacht, daß ich mir mal älter vorkomme als du, Henry? Dann bieten die Strattons eben mehr als die Zeitungen.«
Ich kannte Henry als wendigen, praktischen Kopf, erfinderisch und geradeheraus, doch über sein Privatleben und seinen Hintergrund wußte ich nichts. Henry der Hüne und ich arbeiteten seit etlichen Jahren reibungslos zusammen, auf Distanz, aber immer mit Wertschätzung, wenigstens von meiner Seite aus. Durch Henrys Altwarengeschäfte war ich schon an eine ganze, unverfälschte Adam-Raumeinrichtung herangekommen, an Dutzende von antiken Kaminen und Türrahmen. Henry und ich wickelten unsere Geschäfte telefonisch ab —»Ruf mich mal an…«oder» Ich hab da was entdeckt…«. Hier in Stratton Park verbrachte ich jetzt zum erstenmal so viel Zeit mit ihm, und zufrieden dachte ich, daß sich eine echte Freundschaft daraus ergeben würde.
Wir gingen hinten um das Hauptzelt herum und sahen die Pferde für das zweite Rennen auf dem Weg zur Bahn vorbeikommen. Ich merkte, daß es mir immer besser gefiel, ihnen zuzuschauen, nachdem ich in meinem bisherigen Leben kaum einen Gedanken an sie verschwendet hatte. Stell dir die Welt ohne sie vor, dachte ich: Die ganze Geschichte wäre anders verlaufen. Es hätte keinen Transport auf dem Landweg gegeben. Die Schlachten des Mittelalters hätten nicht stattgefunden. Kein Ritt der sechshundert in das Tal des Todes. Kein Napoleon. Die Seefahrer, die Wikinger und die Griechen, würden vielleicht noch die Welt beherrschen.
Pferde, schnell, stark, zähmbar, hatten genau die richtige Größe gehabt. Ich beobachtete, wie ihre Muskeln sich unter dem gepflegten Haarkleid bewegten; kein Architekt, nirgends, hätte etwas ebenso Funktionales, Effizientes, wunderbar Proportioniertes entwerfen können.
Rebecca ritt vorüber und stellte ihre Bügelriemen ein, alle Aufmerksamkeit nach innen gerichtet, auf den bevorstehenden Wettkampf. Ich hatte nie den Wunsch gehabt zu reiten, doch in diesem Augenblick beneidete ich sie: um ihr Können, ihre Besessenheit, ihr völliges Aufgehen in der physischen — animalischen — Partnerschaft mit einem phänomenalen Wesen.
Man konnte wetten; man konnte Vollblutpferde besitzen, sie trainieren, züchten, malen, sie bewundern, über sie schreiben: In dem Urtrieb, der Erste zu sein, beim Pferd wie beim Reiter, nahm die ganze Industrie ihren Anfang. Rebecca zu Pferd wurde für mich zum Inbegriff des Rennsports.
Henry und ich gingen auf die ehemalige Zirkustribüne und schauten uns das Rennen gemeinsam an. Das ganze Feld sprang die wiederhergestellte Hecke vor dem Graben anstandslos. Rebecca endete weit abgeschlagen, ohne am Endkampf beteiligt zu sein.
Henry sagte, Pferderennen fände er nicht so toll wie Rugby, und verschwand, um seine Sicherheitsvorkehrungen zu überprüfen.
Der Nachmittag verging.»Es gab die üblichen Debakel«, meinte Roger, der immer noch umhersauste.
Ich traf den Rennbahnarzt, als er gerade zwischen den Einsätzen verschnaufte.»Kommen Sie am Donnerstag zu mir«, schlug er vor.»Ich nehme Ihnen mal die Klammern raus. Dann brauchen Sie sich im Krankenhaus nicht die Beine in den Bauch zu stehen.«
«Prima.«
Oliver, im Büro, gab Auskünfte, befaßte sich mit aufgebrachten Trainern und sorgte dafür, daß die Untersuchung eines umstrittenen Sieges im hinteren Büro zwischen Computern, Kopierer und Kaffeemaschine durchgeführt werden konnte.
Im großen und ganzen hatten die Profis, deren Geschäft das Vergnügen aller anderen war, Verständnis für die Behelfsmaßnahmen, doch interessanterweise nahmen sie das wahrhaft erstaunliche Zauberkunststück im Lauf des Tages immer mehr als selbstverständlich hin und fingen an, sich über den engen Waageraum und die mangelhafte Aussicht von der Behelfstribüne zu beklagen.
«Man gibt ihnen ein Wunder von Menschenhand«, klagte Roger,»und sie wollen eins von Gott.«
«So sind die Menschen nun mal.«
«Zum Teufel damit.«
Ich verbrachte einen Teil der Zeit mit Perdita und Penelope, verrückt, von allem losgelöst, und einen Teil mit meinen Söhnen, zurückversetzt in die Rolle des Familienvaters, aber zum Glück kündigte mir niemand mehr mein baldiges Ableben an.
Ich unterhielt mich mit Marjorie, die bei der Preisverleihung für Victoria einsprang, ihre zierliche, aufrechte Gestalt vor der Menge geschützt durch die breiten, fürsorglichen Schultern Conrads und Ivans. Blitzlicht zuckte, ein Handmikrofon rauschte, die siegreichen Besitzer zerflossen, der Trainer sah erleichtert aus, der Jockey gefaßt (sein zehntes Paar Manschettenknöpfe), das Pferd aufgeregt. Eine normale Preisverleihung; ein ungewöhnlicher Tag.
«Lee«, sagte Marjorie — sie wollte gerade zum Hauptzelt zurückgehen, hielt aber inne, als sie mich in der Nähe stehen sah.»Eine Tasse Tee?«
Ich ging gehorsam mit ihr, wenn auch der Teevorschlag bald zugunsten eines hervorragenden Pol Roger aus den Kellern von Stratton Hays revidiert wurde. Sie schickte Conrad und Ivan weg und ging mit mir allein in den gesäuberten Speiseraum, wo die treue Bedienung den Tisch wieder aufgestellt und frisch mit krustenlosen Gurkensandwiches und kleinen Kaffee-Eclairs gedeckt hatte.
Marjorie setzte sich auf einen Stuhl und kam direkt zur Sache.
«Wieviel kostet denn das alles?«fragte sie gebieterisch.
«Was ist es Ihnen wert?«
«Setzen Sie sich, setzen Sie sich. «Sie wartete, bis ich saß.»Sie wissen genau, daß es so gut wie jede Summe wert ist, die Ihr hünenhafter Freund verlangen kann. Wir sind den ganzen Nachmittag mit Komplimenten überschüttet worden. Die Leute mögen das Zelt. Nichts Geringeres als die Zukunft der Rennbahn ist damit gerettet. Wir schlagen vielleicht heute kein bares Geld raus, aber wir haben unschätzbare Sympathien erworben.«
Ich lächelte über ihre kaufmännische Metapher.
«Ich habe Conrad gebeten«, sagte sie ruhig,»nicht an den Rechnungen herumzumäkeln. Oliver Wells ist so beschäftigt, daß ich Sie bitten würde, ihm etwas auszurichten: Für Mittwoch, also übermorgen, habe ich eine Familienversammlung einberufen. Können Sie und Oliver und der Colonel mir noch vorher eine Kostenaufstellung machen?«
«Das müßte gehen.«
«Tun Sie’s«, sagte sie, aber eher überredend als bestimmend.