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«Ich habe Conrad gesagt, er soll von unseren Buchhaltern so bald wie möglich eine aktuelle, realistische Bilanz für die Rennbahn erstellen lassen, nicht erst zum Ende des Finanzjahrs. Wir brauchen einen Überblick über unsere derzeitige Lage und müssen uns unbedingt einig werden, wie es weitergehen soll. «Die klare Stimme hielt kurz inne.»Sie haben uns heute demonstriert, daß wir die alte Tribüne nicht so, wie sie war, wiederherstellen sollten. Sie haben uns gezeigt, daß die Leute auf ein neues und ungewohntes Ambiente ansprechen. Wir müssen eine heiter-beschwingte Tribüne bauen. «Ich hörte beeindruckt zu. Vierundachtzig war sie? Fünfundachtzig? Eine zierliche, unbeugsame alte Dame vom Schlag eines Industriemagnaten.

«Kommen Sie zu der Versammlung?«fragte sie, keineswegs sicher.

«Ich denke schon.«

«Und Mrs. Faulds?«

Ich sah sie nüchtern an.»Sie dachte sich, daß Sie sie erkannt haben.«

«Ja. Was hat sie Ihnen gesagt?«

«Nicht sonderlich viel. Vor allem will sie, wenn die Rennbahn sich gewinnbringend betreiben läßt, nicht auf dem Verkauf des Landes bestehen.«

«Gut. «Marjories Erleichterung äußerte sich im kaum merklichen Erschlaffen einiger Gesichtsmuskeln, deren Gespanntheit ich gar nicht wahrgenommen hatte.

«Ich glaube nicht, daß ihr daran liegt, zu der Versammlung zu kommen«, setzte ich hinzu.»Sie hatte in der Zeitung von dem Familienzwist gelesen. Sie wollte nur wissen, wie die Dinge liegen.«

«Die Zeitungen!«Marjorie schüttelte angewidert den Kopf.»Ich weiß nicht, wie die von unseren Auseinandersetzungen erfahren haben. Diese Berichte waren unerhört. Wir können uns keine Zwietracht mehr leisten. Noch weniger können wir uns Keith leisten.«

«Vielleicht«, sagte ich zögernd,»sollten Sie ihn einfach… fallenlassen.«

«O nein«, sagte sie sofort.»Der Ruf der Familie…«

Das Dilemma blieb bestehen; uralt, unauflösbar von ihrem Standpunkt aus.

Am Ende des Tages wanderten die Zuschauer davon und hinterließen tonnenweise Abfall. Das Hauptzelt leerte sich. Die Leute vom Gastroservice packten ihre Stühle und Tische zusammen und verschwanden. Die Nachmittagssonne versank tiefgelb am Horizont, und Henry, Oliver, Roger und ich saßen auf umgedrehten Plastikkästen im Geviert der Club-Bar, tranken Bier aus der Dose und analysierten nachträglich die Veranstaltung.

Die fünf Jungen streiften plündernd umher, auch Toby war wieder mit von der Partie. Die Strattons hatten sich verabschiedet. Draußen luden Pferdetransporter die letzten Sieger und Besiegten ein. Der Druck, die Kämpfe, die Ekstasen waren vorbei. Das unglaubliche Wochenende neigte sich dem Ende zu.

«Und als nächster Streich…«, deklamierte ich wie ein Zirkusdirektor mit weit ausholender Gebärde.

«Gehen wir ins Bett sogleich«, sagte Roger.

Er fuhr mich und die Jungen gutmütig zu unserem Bus, kehrte selbst aber zu den Zuschauerbauten und den Zelten zurück, um die Aufräumarbeiten, das Toreschließen und die Sicherheitsvorkehrungen für die Nacht zu überwachen.

Die Jungen aßen zu Abend und kabbelten sich wegen eines Videos. Ich las gähnend in Carterets Tagebüchern. Alle telefonierten wir mit Amanda.

Carteret schrieb:

Lee hat mich überredet, in eine Spätvorlesung über die Auswirkungen von Bomben und Detonationen auf Gebäude zu gehen (IRA-Anschläge, nicht so sehr Luftangriffe). Eigentlich lahm. Lee hat sich entschuldigt für die mir geraubte Lebenszeit. Er steht irgendwie auf Abbruchhäuser. Ich habe ihm gesagt, daß er hier damit keine Blumentöpfe gewinnen kann. Er meint, es gibt ja auch ein Leben nach der Uni…

«Papa«, unterbrach mich Neil.

«Ja?«

«Ich habe Henry das Rätsel aufgegeben.«»Welches Rätsel?«

«Kennst du den Unterschied zwischen Anker und Anschlag?«

Ich starrte beeindruckt meinen kleinen Sohn mit seinem Supergedächtnis an.»Was hat er gesagt?«

«Er hat gefragt, wer das wissen wollte. Als ich sagte, du, hat er nur gelacht. Er meint, wenn da einer die Lösung kennt, dann bist du das.«

Ich sagte lächelnd:»Das ist wie bei dem Rätsel des Hutmachers in Alice im Wunderland: >Was ist der Unterschied zwischen einem Raben und einem Schreibtisch?< Darauf gibt es keine Antwort.«

«Das ist ein blödes Rätsel.«

«Stimmt. Fand ich auch immer.«

Neil, dessen Vorliebe für Pinocchio den Videostreit (etwa zum zehnten Mal) entschieden hatte, richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Nase, die vom Lügen länger wurde. Unter dieser Voraussetzung, dachte ich, hätte Keith die Nase von Cyrano de Bergerac wahrscheinlich auf die Plätze verwiesen.

Carterets Tagebuch:

Der» große «Wilson Yarrow war da und hat Fragen gestellt, um seine Intelligenz herauszustreichen. Was die Profs an dem so toll finden, ist mir schleierhaft. Dauernd geht er ihnen um den Bart. Lee läuft Gefahr, wegen Ketzerei zu fliegen, wenn dem Kollegium seine Ansichten über Gropius zu Ohren kommen. Aber genug davon; so langsam muß ich anfangen mit meinem Referat über den politischen Raum.

Seitenlang ging die Schilderung gesellschaftlicher Ereignisse so weiter, kombiniert mit Nachrichten über den

Fortgang unseres Studiums: nichts mehr über Yarrow. Ich sprang zeitlich zu dem halb zerrissenen Spiralheft vor und las von den Ausrufezeichen wegen des Epsilon-Preises an. So sehr ich auch suchte, es gab offenbar nur noch eine Referenz, dafür aber eine ziemlich vernichtende.

Carteret schrieb:

Wieder Gemunkel über Wilson Yarrow. Er darf sein Diplom fertigmachen! Angeblich ist der Entwurf von jemand anders aus Versehen unter Yarrows Namen in den Epsilon-Wettbewerb gelangt!! Und der alte Hammond meint, einem so hochbegabten Kopf dürfe man wegen eines kleinen Fehlgriffs nicht den Garaus machen! Sagt das nicht alles? Hab mit Lee drüber geredet. Er meint, Entscheidungen kommen von innen. Wer sich einmal für Betrug entscheidet, wird es wieder tun. Und die Folgen? fragte ich. Er meint, Yarrow hat nicht an Folgen gedacht, weil er angenommen hat, daß alles glattgeht. Anscheinend weiß keiner — oder sie behalten’s für sich —, wie das» Versehen «entdeckt worden ist. Der Epsilon wird dieses Jahr nicht verliehen, heißt es. Warum geben sie ihn nicht dem Urheber des Entwurfs, der das Rennen gemacht hat?

Gerade ein brandheißes Gerücht gehört. Der Entwurf war von Mies!!! Gezeichnet 1925, aber nie ausgeführt. Ein peinliches Versehen!!!

Ich las weiter, bis mir von seiner Schrift die Augen schmerzten, aber nirgends hatte Carteret das brandheiße Gerücht bestätigt oder verworfen.

Ein lange zurückliegender, umstrittener Betrug mochte interessant sein, doch selbst Marjorie würde Carterets alte Tagebücher nach so vielen Jahren nicht als hinreichendes

Druckmittel ansehen, zumal seinerzeit keine Klage erhoben worden war. Wer Wilson Yarrow jetzt einen Betrüger nannte, konnte sich eine Verleumdungsklage einhandeln.

Ich sah auch keine Möglichkeit, wie Yarrow einen uralten Skandal, wenn es denn einer war, als Waffe oder Zwangsmittel hätte benutzen können, damit Conrad ihm allein den Auftrag für die neue Tribüne gab.

Seufzend steckte ich die Tagebücher wieder in die Tragetasche, sah mir die letzten fünf Minuten Pinocchio an und brachte meine Brut ins Bett.

Am Dienstag morgen nahmen die Gardners mich und die Jungen mit nach Swindon, wo sie selbst dringende Besorgungen zu machen hatten, und setzten uns vor dem Waschsalon ab, nachdem wir vereinbart hatten, uns bei einem Frisiersalon namens Smiths wieder mit ihnen zu treffen.

Während fast unser ganzer Bestand an Kleidern gewaschen und getrocknet wurde, zogen wir los, um fünf Paar Turnschuhe zu kaufen (ein schwieriges — und kostspieliges

— Unterfangen, denn für die Jungs mußten Farbe, Form und Zierat einfach stimmen, obwohl in meinen Augen die >Igitt, Papa<-Schuhe genausogut aussahen), und danach scheuchte ich sie (mit einem kurzen Zwischenhalt, um eine große Tüte Äpfel zu kaufen) erbarmungslos zum Haareschneiden.