Ihr geschlossener Widerstand gegen diesen Plan schmolz wie Schnee in der Sonne, sobald wir bei Smiths über die Schwelle traten, denn die erste Person, die uns dort entgegenkam, war Penelope Faulds. Die blonde, schlanke junge Penelope, die meine Kinder Hand auf Hand klatschend begrüßte und meine Reife restlos demontierte.
Smiths, das ich mir wegen seines Alters irgendwie ruhig und plüschig vorgestellt hatte, schien ein paar Generatio-nen übersprungen zu haben und war mit Haartrocknern und Rapmusik überzeugend auf trendbewußte Kundinnen und Kunden von heute abgestimmt. Die Frisuren auf den Fotos an der Wand sahen aus wie Formsträucher. Alles blitzte von Chrom und Spiegeln. Junge Männer mit Zöpfen redeten wie Leute aus dem Eastend. Ich kam mir alt vor, und meine Kinder waren selig.
Penelope schnitt ihnen selbst die Haare und befragte mich vorab zu Christophers Anweisung, ihm den Kopf bis auf ein in die Stirn fallendes Büschel seiner Naturlocken so gut wie kahl zu scheren.»Machen Sie so ein Mittelding«, bat ich,»sonst erwürgt mich seine Mutter. Normalerweise geht sie mit ihnen zum Friseur.«
Sie lächelte süß. Ich begehrte sie so schmerzhaft, daß einstürzende Dächer dagegen eine Lappalie waren. Sie schnitt Christophers Locken kurz genug, um ihn zufriedenzustellen, für meine Begriffe schon zu kurz. Es seien seine Haare, meinte er. Sag das deiner Mutter, sagte ich.
Toby bat interessanterweise um einen >normalen< Schnitt kein Ausdruck von Rebellion, was mich irgendwie freute. Ich sah zu, wie Penelope ihm einen Umhang um den Hals band, und fragte sie, ob ihre Mutter da sei.
«Oben«, sagte sie und zeigte mit dem Finger.»Gehen Sie rauf. Sie hat gesagt, sie erwartet Sie. «Sie lächelte. Mein Herz sprang, setzte aus, sprang.»Ich werde Ihre Kinder nicht verunstalten«, versprach sie.»Sie haben so schön geformte Köpfe.«
Ich ging zögernd nach oben, um Perdita zu suchen, und hier, außer Sicht, herrschte noch die alte Ordnung: mit Lockenwicklern gespickte Damen, die unter Trockenhauben saßen und Good Housekeeping lasen.
Perdita, lebhaft in schwarzer Hose und leuchtend rosa Bluse, eine lange Perlenkette um den Hals, führte mich an den großmütterlichen Kundinnen vorbei, die den Mann mit dem Spazierstock anschauten, als gehörte er zu einer anderen Tierart.
«Kümmern Sie sich nicht um meine alten Schätzchen«, frotzelte Perdita und winkte mich in ein geschütztes, chintzbezogenes Privatgemach hinter dem Schönheits studio.»Tanqueray gefällig?«
Gern, sagte ich ein wenig schwach, und sie drückte mir ein großes Glas mit reichlich Gin und etwas Tonic, klirrendem Eis und einer dicken Scheibe Zitrone in die Hand. Viertel nach elf an einem Dienstag morgen. Nun ja.
Sie schloß die Tür zwischen uns und den alten Schätzchen.»Die haben Ohren wie die Fledermäuse, wenn’s um Klatsch geht«, sagte sie munter.»Was möchten Sie wissen?«
Ich sagte zögernd:»Forsyth…?«:
«Setzen Sie sich, mein Lieber«, befahl sie und ließ sich in einen Sessel mit Rosenmuster sinken, dessen Gegenstück sie mir zuwies.
Sie sagte:»Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht, ob ich Ihnen diese Dinge erzählen soll. Na ja, die halbe Nacht. Mehrere Stunden. William hat immer darauf vertraut, daß ich nicht weitergebe, was er mir erzählt, und ich habe es auch nie getan. Aber jetzt… ich weiß zwar nicht, ob es ihm lieber wäre, ich würde für immer schweigen, aber jetzt hat sich die Lage doch geändert. Jemand hat einen Anschlag auf seine geliebte Rennbahn verübt, und Sie haben die Veranstaltung gestern gerettet, und ich glaube… ich glaube wirklich, daß Sie, um es mit Ihren Worten zu sagen, die Sache nur zu Ende bringen können, wenn Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben, und deshalb denke ich, er hätte nichts dagegen. «Sie trank einen Schluck Gin.
«Ich erzähle Ihnen erst von Forsyth, und dann schauen wir mal.«
«In Ordnung«, sagte ich.
Sie seufzte tief und begann zunächst stockend, wurde im Sprechen aber nach und nach freier und unbefangener.
«Forsyth«, sagte sie,»hatte einen Versicherungsbetrug ausgeheckt, und die Familie mußte tief in die Tasche greifen, sonst hätte sie ihn für Gott weiß wie viele Jahre hinter Gittern besuchen können.«
«Ich dachte mir«, sagte ich langsam,»daß es so etwas sein könnte.«
«William meinte…«Sie unterbrach sich, noch immer ein wenig gehemmt und unsicher, trotz ihres Entschlusses.»Es ist seltsam für mich, Ihnen davon zu erzählen.«
Ich nickte.
«Ich würde kein Wort sagen, wenn er noch am Leben wäre, aber seine Familie kümmert mich nicht so. Ich habe ihm oft gesagt, er sollte sie für ihre Verfehlungen gebührend büßen lassen, aber davon wollte er nichts hören. Der Name Stratton mußte sauber bleiben… eine fixe Idee.«
«Ja.«
«Nun«, sie holte tief Atem,»vor etwa einem Jahr hat Forsyth einen riesigen Bankkredit aufgenommen, für den Ivan — sein Vater — mit dem Gartenzentrum bürgte, und hat einen An- und Verkauf von funkgesteuerten Rasenmähern aufgezogen. Ivan ist zwar kein großer Geschäftsmann, aber er hört wenigstens auf seinen Geschäftsführer, der Gute, und holt sich bei Conrad oder William Rat. früher auch bei William, meine ich… und er läßt regelmäßig seine Bücher prüfen. Aber Forsyth, dieser Besserwisser, hat auf keinen gehört, sondern im Alleingang ein großes Lagerhaus auf Hypothek gekauft und Tausende von Rasenmähern, die angeblich das Gras schneiden konnten, während man sich zurücklehnte und zusah, dabei waren sie schon quasi veraltet, als er den Kaufvertrag unterschrieb, und sie gingen dauernd kaputt. Die Leute, die sie ihm angedreht hatten, haben sich wahrscheinlich krankgelacht, meinte William. Und William sagte, Forsyth habe davon geredet, >den Markt aufzukaufen<, und das sei ein Ding der Unmöglichkeit. Der schnellste Weg zum Bankrott. Da sitzt dann also Forsyth auf seinem Berg von Rasenmähern, die keiner kaufen will, und hat eine gewaltige Hypothek auf dem Buckel, die er sich nicht leisten kann, so daß die Bank seine Schecks platzen läßt und Ivan damit rechnen muß, daß sie sich wegen des Riesendarlehens an ihn halten wird… und was dann passiert ist, können Sie sich denken. «Sie widmete sich ihrem Drink.
«Ein kleines Feuer?«vermutete ich und schwenkte die Eiswürfel in meinem Glas.
«Klein! Das war ein Flammenmeer. Lagerhaus, Rasenmäher, Fernbedienungen, alles in Schutt und Asche. William sagte, jedermann sei davon ausgegangen, daß es Brandstiftung war. Die Versicherung schickte ihre Sachverständigen. Es wimmelte von Polizei. Forsyth brach zusammen und gab William gegenüber alles zu.«
Sie seufzte und schwieg.
«Und was ist dann passiert?«
«Nichts.«
«Nichts?«
«Nein. Es ist kein Verbrechen, den eigenen Besitz anzuzünden. William hat alles bezahlt. Er hat die Versicherung nicht in Anspruch genommen. Er hat die Hypothek auf das Lagerhaus mitsamt Vertragsstrafe bezahlt und das Land, auf dem es stand, verkauft. Um Prozesse zu vermeiden, hat er den Vertragspreis für die elenden Rasenmäher bezahlt. Er hat das Bankdarlehen samt Zinsen zurückgezahlt, damit Ivan nicht mit dem Gartenzentrum dafür einzustehen brauchte. Das alles hat enorm viel gekostet. William ließ die Familie wissen, daß sie wegen Forsyths geschäftlichem Abenteuer und seiner kriminellen Dummheit alle ein wesentlich geringeres Erbe von ihm zu erwarten hätten. Danach hat keiner mehr mit Forsyth geredet. Er hat sich bei William darüber beklagt, und William meinte, es gäbe für ihn nur die Ächtung oder das Gefängnis, und er solle froh sein. Forsyth sagte, Keith habe ihm geraten, das Lagerhaus anzuzünden. Keith behauptete, das sei gelogen. Aber William hat mir gesagt, daß es wahrscheinlich stimmt. Keith rede immer davon, daß sich Dinge durch Feuer beseitigen ließen.«