«Stimmt auch wieder«, gab sie zu.»Tja… und fahren Sie nun?«
Darauf konnte ich ihr nicht antworten, weil ich es noch nicht wußte. Ich mußte Rücksicht auf die fünf Kinder nehmen, und ich fand, ihnen zuliebe sollte ich möglichst jeder weiteren Konfrontation aus dem Weg gehen. Keiths wahnhafter Haß auf mich war in seinen heftigen Tritten überdeutlich zum Ausdruck gekommen, und jetzt war ein Angriff aus seiner Sicht auch noch gerechtfertigt, hatte ich doch die Entlarvung des Harold Quest mit herbeigeführt und Quests Geständnis Marjorie zukommen lassen. Ich hatte ihn ihr ausgeliefert: Dafür wollte er mich töten. Tief im Innern glaubte ich, daß er es versuchen würde, und wider Willen hatte ich Angst vor ihm.
Ich konnte wahrscheinlich dafür sorgen, daß den Jungen ihr Vater erhalten blieb, indem ich die Arena verließ.
Ich konnte… weglaufen. Es war unrealistisch, acht Tage in der Woche standhaft sein zu wollen, wie ich Toby schon gesagt hatte. Es wäre klug abzureisen.
Das Dumme war, daß ich zwar gern gegangen wäre, daß aber der Teil von mir, der letztlich die Entscheidungen traf, nicht gehen konnte.
«Ich wünschte«, sagte ich heftig,»ich könnte es so hal-ten wie die Strattons und durch Erpressung dafür sorgen, daß mich Keith in Frieden läßt.«
«Was für ein Gedanke, Lee!«
«Leider ist das nicht drin.«
Sie legte den Kopf schräg, sah mir ins Gesicht und dachte über meine Idee nach.
«Ich weiß nicht, ob es Ihnen viel nützt, mein Lieber«, sagte sie langsam,»aber da könnte Conrad was haben.«
«Inwiefern? Was meinen Sie?«
«Ich habe keine Ahnung, was es genau war«, sagte sie,»aber William hatte etwas, womit er Keith in den letzten Jahren in Schach halten konnte. Nur hat er darüber ausnahmsweise nicht alles erzählt. Ich würde sagen, er hat sich zu sehr für Keith geschämt auf einmal. Schon wenn sein Name fiel, ist er zusammengezuckt. Eines Tages meinte er dann, es gäbe Sachen, von denen er nicht wollte, daß sie jemals bekannt werden, auch nach seinem Tod nicht, nur Conrad — als seinen Erben, wenn Sie verstehen, Lee — müßte er in diese Dinge einweihen, damit er bei Bedarf darauf zurückgreifen könne. So bedrückt wie an dem Tag hatte ich ihn noch nie erlebt. Als er das nächste Mal zu mir kam, fragte ich ihn danach, aber er mochte noch immer nicht weiter darauf eingehen. Er sagte nur, er wollte Conrad ein versiegeltes Kuvert geben mit ganz genauen Anweisungen, ob und wann es zu öffnen sei, und er sagte, er habe immer sein Bestes für die Familie getan. Sein Allerbestes.«
Gerührt hielt sie inne.»Er war so ein Schatz, wissen Sie.«
«Ja.«
Die Geheimnisse waren heraus. Perdita weinte ein paar Tränen der Zuneigung und war offensichtlich mit sich im reinen. Ich stand auf, küßte sie auf die Wange und ging nach unten, um meine frisch geschorenen Kinder einzusammeln.
Sie sahen toll aus. Penelopes Freude über das gelungene Werk riß mich völlig hin. Die Jungen lachten mit ihr, mochten sie sehr, und ich, der sich nach ihr verzehrte, bezahlte für das Haareschneiden (obwohl sie protestierte), dankte ihr und verließ mit meinen Söhnen widerstrebend das Geschäft.
«Können wir da noch mal hingehen, Papa?«fragten sie.
«Irgendwann mal«, versprach ich und dachte bei mir:»Warum nicht?«und» Vielleicht liebt sie mich ja auch «und überlegte, daß auch die Kinder sie mochten, und verfing mich in einem Wust hoffnungsloser Selbstrechtfertigungen, bereit, meine unbefriedigende Ehe, um deren Bestand ich im Zug neulich noch gebetet hatte, glatt hinzuschmeißen.
Die Gardners holten uns ab und brachten uns mit den gereinigten Sachen, den Äpfeln, den neuen Turnschuhen und den Haarschnitten zurück zur Rennbahn und zum normalen Leben.
Am Abend telefonierten wir mit Amanda. Acht Uhr, und ihre Stimme schwer von Schlaf.
Ich verbrachte eine unglückliche, lange Nacht in Gedanken an meine Verpflichtungen und Begierden, aber auch an Keith und die Schurkereien, die er möglicherweise ausheckte. Wie konnte ich mich gegen ihn wehren? Ich dachte über Angst und den nötigen Mut nach und fühlte mich überfordert, der Situation nicht gewachsen.
Kapitel 14
Am Mittwoch morgen war Henry mit seinem letzten Laster nach Hause gefahren, nachdem er versprochen hatte, dem bisher Vollbrachten, das für den nächsten Einsatz stehen blieb, weitere Verbesserungen hinzuzufügen.
Am Dienstag waren die Flaggen über dem Zelt mit Seilrollen und Winden eingeholt und in Säcke verpackt worden. Ventilation und Beleuchtung wurden abgeschaltet. Die Servicezelte wurden dichtgemacht, so daß sie nicht mehr ohne weiteres zu betreten waren. Die Feuerlöscher blieben an Ort und Stelle, scharlachrote Wächter in Bereitschaft. Henrys Monteur und ein paar Rennbahnarbeiter hatten mit Schaufel und Besen die Spuren einiger Tausend Füße vom Zeltboden getilgt.
Am Mittwoch morgen gingen Roger und ich durch den Mittelgang und kontrollierten hier und da die großen Räume zu beiden Seiten. Keine Stühle, keine Tische; ein paar Plastikkästen. Das einzige Licht kam von draußen, durch Zeltleinwand und die pfirsichfarbene Deckenbespannung gefiltertes Tageslicht, das von matt zu hell und wieder zu matt wechselte, wenn langsam ziehende Wolken sich vor die Sonne schoben.
«Ruhig, was?«sagte Roger.
Eine Zeltklappe flatterte irgendwo im Wind, aber sonst war alles still.
«Kaum zu glauben«, stimmte ich zu,»wie das hier am Montag aussah.«
«Wir haben gestern die endgültige Besucherzahl ermittelt«, sagte Roger.»Es waren elf Prozent mehr als voriges Jahr. Elf Prozent! Und das trotz der gesperrten Tribüne.«
«Wegen ihr«, sagte ich.»Wegen der Berichterstattung im Fernsehen.«
«Ja, wahrscheinlich. «Er war vergnügt.»Haben Sie gestern die Zeitungen gesehen? >Mutiger Stratton Park.< Lauter so Schmus. Könnte nicht besser sein!«
«Die Strattons«, sagte ich,»wollten doch heute morgen eine Versammlung abhalten. Wissen Sie, wo?«
«Nicht hier, soweit ich informiert bin. Hier ist ja nur das Büro«, meinte er zweifelnd,»und das ist wirklich zu klein. Wenn sie sich treffen, werden sie Ihnen den Ort aber doch mitteilen.«
«Da bin ich mir nicht so sicher.«
Wir gingen langsam, ungewohnt untätig, wieder in Richtung Büro, und Dart kam mit seiner verbeulten Karre auf den Platz gefahren.
«Tag«, sagte er lässig beim Aussteigen,»bin ich der erste?«
Roger erklärte, daß er nicht im Bilde sei.
Dart zog die Brauen hoch.»Als Marjorie von Versammlung sprach, habe ich natürlich angenommen, sie meint hier.«
Alle drei gingen wir friedlich weiter zum Büro.
Dart sagte:»Die Polizei hat mir gestern mein Auto zurückgegeben, wie Sie sehen, aber es ist ein Wunder, daß ich nicht im Kittchen bin. Eine Frage der Zeit, glaube ich. Die sind zu dem Schluß gekommen, daß ich die Tribüne gesprengt habe.«
Roger hielt verblüfft einen Schritt inne.»Sie?«
«Irgendwie war die Kiste HIV-positiv, verseucht mit
Haschisch, Rinderwahnsinn, Nageldreck und was nicht noch. Ihre Hunde und ihre Retorten haben verrückt gespielt. Es gab Großalarm.«
«Nitrate«, reimte ich mir zusammen.
«Genau. Der Sprengstoff für die Tribüne wurde in meinem Wagen zur Rennbahn gebracht. Zwischen acht und halb neun Uhr früh am Karfreitag. Behaupten sie jedenfalls.«
«Das kann nicht ihr Ernst sein«, wandte Roger ein.
«Gestern nachmittag haben sie mir schwer die Hölle heiß gemacht. «Seine fröhliche Miene konnte nicht darüber hinwegtäuschen, wie ihn das mitgenommen hatte.»Dauernd wollten sie wissen, wo ich das Zeug herhatte, das P.E.4. oder wie es heißt. Meine Komplizen, sagten sie immer. Wer die wären? Ich habe sie nur angeglotzt. Ein oder zwei kleine Witzchen gerissen. Das sei gar nichts zum Lachen, meinten sie. «Er schnitt ein komisch-klägliches Gesicht.»Sie hielten mir vor, daß ich als Schüler im Kadettenkorps war. Vor einem halben Menschenalter! Ich bitte Sie! Na und, sagte ich, das ist doch kein Geheimnis. Ich bin meinem Großvater zuliebe ein, zwei Jahre auf und ab marschiert, aber ein Soldat aus Neigung bin ich definitiv nicht. Verzeihen Sie, Colonel.«