Roger wischte die Entschuldigung beiseite. Wir gingen in das Büro, standen herum, erörterten die Lage.
Dart erzählte weiter.»Sie sagten, als Kadett hätte ich doch wohl gelernt, wie man mit Sprengstoff umgeht. Irrtum, sagte ich. Den Blödsinn habe ich anderen überlassen. Meine einzige wirklich bleibende Erinnerung an die Kadettenzeit ist, wie ich mal über einen Panzer geklettert bin und hinterher Angstträume hatte, daß ich dem vor die Räder falle. Konnten die schnell sein! Jedenfalls sagte ich, redet mit Jack, der ist aus dem gleichen Grund bei den Kadetten, wie ich es war, und er geht noch zur Schule, und es stinkt ihm, und vielleicht solltet ihr den mal fragen, wie man sich Bumbum-Pengpeng besorgt, und da hätten sie mir beinah Handschellen angelegt.«
Als er schwieg, sagte ich:»Schließen Sie normalerweise Ihren Wagen ab? Ich meine, wer sonst hätte ihn am Karfreitag morgen fahren können?«
«Glauben Sie mir nicht?«fragte er gekränkt.
«Doch, ich glaube Ihnen. Ganz bestimmt. Aber wenn Sie ihn nicht gefahren haben, wer dann?«
«In meinem Wagen kann kein Sprengstoff gewesen sein.«
«Sie werden sich damit abfinden müssen, daß welcher drin war.«
«Darüber weiß ich nichts«, sagte er eigensinnig.
«Also, ehm… schließen Sie Ihren Wagen nun ab?«
«Meistens nicht, nein. Nicht, wenn er bei mir vor der Tür steht. Das habe ich auch der Polizei gesagt. Ich sagte, er stand da und sehr wahrscheinlich stak der Schlüssel. Ich sagte, jeder hätte damit wegfahren können.«
Roger und ich wandten uns von Dart ab, um nicht als Ankläger zu erscheinen.»Vor seiner Tür«, das war nicht gerade im Blickfeld der wagenstehlenden Allgemeinheit. Vor seiner Tür, das hieß am Hintereingang des Familienschlosses, Stratton Hays.
«Und wenn nun Keith Ihren Wagen genommen hat? Würden Sie aus Familientreue auch zu ihm halten?«
Dart war erschrocken.»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden. Ich weiß nicht, wer meinen Wagen genommen hat.«
«Und Sie wollen es nicht herausfinden.«
Er grinste etwas unsicher.»Ein wie guter Kumpel sind Sie eigentlich?«
Roger sagte mit unbeteiligter Stimme:»Keith hat Lee vorgestern geschworen, daß er ihn umbringt. Er hat das ohne Zweifel ernst gemeint. Da können Sie es Lee nicht verdenken, wenn er wissen will, ob Keith die Tribüne gesprengt hat.«
Dart sah mich lange an. Ich lächelte mit den Augen.
«Ich glaube nicht, daß es Keith war«, sagte Dart schließlich.
«Ich schaue unter meinem Bus nach«, sagte ich zu ihm.»Meine Kinder steigen mir da nicht ein, ehe ich hundertprozentig sicher bin, daß es ungefährlich ist.«
«Lee!« Es war ein erschreckter Ausruf.»Nein, das würde er nicht machen. Nicht mal Keith. Ich schwör’s Ihnen…«Er brach ab. Dennoch hatte er mir schon gesagt, was ich wissen wollte. Ein Körnchen Wahrheit, wenn auch nicht die ganze Geschichte.
«Würden Sie mir«, sagte ich, um einen lockeren Ton bemüht,»aus Rücksicht auf Ihre Familie vielleicht helfen, Keith davon abzuhalten, daß er seine unangenehme Drohung wahr macht? Damit ihm und Ihnen allen sozusagen die Folgen erspart bleiben?«
«Aber natürlich.«
«Wunderbar.«
«Ich weiß nur nicht, was ich dazu tun soll.«
«Das sage ich Ihnen dann. Aber jetzt — wo ist Ihr Treffen?«
«Herrgott, ja.«
Er ging zum Telefon und rief offensichtlich bei seinen Eltern zu Hause an, wo sich eine Putzfrau meldete, die nicht wußte, wo Lord oder Lady Stratton zu erreichen waren.
«Verdammt«, sagte Dart und versuchte noch eine Nummer.»Ivan? Wo ist dieses verfluchte Treffen? Bei dir? Und wer ist da? Gut, sag ihnen, daß ich noch komme. «Er legte den Hörer auf und zeigte Roger und mir das alte, unbeschwerte Grinsen.»Meine Eltern sind da, Rebecca und Hannah, Imogen und Jack, und sie warten auf Tante Marjorie. Keith konnte ich schon schreien hören. Um ehrlich zu sein, ich bin nicht scharf drauf, da hinzufahren.«
«Dann lassen Sie’s«, meinte ich.
«Unbedingte Anwesenheitspflicht, sagt Ivan. Die ganze Familie. Also muß ich hin.«
Carpe diem, heißt es. Pflücke den Tag. Ergreife den Augenblick. Hier bot sich mir eine Gelegenheit, auf die hinzuarbeiten ich mir recht schwierig vorgestellt hatte.
«Wie wäre es«, sagte ich,»wenn Sie mich mit zu Ihren Eltern nehmen, der Putzfrau sagen, ich sei ein Freund der Familie, und mich da warten lassen, während Sie an dem Treffen teilnehmen?«
Er sagte verwirrt:»Aber wozu denn?«
«Als Glücksbringer«, sagte ich.
«Lee.«
«Also gut. Weil ich doch einmal einen Blick auf die Tribünenpläne werfen möchte, nachdem ich letztes Mal zu feige war.«
Roger wollte mich mit einer Geste daran erinnern, daß ich die Pläne doch schon gesehen hatte, ließ dann aber zu meiner Erleichterung die Hände wieder sinken.
Dart sagte stirnrunzelnd:»Ich verstehe ehrlich gesagt nicht ganz.«
Da ich nicht wollte, daß er verstand, sagte ich irreführend:»Es ist im Interesse Ihrer Familie. Wie gesagt, wenn Ihnen nichts daran liegt, daß Keith mich um die Ecke bringt, vertrauen Sie mir einfach.«
Er vertraute mir mehr als jeder andere in der Familie, und sein unbekümmertes Wesen trug den Sieg davon.
«Wenn Sie’s denn möchten«, willigte er ein, obwohl er immer noch nicht verstand — wie sollte er auch.»Meinen Sie, jetzt gleich?«
«Unbedingt. Aber würden Sie vielleicht hinten rausfahren, damit ich den Jungen Bescheid sagen kann, daß ich eine Zeitlang nicht auf der Rennbahn bin?«
«Sie sind seltsam«, sagte Dart.
«Die Jungen fühlen sich sicherer, wenn sie informiert sind.«
Dart sah Roger an, der resigniert nickte.»Christopher, der Älteste, hat mir gesagt, wenn sie mit dem Bus auf Tour sind, darf ihr Vater sie auch ruhig mal allein lassen, wenn sie nur wissen, daß er weg ist und wann er ungefähr wiederkommt. Sie versorgen sich dann ohne weiteres selbst. Es scheint zu funktionieren.«
Dart verdrehte spaßhaft die Augen über meine wunderlichen Haushaltsregeln, begleitete mich aber hinaus zu seinem Wagen. Auf dem Beifahrersitz sah ich eine Illustrierte namens American Hair Club liegen, mit einem satt behaarten, breit lächelnden jungen Mann, Typ Model, auf dem Titelblatt.
Dart steckte sie in die Seitentasche an seiner Tür und sagte, als müsse er sich verteidigen:»Das ist ein Sonderheft über ein Verfahren, bei dem man Haare mit Polymeren anschweißt. Hört sich schon ganz gut an.«
«Verfolgen Sie’s weiter«, meinte ich.
«Machen Sie sich nicht über mich lustig.«
«Tu ich nicht.«
Er warf mir einen mißtrauischen Blick zu, fuhr mich aber durchaus freundlich zum Bus, wo ich nur einiges Werkzeug einpackte, denn meine Söhne waren nicht dort; sie versuchten sich, mehlbestäubt bis zu den Ellbogen, in der Gardnerschen Küche an Mrs. Gardners fabelhaftem Rosinenkuchenrezept, wobei sie den meisten Teig roh aßen. Mrs. Gardner begrüßte mich mit einem strahlenden Lächeln und einem Kuß und sagte:»Ich habe solchen Spaß hier. Lassen Sie sich Zeit mit dem Heimfahren.«
«Wie kriegt man eine Frau, die einem fünf Söhne schenkt?«fragte Dart trübsinnig, als wir wieder losfuhren.»Wer zum Teufel will einen pummeligen, halbkahlen Kerl Anfang Dreißig, der nichts kann?«