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«Wer will einen gutmütigen, unbekümmerten netten Mann, der nicht von Dämonen besessen ist?«

«Meinen Sie mich?«Er war überrascht.

«Ja.«

«Mich wollen die Frauen im Grunde nicht.«

«Haben Sie schon welche gefragt?«

«Ich habe mit einigen geschlafen, aber sie haben anscheinend nur Augen für das große alte Stratton Hays und sagen mir, was für tolle Parties man da steigen lassen kann, und eine fing sogar vom Einführungsball unserer Tochter an.«

«Und das macht Ihnen angst?«

«Die wollen ein Haus heiraten.«

«Wenn ich wieder zu Hause bin«, sagte ich,»können Sie uns besuchen, und ich werde zusehen, daß Sie Leute kennenlernen, die nie von Stratton Hays gehört haben und nichts vom Titel Ihres Vaters oder von Ihren eigenen Millionen wissen — dann können Sie Bill Darlington sein oder wer immer Sie wollen, und schauen mal, wie sich das anläßt.«

«Im Ernst?«

«Ja. «Ich überlegte einen Augenblick und sagte:»Was wird aus Ihrer Familie, wenn Marjorie stirbt?«»Darüber denke ich nicht nach.«

«Bis dahin sollten Sie verheiratet sein. Sie werden einmal das Oberhaupt der Familie sein, und die anderen sollten das als selbstverständlich betrachten und Ihnen und Ihrer Frau mit Respekt begegnen und mit einem guten Gefühl in die Zukunft blicken.«

«Gott«, wandte er ein,»Sie verlangen aber gar nicht viel.«

«Sie sind der beste Stratton«, sagte ich.

Er schluckte; wurde rot; schwieg. Er fuhr zwischen den Torpfosten durch zu dem häßlichen, gestreiften Haus seiner Eltern, parkte, und wie schon einmal liefen wir um das Haus herum zur Rückseite.

Die Hintertür war unverschlossen. Wir gingen an den Rohrleitungen vorbei, durch die schwarzweiß geflieste Halle, und Dart rief laut:»Mrs. Chinchee? Mrs. Chin-chee!«

Eine kleine Frau mittleren Alters in einem rosa Kittel erschien am Kopf der hohen Treppe und sagte:»Mr. Dart, hier oben bin ich.«

«Mrs. Chinchee«, rief Dart zu ihr hinauf,»mein Bekannter und ich werden eine Zeitlang hier im Haus bleiben, aber lassen Sie sich durch uns nicht stören.«

«Gut, Sir. Danke, Sir.«

Dart wandte sich ab, und Mrs. Chinchee setzte ihre Arbeit im Obergeschoß fort, nachdem jeder unwillkommenen Neugier der Boden entzogen war.

«So«, sagte Dart,»und jetzt? Ich gehe nicht zu der Konferenz. Vielleicht brauchen Sie mich hier.«

«Okay«, sagte ich ziemlich erleichtert.»Dann gehen Sie raus zu Ihrem Wagen, und falls einer von Ihren Eltern früher als erwartet von dem Treffen zurückkommt, knallen

Sie die Hand aufs Horn und hupen fünf- oder sechsmal laut, um mich zu warnen.«

«Sie meinen… ich soll Schmiere stehen?«

«Wenn Ihre Eltern wiederkommen, drücken Sie auf die Hupe und sagen ihnen, Sie hätten mir erlaubt, zu telefonieren oder das Bad zu benutzen oder so.«

«Das gefällt mir nicht«, sagte er stirnrunzelnd.»Was ist, wenn Sie dabei ertappt werden, wie Sie die Pläne einsehen?«

«Sie hatten doch erst nichts dagegen. Sie haben mich sogar angestiftet.«

Er seufzte.»Ja. Da hab ich Sie noch nicht weiter gekannt, da war’s mir egal. Also gut; aber machen Sie nicht zu lange.«

«Nein.«

Immer noch zögernd drehte er sich um und ging wieder zur Hintertür, und ich ging in Conrads Zimmer mit den dicht an dicht gehängten Pferdebildern an den Wänden und den zahllosen glänzenden Nippsachen, die auf eine elsternhafte Neigung schließen ließen. Silberne Miniaturpferde, antike Goldmünzen auf einem Tablett, eine winzige Jagdszene in Gold; Schätze auf jeder Ablage.

Ohne Zeit zu verlieren, ging ich um den großen, vollgepackten Schreibtisch herum und machte mich daran, widerrechtlich ein fremdes Schloß zu knacken, was sich zum Glück als so einfach herausstellte, wie die Form des Schlüssellochs es vermuten ließ. Das kleine flache Werkzeug, das ich mitgebracht hatte, glitt anstandslos an der Sperre vorbei, die den simplen Mechanismus schützte, und entriegelte die Tür. Ein gewöhnliches Schloß bringt man mit jedem schmalen, flachen, abgefeilten Nullachtfünfzehn-Schlüssel auf; je einfacher, desto besser.

Die paneelierte, den Wänden angeglichene Tür ließ sich ohne Schwierigkeit aufdrücken und enthüllte einen großen begehbaren Schrank. Ich legte den Gehstock auf den Schreibtisch, betrat hinkend den Schrank und knipste mit dem Lichtschalter, den ich dort fand, eine einfache Dek-kenlampe an.

Die Wände im Innern waren von Regalen gesäumt, auf denen unzählige Kartons standen, Kartons in allen Farben, Größen, Formen und unpraktischerweise alle nicht beschriftet.

Die Entwürfe für die geplante neue Tribüne — die große Mappe, mit der Conrad und Wilson Yarrow in Olivers Büro gekommen waren — lehnten direkt vor mir an einem der Wandregale. Ich löste die rosa Schleife, mit der die Mappe verschlossen war, nahm die Zeichnungen und breitete sie draußen auf Conrads Schreibtisch aus. Sie sollten, um ehrlich zu sein, nur als Tarnung dienen für den Fall, daß Dart nach mir sehen kam, denn es waren die Blätter, die ich schon kannte, ohne irgendwelche Zusätze.

Das Hauptziel meines waghalsigen Unternehmens war es, an das Kuvert heranzukommen, das William, Lord Stratton, der dritte Baron, Perdita zufolge Conrad, dem vierten Baron, hatte anvertrauen wollen; das Kuvert, das genügend Schmutz über Keith enthielt, um ihn im Zaum zu halten. Wenn ich es fand, dachte ich, konnte ich damit vielleicht mein Leben schützen — etwa, indem ich erklärte, daß im Fall meines gewaltsamen Todes, der Inhalt des Kuverts unweigerlich bekanntgemacht würde.

Angesichts des Arsenals von nichtssagenden Behältnissen mußte ich umdenken. Hier ein bestimmtes Kuvert herauszusuchen konnte Stunden statt Minuten dauern, zumal ich keine genaueren Hinweise auf die Beschaffenheit des fraglichen Kuverts bekommen hatte.

Ich nahm den Deckel von der direkt vor mir stehenden Schachtel ab. Die Schachtel war so groß wie ein großer Schuhkarton und ebenso elegant, aus starker Pappe, kastanienbraun marmoriert; die Art Karton, in der meine Mutter Fotos aufbewahrt hatte.

Diese Schachtel enthielt keine Fotos und keine geheimnisvollen Umschläge, sondern lediglich Erinnerungen an Veranstaltungen der Jagdgesellschaft, deren Leitung Conrad angehörte; Einladungskarten mit Goldrand, Speisekarten, Rednerlisten. Eine längliche Schachtel daneben enthielt lauter lose Zeitungs- und Zeitschriftenausschnitte mit Vorschauen auf künftige oder Berichten über vergangene Jagden.

Schachtel um Schachtel enthielt Dinge der gleichen Art; Conrad war weniger heimlichtuerisch, wie Dart ihn bezeichnet hatte, als vielmehr ein zwanghafter Sammler der kleinsten Einzelheiten seines Lebens; da übertraf er Carte-rets Tagebücher oder meine Rechnungsbuch-Erinnerungen bei weitem.

Ich versuchte mich in Conrad hineinzudenken, mir vorzustellen, wo er seine heiklen Informationen versteckt haben könnte — und verwarf den Gedanken, daß ich besser seinen Schreibtisch oder die Bücherregale durchsuchen sollte. Wenn William Stratton es für nötig befunden hatte, das Kuvert weiterzugeben, dann würde Conrad es nicht irgendwo herumliegen lassen, wo ein unbeteiligter Dritter es versehentlich öffnen konnte. Da es den Geheimschrank gab, auch wenn sein Schloß ein Kinderspiel war, würde Conrad ihn benutzen. Ich streifte hastig an den Schachteln entlang, hob die Deckel an, blätterte Massen von Papier durch, fand nichts, was das Risiko wert war. In einem normalen Schuhkarton stieß ich endlich auf ein Juwel, wie ich es erhofft hatte, wenn auch nicht auf den Haupttreffer.

Was ich vor mir sah, war ein schwarzweißes Hochglanz-foto von Rebecca: keinesfalls ein Porträt, sondern ein Schnappschuß von ihr in Straßenkleidung, nicht im Renndreß, wie sie mit ausgestreckter Hand offenbar ein Bündel Banknoten von einem Mann entgegennahm, der mit dem Rücken zur Kamera stand, aber einen Trilby trug, unter dem sich Locken ringelten, und einen Sakko mit charakteristischen Karos. Der etwas unscharfe Hintergrund war gerade noch als Rennbahn zu erkennen.