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Ich drehte das Foto um: kein Kommentar, kein Name, nichts.

In der gleichen Schachtel, in der das Foto war, lag auch ein Tonband. Von diesen beiden Dingen abgesehen war die Schachtel leer.

Auf dem Tonband, einer normalen Kassette, war kein Inhalt angegeben.

Obwohl ich nicht an außersinnliche Wahrnehmung glaubte, spürte ich ein ungewöhnliches Kribbeln angesichts der Kombination von Foto und Tonband, zumal sie in einer Schachtel für sich waren. Ich nahm sie heraus und legte sie auf Conrads Schreibtisch in der Absicht, mich nach einem Recorder umzusehen; doch zunächst ging ich wieder in den Schrank und suchte hartnäckig weiter nach einem Kuvert, das sich wahrscheinlich dort gar nicht befand.

Alte, überholte Hundeverzeichnisse. Jahrealte Vermögensaufstellungen. Schachteln mit Darts Schulzeugnissen. Nach dem Arbeitsgrundsatz der Diebe, daß alle Welt das Wertvollste stets unten in der Schublade versteckt und man am schnellsten fündig wird, wenn man die Schublade auf den Fußboden leert, kippte ich die Schachteln zwar nicht direkt aus, lüpfte aber jeweils ihren Inhalt, um zu sehen, was zuunterst lag, und so stieß ich schließlich auf einen gewöhnlichen braunen Umschlag, auf dem nur das Wort >Conrad< stand.

Ich zog ihn unter einem Packen ähnlicher Umschläge hervor, die alte, längst abgelaufene Versicherungspolicen enthielten. Der >Conrad<-Umschlag war aufgeschnitten. Ich sah ohne Aufregung hinein, da ich mittlerweile überzeugt war, daß ich mich an Strohhalme geklammert hatte, daß alles wirklich Wichtige wohl doch woanders verwahrt wurde. Ich zog ein einzelnes Blatt Papier mit einer kurzen handgeschriebenen Notiz hervor. Da stand:

Conrad,

hier der Umschlag, von dem ich Dir erzählt habe.

Sei vorsichtig damit. Wissen ist gefährlich.

S.

Ich sah mir den braunen Umschlag näher an. Er barg ein weiteres braunes Kuvert, kleiner und ungeöffnet, aber dik-ker, mit mehr als nur ein, zwei Bogen Papier drin.

Entweder war es das, was ich suchte, oder nicht. Auf jeden Fall wollte ich es mitnehmen, und um meinen Diebstahl selbst vor Dart geheimzuhalten, versteckte ich den offenen Umschlag samt Brief und geschlossenem Umschlag in meiner Kleidung: genau gesagt in meinem engen Slip, direkt am Unterleib.

Ich blickte mich um, ob die Schachteln alle geschlossen waren und aussahen wie vorher, dann ging ich hinaus zu Conrads Schreibtisch, um die Tribünenpläne in die Mappe zu legen und sie wieder zurückzustellen, die Schranktür abzuschließen und unentdeckt das Feld zu räumen.

Das Foto von Rebecca und das Tonband lagen auf den Plänen. Stirnrunzelnd öffnete ich noch einmal den Reißverschluß meiner Hose und legte das Foto mit dem Gesicht nach innen an meinen Bauch, so daß die glänzende

Bildfläche von dem größeren braunen Umschlag fest angedrückt wurde und beides mir nicht an den Beinen herunterrutschen konnte.

In dem Augenblick hörte ich plötzlich Stimmen in der Eingangshalle, nah und näher kommend.

«Aber Vater«, drang Darts Stimme laut und verzweifelt zu mir herein,»ich möchte, daß wir uns den Zaun oben am Wald ansehen — «

«Jetzt nicht, Dart«, sagte Conrads Stimme.»Warum warst du denn nicht auf der Versammlung?«

Großer Gott, dachte ich. Ich schnappte mir das Tonband, steckte es in meine Hosentasche und beugte mich über die Tribünenpläne, als wären sie das einzige im Leben, was mich interessierte.

Conrad stieß die Tür des Zimmers auf, und in sein bis dahin freundliches Gesicht trat erst ein überraschter, dann ein erboster Ausdruck, wie nicht anders zu erwarten, wenn jemand einen Unbefugten in seinem Allerheiligsten vorfindet.

Schlimmer noch; hinter ihm kam Keith.

Conrad sah auf seinen offenen Schrank, in dem das Licht noch brannte, und auf mich, an seinem Schreibtisch. Seine stierartigen Züge verfinsterten sich, die schweren Augenbrauen zogen sich zusammen, der Mund wurde ein harter Strich.

«Erklären Sie bitte!«verlangte er in vernichtend scharfem Ton.

«Es tut mir sehr leid«, sagte ich betreten. Ich legte die Pläne in ihre Mappe und klappte sie zu.»Rechtfertigen kann ich mich nicht. Ich kann nur um Verzeihung bitten. Ich bitte Sie vielmals um Entschuldigung.«

«Das genügt nicht!«Er war sehr aufgebracht, fast außer sich vor Ärger, obwohl er im Gegensatz zu Keith längst nicht bei jedem Anlaß aus der Haut fuhr.»Dieser Schrank war abgeschlossen. Ich schließe ihn immer ab. Wie haben Sie ihn aufbekommen?«

Ich antwortete ihm nicht. Der abgefeilte Schlüssel steckte noch im Schlüsselloch. Das Ganze war mir entsetzlich peinlich, und das sah er mir bestimmt auch an.

In einer Anwandlung echten Zorns packte er meinen Stock, der auf dem Schreibtisch lag, und hob ihn, als wollte er mich schlagen.

«Aber nein, Conrad«, sagte ich.»Nicht.«

Er zögerte, den Arm erhoben.»Wieso nicht? Was soll mich hindern? Sie haben es verdient.«

«Das ist nicht Ihre Art.«

«Aber meine«, sagte Keith laut. Er entriß den Stock unsanft seinem nichts dagegensetzenden Zwillingsbruder und schlug heftig nach meinem Kopf.

Ich hob in einer reflexhaften Abwehrbewegung den Arm, fing den Stock mit der Hand ab und zog ihn mit mehr Kraft, als Keith vermutet hatte, zu mir her. Er hielt ihn fest, bis er das Gleichgewicht verlor und vornüberkippte, und ließ ihn nur los, um sich mit beiden Händen auf der Schreibtischplatte abzustützen.

Alle drei, Conrad, Keith und Dart, sahen verblüfft aus, aber an diesem Morgen hatte ich in der Tat wieder etwas von meiner alten Kraft in mir gespürt, wie eine steigende, vertraute, willkommene Flut. Sie hatten sich an meine Schwäche gewöhnt und waren auf etwas anderes nicht gefaßt gewesen.

Ich stützte mich dennoch auf den Stock; und Keith richtete sich auf, und seine Augen versprachen mir den Tod.

Ich sagte zu Conrad:»Ich wollte mir die Pläne ansehen.«»Aber wieso?«

«Er ist Architekt«, sagte Dart, um mich zu verteidigen, aber ich wünschte, er hätte es nicht getan.

«Bauunternehmer«, widersprach sein Vater.

«Beides«, sagte ich kurz.»Es tut mir sehr leid. Wirklich. Ich hätte Sie fragen sollen, anstatt hier einzubrechen. Ich bin bestürzt… untröstlich…«Und das war ich auch, aber ich empfand weder Reue, noch war ich eigentlich beschämt.

Conrad unterbrach meine Katzbuckelei und sagte:»Woher wußten Sie denn, wo die Pläne sind?«Er wandte sich Dart zu.»Woher hat er das gewußt? Den Schrank kann er nicht von allein gefunden haben. Der ist praktisch unsichtbar.«

Dart, der so unglücklich aussah, wie mir selbst zumute war, kam um den Schreibtisch herum und blieb einen Schritt hinter meiner linken Schulter stehen, fast als suche er Schutz vor dem sich zusammenbrauenden väterlichen Gewitter.

«Du hast ihm gesagt, wo er suchen muß«, hielt Conrad empört seinem Sohn vor.»Du hast es ihm gezeigt!«

Dart sagte schwach:»Ich dachte, es spielt keine Rolle. Was ist schon dabei?«

Conrad starrte ihn mit offenem Mund an.»Wie soll ich dir das erklären, wenn du es nicht weißt? Aber Sie«, er wandte sich an mich,»ich fing gerade an zu denken, wir könnten Ihnen trauen.«

Er zuckte hilflos die Achseln.»Schert euch raus, alle beide, ihr widert mich an.«

«Nein«, wandte Keith ein,»woher weißt du, ob er nicht was gestohlen hat?«Er blickte sich im Zimmer um.»Du hast doch lauter Gold und Silber hier. Das ist ein Dieb.«

Dreimal verfluchter Keith, dachte ich mit unterdrücktem Schrecken. Ich hatte etwas Besseres als Gold entwendet und gedachte es auch zu behalten. Obwohl ich wieder mehr bei Kräften war, konnte ich mir über den Ausgang einer handgreiflichen Auseinandersetzung, zwei gegen einen, nicht sicher sein. List, sagte ich mir, war die einzige Chance.