Выбрать главу

Ich reckte mein bisher verschämt zurückgenommenes Kinn vor. Ich setzte ein möglichst unbekümmertes Gesicht auf. Ich lehnte den Stock gegen den Schreibtisch, zog den Reißverschluß der Freizeitjacke herunter, die so lange über dem Stuhl in Rogers Büro gehangen hatte, zog sie aus und warf sie Conrad zu.

«Durchsuchen Sie sie«, sagte ich.

Er fing das Stoffbündel auf. Keith riß die Jacke an sich und ging die Taschen durch. Kein Silber, kein Gold. Nichts Gestohlenes.

Ich hatte mein weites kariertes Flanellhemd an. Ich knöpfte die Manschetten und die vorderen Knöpfe auf, schälte mich aus dem Hemd und warf es Conrad zu.

Mit bloßem Oberkörper stand ich da. Ich lächelte. Ich zog den Reißverschluß meiner Hose herunter und schnallte meinen Gürtel auf.

«Jetzt die Hose?«fragte ich Conrad leichthin.»Schuhe? Socken? Sonst noch was?«

«Nein. Nein. «Er war verwirrt. Er bedeutete mir, den Reißverschluß wieder zuzumachen.»Ziehen Sie Ihr Hemd wieder an. «Er warf es mir herüber.»Sie mögen nicht vertrauenswürdig sein — ich gebe zu, ich bin enttäuscht —, aber ein Langfinger sind Sie nicht. «Er wandte sich an Keith.»Laß ihn gehen, Keith. Such woanders Streit. Nicht in diesem Zimmer.«

Ich zog mein Hemd an und knöpfte es zu, ließ es aber wie eine Jacke über die Hose hängen.

Dart sagte geknickt:»Entschuldige, Vater.«

Conrad winkte ab. Dart schob sich um den Schreibtisch herum und blickte argwöhnisch zu Keith, der noch meine Jacke in der Hand hielt.

Ich folgte Dart, langsam hinkend, mit dem Gehstock als Stütze und Schutz.

Conrad sagte scharf:»Ich möchte Sie nie wieder sehen, Mr. Morris.«

Ich senkte schuldbewußt den Kopf.

Keith hielt meine Jacke fest.

Ich würde sie nicht zurückverlangen. Geh nicht zu weit; die kleinste Erschütterung konnte den Vulkan zum Ausbruch bringen. Ich war schon froh, unbehelligt an die Tür zu kommen, und schlich hinaus auf den Flur und huschte ihn geduckt entlang, in Conrads Wertschätzung so tiefstehend wie eine Küchenschabe.

Ich wagte nicht zu atmen, bis wir aus dem Haus waren, doch kein zorniges Brüllen hielt uns zurück. Dart warf sich in seinen Wagen, neben dem jetzt der Jaguar von Keith stand, und wartete ungeduldig, bis ich herangehum-pelt war.

Er stieß ein gequältes» Puh «der Erleichterung aus, als sein Motor ansprang und wir auf die Straße fuhren.»Mein Gott, war der wütend.«

«Sie sind ja ein schöner Wachtposten«, sagte ich bitter.»Wo blieb denn mein Warnsignal?«

«Ja, also hören Sie, es tut mir sehr leid.«

«Haben Sie geschlafen?«

«Nein… nein, gelesen hab ich.«

Mir ging ein Licht auf.»Sie haben in der verfluchten Zeitschrift über Haarausfall gelesen!«»Na ja, ich…«Beschämt grinsend gab er es zu.

Es war nicht mehr zu ändern. Die Hupzeichen hätten mir Zeit gegeben, mich von Conrads Privatgemach in das unschuldige Bad am Hintereingang zurückzuziehen. Daß man mich sozusagen beim Griff in die Kasse ertappt hatte, war nicht nur ein unangenehmes Erlebnis, es würde Conrad womöglich auch veranlassen, den Inhalt der Schachteln zu überprüfen. Die Folgen konnten verheerend sein.

«Sie haben so lange gebraucht«, meckerte Dart.»Was hat Sie denn so aufgehalten?«

«Hab mich nur umgesehen.«

«Und sie sind mit Keiths Wagen gekommen«, sagte Dart.»Ich hatte nach Vaters Wagen Ausschau gehalten.«

«Aber wohl eher flüchtig.«

«Sie sahen furchtbar schuldbewußt aus«, sagte Dart vorwurfsvoll, um mir den Schwarzen Peter zuzuschieben.

«So hab ich mich auch gefühlt.«

«Aber daß Keith gleich denkt, Sie würden stehlen. «Er schwieg.»Als Sie Ihr Hemd ausgezogen haben… also ich wußte ja, daß Sie einen Teil der Tribüne ins Kreuz gekriegt haben, aber diese ganzen Klammern und Prellungen… das muß doch weh tun.«

«Jetzt nicht mehr«, seufzte ich. In der brenzligen Situation hatte ich nicht daran gedacht, daß er hinter mir stand.»Vor allem die Wunden an den Beinen haben mir das Gehen erschwert, aber es wird schon wieder.«

«Sie haben Keith erschreckt, als Sie den Stock abgefangen haben.«

Ich hatte ihn vorsichtiger gemacht, dachte ich bedauernd, denn von meinem Standpunkt aus war das vielleicht gar nicht günstig.

«Wo wollen wir hin?«fragte Dart. Er war am Tor auto-matisch in Richtung Rennbahn abgebogen.»Zurück zu Gardners?«

Ich versuchte mich zu konzentrieren, einen halbwegs klaren Kopf zu bekommen. Ich sagte:»Wissen Sie, ob Rebecca heute reitet?«

Er antwortete, als ob die Frage ihn verwirrte:»Nein, ich glaube nicht. Sie war ja auf der Versammlung.«

«Ich muß mit Marjorie sprechen«, sagte ich.»Und ich muß nach Stratton Hays.«

«Ich kann Ihnen nicht folgen.«

«Gut, aber bringen Sie mich hin?«

Er lachte.»Bin ich jetzt Ihr Chauffeur?«

«Fahren können Sie besser als Wache halten.«

«Verbindlichen Dank.«

«Oder leihen Sie mir doch Ihren Wagen.«

«Nein«, sagte er.»Ich fahre Sie. Das Leben wird nicht langweilig, wenn Sie dabei sind.«

«Also zuerst zu den Gardners.«

«Ja, Sir.«

In der Gardnerschen Küche nahm Mrs. Gardner meine Rückkehr mit freundlicher Bestürzung auf und meinte, ich hätte ihr zwar fünf Köche ausgeliehen, aber für nicht mal eine Stunde, und das sei zu wenig. Ich bot ihr den Service für einige weitere Stunden an. Einverstanden, sagte sie.

«Schreien Sie aber, wenn es Ihnen zuviel wird«, bat ich sie.

«Seien Sie nicht albern. Ich habe die Jungen gern hier. Und außerdem sagt Roger, ohne Sie stände jetzt sein Job auf der Kippe und wir wären krank vor Sorgen.«

«Meint er wirklich?«

«Er weiß es.«

Dankbar und ein wenig getröstet ließ ich Dart in der Küche zurück, ging zum Bus hinüber und legte dort, in der guten alten Fahrkabine, das Tonband in das Kassettenfach des Radios ein.

Wie sich herausstellte, war es die Aufnahme eines Anrufs über Funktelefon: teuflisch einfach, so etwas abzuhören, wenn man mit einem Peilsender in der Nähe der Transmitterstation lauerte.

Mich hatte das willkürliche Abhören privater Gespräche, die so gern der Öffentlichkeit präsentiert wurden, seit jeher bedenklich gestimmt: Wer belauschte schon tagaus, tagein andere Leute und nahm ihre Unterhaltung auf Band auf in der Hoffnung, marktfähige Geheimnisse mitzubekommen? Hier war es offenbar geschehen.

Das Gespräch fand statt zwischen einer Stimme, die man vorläufig Rebecca zuordnen konnte, und einem Mann mit südostenglischem Akzent, kein Cockney, aber Knacklaute bei jedem D, T oder C in der Wortmitte. Stratton hörte sich bei ihm wie» Stra-on «an. Rebecca wie» Rebe-ah.«

«Rebe-ah Stra-on?«sagte die Männerstimme.

«Ja.«

«Was haben Sie für mich, Liebes?«

«Wieviel ist es wert?«

«Das Übliche.«

Nach einer kurzen Pause sagte sie leise:»Ich reite Soapstone im fünften, der hat keine Chance, er ist nicht richtig fit. Sichern Sie sich bei Catch-as-catch gut ab, der ist kaum zu halten und wird hoch gesetzt werden.«

«Das war’s?«

«Ja.«

«Danke. Liebes.«

«Wir sehen uns auf der Bahn.«»An gleicher Stelle«, stimmte der Mann zu.»Vor dem ersten.«

Das Band klickte und lief stumm weiter. Grimmig drückte ich es heraus, steckte es wieder ein und kletterte nach hinten, in den Hauptteil des Busses. Ich öffnete den Reißverschluß meiner Hose und nahm das Hochglanzfoto und den Packen gefährlichen Wissens heraus.

Dem Kuvert entnahm ich den dicken braunen Umschlag und schnitt ihn mit einem Messer auf. Im Innern war noch ein Umschlag, weiß diesmal, und wieder ein kurzer Brief von William Stratton, dem dritten Baron, an seinen Sohn Conrad, den vierten.