Er lautete:
Conrad,
diese Angelegenheit bedrückt mich über die Maßen.
Denk immer daran, daß Keith zu meinem Leidwesen
lügt. Ich habe die Wahrheit herausgefunden, und jetzt
weiß ich nicht, wie ich sie gebrauchen soll. Du mußt entscheiden. Aber sei vorsichtig.
S.
Besorgt schnitt ich den weißen Umschlag auf und las den recht ausführlichen Inhalt, und danach zitterten meine Hände.
Mein Nichtgroßvater hatte mir endgültig einen Weg gezeigt, mit Keith fertig zu werden.
Ich stellte die Briefe wieder in ihrer ursprünglichen Form zusammen und verschloß den äußeren braunen Umschlag mit Klebeband, damit ihn niemand versehentlich öffnen konnte. Dann saß ich, den Kopf in die Hände gestützt, eine Zeitlang da und machte mir klar, daß Keith mich, wenn er wüßte, was ich gefunden hatte, auf der Stelle umbringen würde und daß ich vor einem ungeahnten Dilemma stand, wenn ich mich vor ihm schützen wollte.
Gefährliches Wissen. Nicht gefährlich: tödlich.
Kapitel 15
Dart fuhr mich nach Stratton Hays. Von unterwegs rief ich über mein Funktelefon (hörte jemand mit?) bei Marjorie zu Hause an, und sie machte aus ihrem Unmut keinen Hehl.
«Sie waren nicht auf der Versammlung!«
«Nein. Tut mir sehr leid.«
«Das war ein Schlag ins Wasser«, sagte sie verärgert.»Zeitverschwendung. Keith hat fortwährend herumgebrüllt, und wir kamen zu nichts. Die Kasseneinnahmen konnte er zwar nicht wegreden, die waren ausgezeichnet, aber er will unbedingt verkaufen. Können Sie wirklich nicht in Erfahrung bringen, wieviel Schulden er hat?«
«Weiß es Imogen?«fragte ich.
«Imogen?«
«Wüßte sie irgendwas über die Angelegenheiten ihres Mannes zu erzählen, wenn ich sie sturzbetrunken mache?«
«Sie sollten sich schämen!«
«Wahrscheinlich.«
«Ich wünschte, sie wüßte was. Aber versuchen Sie es nicht, denn wenn Keith Sie dabei erwischt…«Sie schwieg und sagte dann ohne Nachdruck:»Nehmen Sie seine Drohungen ernst?«
«Das muß ich.«
«Haben Sie an einen möglichen. Rückzug gedacht?«
«Ja, schon. Sind Sie beschäftigt? Ich muß Ihnen etwas erzählen.«
Sie sagte, wenn ich ihr eine Stunde gäbe, könne ich sie zu Hause besuchen, und damit war ich einverstanden. Dart und ich fuhren weiter nach Stratton Hays, wo er an der gleichen Stelle parkte wie bei meinem ersten Besuch und wie üblich den Schlüssel in der Zündung stecken ließ.
Der große elegante Bau, erfüllt von vergessenen Leben und stillen Geistern, stand friedlich im schattengesprenkelten Sonnenlicht, ein Haus für Hunderte, bewohnt von einem.
«Und jetzt?«sagte der eine, Darlington Stratton, fünfter Baron in spe.
«Wir haben fast eine Stunde. Können wir uns den Nordflügel ansehen?«
«Das ist doch eine Ruine. Ich sagte es Ihnen.«
«Ruinen sind mein Metier.«
«Hatte ich vergessen. Also gut. «Er schloß die Hintertür auf und führte mich wieder durch die geräumige Eingangshalle ohne Vorhänge, ohne Möbel, und einen breiten, durch Fenster erhellten Flur entlang, der Ausmaße wie eine Gemäldegalerie hatte, nur daß die Wände kahl waren. Am Ende des Ganges kamen wir zu einer massiven Tür, glatt, unlackiert und modern, mit Riegeln verschlossen. Dart schlug sich mit den Riegeln herum, öffnete die knarrende Tür, und wir betraten die Art von verwahrlostem Terrain, auf die ich geeicht war: morsches Holz, Massen von Schutt, sprießende junge Bäume.
«Das Dach wurde vor gut sechzig Jahren entfernt«, sagte Dart gedrückt und sah zum Himmel hoch.»So viele Jahre Regen und Schnee… das Obergeschoß ist einfach verrottet und eingestürzt. Großvater hat sich an die Nationalstiftung und den Kulturschutz gewandt… die sagten wohl, da gäbe es nur eins: den Flügel abreißen und den Rest erhalten. «Er seufzte.»Großvater mochte keine Veränderungen. Er ließ einfach die Zeit hingehen, und nichts geschah.«
Ich kletterte mit Mühe über einige Meter verwitterter grauer Balken und blickte auf eine weite, unwirtliche Landschaft, flankiert von hohen, noch aufrechten, aber nicht mehr stabilen Wänden.
«Seien Sie bloß vorsichtig«, warnte Dart.»Ohne Schutzhelm soll hier niemand rein.«
Der Ort versetzte mich nicht in kreative Erregung, weckte nicht den Wunsch in mir, ihn zu erneuern. Das einzige, was er mit seinen majestätischen Proportionen, in seinem unwürdigen Tod noch hergab, war eine Atempause, ein sinnfälliges, zu Ruhe und Geduld mahnendes Bild der Vergänglichkeit, ein Eindruck von der Zuversicht und dem Fleiß, die hier vor vierhundert Jahren geplant, gewirkt, gewaltet hatten.
«Okay«, sagte ich, drehte mich um und stieß am Eingang wieder zu Dart.»Danke.«
«Was halten Sie davon?«
«Ihr Großvater war gut beraten.«
«Ich hatte es befürchtet.«
Er verriegelte die schwere Tür wieder, und wir kehrten durch die große Halle zum hinteren Eingang zurück.
«Kann ich mir bei Ihnen mal die Hände waschen?«fragte ich.
«Klar.«
Wir gingen an der Tür vorbei, um zu seiner Wohnung im Erdgeschoß des Südflügels zu kommen.
Hier war der Lebensgeist ungebrochen und Gemütlichkeit gefragt, davon zeugten Teppiche, Vorhänge, antike Möbel und der Geruch nach frischer Politur. Er führte mich zur Tür seines Badezimmers, eine Kombination von alt und modern, ein umgebautes Wohnzimmer vielleicht, mit einer großen, freistehenden viktorianischen Badewanne und zwei neu aussehenden Waschbecken, eingelassen in eine Marmorplatte. Auf der Ablage standen Flaschen mit Shampoo und Haarkur und Schlangenöl jeder Art.
Nach einem verständnisvollen Blick darauf ging ich zum Fenster, das mit einer Spitzengardine verhangen war, und schaute hinaus. Drüben links stand Darts Wagen in der Auffahrt. Geradeaus Rasen und Bäume. Rechts ein offener Garten.
«Was ist?«sagte er, als ich stehenblieb. Da ich mich noch immer nicht rührte, kam er nach einem Augenblick herein und stellte sich neben mich, um zu sehen, wo ich hinschaute.
Er kam, und er sah. Er richtete die Augen suchend auf mein Gesicht und las meine Gedanken ohne Mühe.
«Scheiße«, sagte er.
Ein passendes Wort für Bad und Toilette. Ich sagte jedoch nichts, sondern ging wieder nach draußen.
«Wie sind Sie darauf gekommen?«fragte Dart, der mir folgte.
«Ich hab’s mir gedacht.«
«Und jetzt?«
«Fahren wir zu Marjorie.«
«Ich meine. was wird mit mir?«
«Ach, gar nichts«, sagte ich.»Das habe ich nicht zu entscheiden.«
«Aber.«
«Sie waren im Bad bei der Haarpflege«, sagte ich.»Und durch das Fenster haben Sie gesehen, wer am Karfreitagmorgen Ihren Wagen benutzt hat. Niemand wird Sie fol-tern, um dahinterzukommen. Bleiben Sie einfach dabei, daß Sie nichts gesehen haben.«
«Wissen Sie… wer es war?«
Ich lächelte ein wenig.»Fahren wir zu Marjorie.«
«Lee.«
«Kommen Sie mit und hören Sie zu.«
Dart fuhr uns zu Marjories Haus, einem unverfälscht georgianischen, wie sich herausstellte, so sauber und gepflegt wie sie selbst. Quadratisch stand es auf unkrautfreiem Grund am Ortsausgang von Stratton, mit gleichmäßigen Schiebefensterreihen, zentraler Vordertür und einer kreisförmigen Auffahrt hinter urnenbestückten Torpfosten.
Dart parkte bei der Haustür und ließ wie üblich den Schlüssel stecken.
«Schließen Sie denn nie ab?«fragte ich.
«Wozu? Ich hätte nichts dagegen, wenn ich mir einen neuen Wagen zulegen müßte.«
«Kaufen Sie sich doch einfach einen.«
«Irgendwann«, sagte er.
«Wie Ihr Großvater.«