«Was? Ach ja. Ein bißchen gleiche ich ihm wohl schon. Irgendwann. Vielleicht.«
Marjories Haustür wurde uns von einem Butler geöffnet (»Sie lebt in der Vergangenheit«, flüsterte Dart), der uns freundlich durch eine Halle in ihr Wohnzimmer führte. Wie erwartet, makelloser Geschmack dort im Land der stillstehenden Zeit, eine Palette zarter Farben mit Altrosa, Grün und Gold. Die Fenster waren noch mit den Originalläden versehen, aber auch mit bodenlangen Vorhängen und kurzen Volants, und sie blickten auf einen sonnigen Frühlingsgarten.
Marjorie saß in einem breiten Sessel, der den Raum beherrschte, auch hier und jetzt die maßgebende Person. Sie trug wie öfter schon ein dunkelblaues Kleid mit weißem Kragen, puppenhaft und vornehm anzusehen, und verbarg einstweilen den harten Kern.
«Nehmt Platz«, befahl sie, und Dart und ich setzten uns zu ihr, ich auf ein kleines Sofa, Dart auf einen spinnenbei-nigen Stuhl — Hepplewhite wahrscheinlich.
«Es gäbe was zu erzählen«, begann sie.»Das sagten Sie doch, Lee.«
«Mhm«, sagte ich.»Sie hatten mich ja gebeten, zwei Dinge herauszufinden.«
«Und über Keiths Finanzen konnten Sie nichts erfahren«, sie nickte entschieden.»Das haben Sie mir schon gesagt.«
«Ja, aber… was Ihren anderen Auftrag angeht.«
«Reden Sie schon«, sagte sie, als ich innehielt.»Ich weiß doch Bescheid. Ich habe Sie gebeten herauszufinden, womit dieser verflixte Architekt Conrad unter Druck setzt, um seinen Tribünenneubau durchzubringen.«
Dart sah überrascht aus. »Auftrag?« fragte er.
«Ja, ja. «Seine Großtante war ungeduldig.»Lee und ich haben eine Abmachung getroffen. Mit Handschlag. Nicht wahr?«Sie drehte mir den Kopf zu.»Eine Abmachung, gegen die Sie nicht verstoßen wollten.«
«Ganz recht«, sagte ich.
«Tante Marjorie!«Dart war perplex.»Du hast Lee für dich arbeiten lassen?«
«Was ist denn dabei? Es dient letztlich dem Wohl der Familie. Wo sollen wir anfangen, wenn wir nicht die Fakten kennen?«
Die Vertreter der Weltpolitik konnten noch von ihr lernen, dachte ich bewundernd. Welch ein klarer Verstand unter dem welligen weißen Haar.»Bei meinen Ermittlungen«, sagte ich,»habe ich auch von Forsyth und den Rasenmähern erfahren.«
Dart schnappte nach Luft. Marjorie machte große Augen.
«Ebenso«, fuhr ich fort,»habe ich von Hannahs Fehltritt und seinen Folgen gehört.«
«Wovon reden Sie?«fragte mich Dart verwirrt.
Marjorie klärte ihn auf.»Hannah ist mit einem Zigeuner in die Büsche gegangen und hat sich schwängern lassen, das blöde Stück. Keith hat den Zigeuner angegriffen, der natürlich Geld verlangt hat. Mein Bruder hat ihn ausbezahlt.«
«Soll das heißen«, kombinierte Dart,»der Vater von Jack war ein Zigeuner?«
«Fast. Noch nicht mal ein richtiger. Ein nichtsnutziger Tramp«, sagte Marjorie.
«Ach du guter Gott«, sagte Dart schwach.
«Und daß du nie mehr davon sprichst«, verlangte Marjorie streng.»Hannah redet Jack ein, sein Vater sei ein ausländischer Adliger, der einen Skandal vermeiden mußte, um nicht sein Leben zu ruinieren.«
«Ja. «Darts Antwort kam leise.»Das hat Jack mir selbst erzählt.«
«Und den Glauben wollen wir ihm lassen. Ich hoffe, Lee«, sagte sie zu mir,»das war jetzt alles.«
Das Telefon auf dem Tischchen neben ihrem Sessel klingelte. Sie nahm den Hörer ab und hörte zu.
«Ja… wann? Dart ist hier. Lee auch. Ja. «Sie legte auf und sagte zu Dart:»Das war dein Vater. Er sagt, er ist auf dem Weg hierher. Er hört sich unglaublich wütend an. Was hast du getan?«»Ist Keith bei ihm?«Ich stieß die Frage hervor, und sie stürzte sich darauf.
«Sie haben Angst vor Keith!«
«Nicht ohne Grund.«
«Conrad sagt, Keith hat ihn gedrängt herzukommen, aber ich weiß nicht, ob Keith bei ihm ist oder nicht. Möchten Sie jetzt lieber gehen?«
Ja und nein. Ich dachte an Mord und Totschlag in ihrem friedlichen Wohnzimmer und hoffte, sie würde das nicht zulassen.
Ich sagte:»Ich habe ein Foto mitgebracht, das ich Ihnen zeigen wollte. Es liegt in Darts Wagen. Ich hole es eben.«
Ich stand auf und ging zur Tür.
«Daß Sie aber nicht davonfahren und mich hier sitzenlassen«, sagte Dart, nur halb im Scherz.
Die Versuchung war stark, aber wo sollte ich hin? Ich holte das Kuvert mit dem Foto aus dem Fach an der Tür, wo ich es deponiert hatte, und kehrte ins Wohnzimmer zurück.
Marjorie nahm das Foto und betrachtete es verständnislos.
«Was hat das zu bedeuten?«
«Ich erkläre es Ihnen«, sagte ich,»aber wenn Conrad kommt, warte ich, bis er da ist.«
Der Weg von Conrad zu Marjorie war kurz. Er kam sehr bald und zu meiner Erleichterung ohne Keith. Allerdings kam er bewaffnet mit einer Schrotflinte, des Gutsherren Freund. Er trug sie nicht aufgeklappt über dem Arm, wie man es sollte, sondern gespannt und schußbereit.
Er schob sich an dem Butler vorbei, der ihm die Tür geöffnet hatte und jetzt ein sehr förmliches» Lord Stratton, Madam «hinterherschickte, als Conrad mit langen Schrit-ten über den Chinateppich setzte, vor mir stehenblieb und den Doppellauf der Flinte auf mich richtete.
Ich stand auf. Knapp zwei Schritte lagen zwischen uns.
Er hielt die Waffe nicht in der Schulter wie beim Zielen auf Federwild, sondern in Taillenhöhe, lang vertraut mit Schüssen aus der Hüfte. Auf diese Entfernung konnte er keine Stechmücke verfehlen.
«Sie sind ein Lügner und ein Dieb. «Er knurrte vor Zorn, die Finger beängstigend fahrig im Bereich des Abzugs.
Ich bestritt den Vorwurf nicht. Ich schaute an ihm und seiner Flinte vorbei auf das Foto in Marjories Hand, und er folgte meinem Blick. Er erkannte das Bild, und seine Augen nahmen einen mörderischen Ausdruck an, der dem von Keith in nichts nachstand. Die Flintenläufe zielten genau auf meine Brust.
«Conrad«, sagte Marjorie scharf,»beruhige dich.«
«Beruhigen? Ich soll mich beruhigen? Dieser verachtungswürdige Mensch ist in meinen Geheimschrank eingebrochen und hat mich bestohlen.«
«Trotzdem erschießt du ihn nicht in meinem Haus.«
Es war schon irgendwie lustig, aber Komik und Tragik liegen immer sehr nah beieinander. Nicht einmal Dart lachte.
Ich sagte zu Conrad:»Ich bringe Sie von der Erpressung weg.«
«Was?«
«Wovon reden Sie?«wollte Marjorie wissen.
«Ich rede davon, daß Wilson Yarrow Conrad erpreßt, damit er ihm grünes Licht für den Tribünenneubau gibt.«
Marjorie rief:»Sie haben es also herausgefunden!«
«Ist die Waffe geladen?«fragte ich Conrad.
«Ja, natürlich.«
«Würden Sie sie dann… ehm, woandershin halten?«
Er stand wie festgemauert, stur, breitbeinig und rührte sich nicht.
«Vater!«protestierte Dart.
«Du hältst den Mund«, sagte sein Vater unwirsch.»Du hast ihm Beihilfe geleistet.«
Ich riskierte die Flucht nach vorn.»Wilson Yarrow hat Ihnen gesagt, wenn er den Auftrag für die Tribüne nicht bekäme, würde er dafür sorgen, daß Rebecca als Jockey von der Rennbahn verwiesen wird.«
Dart glotzte mich an. Marjorie sagte:»Das ist doch absurd.«
«Nein, keineswegs. Das Foto ist eine Aufnahme von Rebecca, wie sie auf einer Rennbahn von jemandem, der ein Buchmacher sein könnte, einen Batzen Geld entgegennimmt.«
Ich bemühte mich, wieder Speichel in meinen Mund zu bekommen. Noch nie hatte jemand im Zorn ein geladenes Gewehr auf mich gerichtet. Obwohl ich mich an die Überzeugung klammerte, daß Conrad sich im Gegensatz zu Keith beherrschen konnte, spürte ich den Schweiß auf der Stirn.
«Ich habe mir das Tonband angehört«, sagte ich.
«Sie haben es gestohlen.«
«Ja«, gab ich zu.»Ich habe es gestohlen. Es ist vernichtend.«