«Und jetzt wollen Sie mich erpressen. «Die Hand am Abzug straffte sich.
«Ach du lieber Gott, Conrad«, sagte ich fast ärgerlich.»Nehmen Sie Vernunft an. Ich will Sie nicht erpressen. Ich sorge dafür, daß auch Yarrow damit aufhört.«»Und wie?«
«Wenn Sie die verdammte Flinte runternehmen, sage ich es Ihnen.«
«Was für ein Tonband?«fragte Dart.
«Das Band aus meinem Schrank, das zu stehlen du ihm geholfen hast.«
Dart sah verständnislos drein.
«Dart hat nichts davon gewußt«, sagte ich.»Er saß in seinem Wagen.«
«Aber Keith hat doch Ihre Jacke durchsucht«, wandte Dart ein.
Ich griff in meine Hosentasche und holte die Kassette heraus. Conrad warf einen Blick darauf und versetzte mich weiter in Angst und Schrecken.
«Dieses Tonband«, erklärte ich Marjorie,»ist die Aufnahme eines Telefongesprächs, bei dem Rebecca Informationen über Pferde, die sie reiten soll, verkauft. Das ist das schwerste Vergehen im Rennsport. Diese Kassette und das Foto, an die Rennsportbehörde geschickt, wären das Ende ihrer Karriere. Sie bekäme Rennbahnverbot. Der Name Stratton wäre hin.«
«Das würde sie doch nicht machen«, jammerte Dart.
Conrad sagte, als schmerzten ihm die Worte auf der Zunge:»Sie hat es zugegeben.«
«Nein!«stöhnte Dart.
«Ich habe sie zur Rede gestellt«, sagte Conrad.»Ihr das Band vorgespielt. Sie kann so hart sein. Wie versteinert hat sie es sich angehört. Sie sagte, ich würde nicht zulassen, daß Yarrow es benutzt. «Conrad schluckte.»Und… sie hatte recht.«
«Legen Sie die Waffe weg«, sagte ich.
Er tat es nicht.
Ich warf das Band Dart zu, der es ungeschickt auffing, es fallen ließ und wieder aufhob.
«Geben Sie es Marjorie«, sagte ich, und mit zusammengekniffenen Augen gehorchte er.
«Wenn Sie die Waffe entladen und gegen die Wand lehnen«, sagte ich zu Conrad,»erfahren Sie von mir, wie Sie Yarrow loswerden können, aber solange Sie die Hand am Abzug haben, nicht.«
«Conrad«, sagte Marjorie energisch,»du wirst ihn nicht erschießen. Also leg die Flinte weg, damit nicht aus Versehen was passiert.«
Gesegnete Leibwächterin. Conrad sah sich in die Realität zurückgeholt wie durch eine kalte Dusche und schaute unschlüssig auf seine Hände. Er hätte die Schußwaffe zweifellos weggelegt, wäre nicht Rebecca, die den Butler glatt überrannt hatte, in diesem Moment wie ein Wirbelwind hereingestürmt.
«Was geht hier vor?«fragte sie scharf.»Ich habe ein Recht darauf, das zu erfahren.«
Marjorie fixierte sie mit dem gewohnten Mißvergnügen.»Bedenkt man, was du getan hast, dann hast du überhaupt kein Recht.«
Rebecca sah auf das Foto von ihr selbst und die Kassette in Marjories Hand, auf die Schrotflinte in der Hand ihres Vaters und auf mich, den er bedrohte.
«Keith hat mir gesagt, daß dieser… dieser…«:, sie zeigte auf mich, da ihr die angemessen bösen Wörter fehlten,»daß er was gestohlen hat, was für mich Rennbahnverbot bedeutet.«
Ich sagte grimmig zu Conrad:»Das Band ist fingiert.«
Rebecca reagierte mit gesteigerter Wut. Während die übrige Familie noch zu verstehen versuchte, was ich gesagt hatte, entriß sie ihrem Vater die Flinte, zog sie in die Schulter ein, zielte kurz auf mich und drückte ohne Zögern auf den Abzug.
Ich sah die Absicht in ihren Augen, warf mich der Länge nach seitwärts auf den Teppich, blieb auf dem Bauch liegen und entging dem Schwall zischender Schrotkörner um Zentimeter, wobei ich wußte, es waren zwei Läufe, zwei Patronen, und keine Möglichkeit sah, einem Schuß in den Rücken auszuweichen.
Der Raum war noch erfüllt von dem donnernden Krachen, von Feuer und Rauch, von intensivem, beißendem Korditgeruch. Jesus, dachte ich. Allmächtiger Gott. Nicht Keith, sondern Rebecca.
Der zweite Schuß kam nicht. Ich klebte am Boden — es gab kein anderes Wort dafür. Immer noch der Geruch, der Widerhall, aber sonst… Stille.
Ich bewegte mich, drehte den Kopf, sah ihre Schuhe, ließ den Blick zu ihren Händen hinaufwandern.
Sie hielt nicht die Mündung des zweiten Laufs auf mich gerichtet.
Ihre Hände waren leer.
Die Augen langsam nach rechts… Conrad selbst hatte die Flinte.
Dart kniete sich neben meinem Kopf hin und sagte hilflos:»Lee.«
Ich sagte belegt:»Sie hat mich verfehlt.«
«Gott, Lee.«
Ich war außer Atem, aber ich konnte da nicht ewig bleiben. Ich setzte mich aufrecht; zum Auf stehen war ich zu mitgenommen.
Der Schuß hatte sie alle erschreckt, auch Rebecca.
Marjorie, sehr aufrecht, den Mund starr geöffnet, wie scheintot, sah kreidebleich aus. Conrads Augen starrten trüb auf ein allzu knapp vermiedenes Blutvergießen. Rebecca… konnte ich noch nicht ins Gesicht sehen.
«Sie wollte das nicht«, sagte Conrad.
Aber sie hatte es in der Tat gewollt, ohne Rücksicht auf Verluste.
Ich hustete krampfhaft. Ich sagte noch einmaclass="underline" »Das Band ist fingiert. «Und diesmal versuchte keiner, mich dafür umzubringen.
Conrad sagte:»Ich verstehe nicht.«
Ich atmete langsam durch und bemühte mich, meinen hämmernden Puls zu beruhigen.
«Sie kann das nicht gemacht haben«, sagte ich.»Sie hat es nicht getan. Sie würde nicht die… innerste Bastion ihrer Persönlichkeit aufs Spiel setzen.«
Conrad sagte verwirrt:»Da komme ich nicht ganz mit.«
Endlich sah ich Rebecca an. Sie erwiderte den Blick mit hartem, ausdruckslosem Gesicht.
«Ich habe Sie reiten sehen«, sagte ich.»Da wachsen Sie über sich hinaus. Und neulich habe ich Sie sagen hören, Sie kämen dieses Jahr unter die ersten fünf auf der Jockeyliste. Sie haben das voll Eifer gesagt. Sie sind eine Stratton, Sie sind unendlich stolz, und Sie sind reich und auf das Geld nicht angewiesen. Niemals würden Sie billige Tips verkaufen, wenn Ihnen dafür ein solcher Ehrverlust droht.«
Rebeccas Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen unter den gesenkten Lidern, ihr Gesicht blieb starr.
«Aber sie hat doch zugegeben, daß es stimmt!«sagte Conrad wieder.
Ich sagte bedauernd:»Sie hat das Band selbst aufgenommen, um Sie unter Druck zu setzen, damit die Tribüne neu gebaut wird, und sie hat versucht mich zu erschießen, damit ich Ihnen nichts davon sage.«
«Rebecca!«Conrad konnte es nicht glauben.»Der Mann lügt. Sag mir, daß er lügt.«
Rebecca sagte nichts.
«Sie haben alle Anzeichen von unerträglicher Anspannung gezeigt«, sagte ich zu ihr.»Wahrscheinlich hielten Sie es zuerst für eine gute Idee, Ihren Vater glauben zu machen, es gebe eine Erpressung, der er sich fügen müsse, um Sie vor dem Rennbahnverbot zu bewahren; aber nachdem Sie es getan hatten und er sich wirklich hatte erpressen lassen, haben Sie es wohl doch bitter bereut. Aber das haben Sie ihm nicht gebeichtet. Sie haben Ihren drastischen, verbohrten Plan zur radikalen Modernisierung von Stratton Park weiter durchgezogen, und das zerrt seit Wochen jetzt an Ihren Nerven und bringt Sie… aus dem Gleichgewicht.«
«Die Kleiderbügel!«sagte Dart.
«Aber warum, Rebecca?«fragte Conrad flehend, zutiefst bestürzt.»Ich hätte doch alles für dich getan…«
«Sie wären vielleicht mit dem Bau einer neuen Tribüne nicht einverstanden gewesen«, sagte ich,»schon gar nicht nach Entwürfen von Wilson Yarrow. Und er war es doch wohl, der zu Ihnen gekommen ist und gesagt hat: >Ihre Tochter hat Dreck am Stecken, und wenn Sie ihr gutes Ansehen erhalten wollen, brauchen Sie mir nur diesen Auftrag zu geben.<!?«
Conrad antwortete nicht direkt, sondern entspannte seine Flinte und nahm mit fahrigen Fingern beide Patronen heraus, die verschossene, schwarz und leer, und die ungebrauchte, orange und glänzend. Er steckte sie beide in seine Tasche und lehnte das Gewehr an die Wand.