«Nein«, sagte Rebecca.
«Doch. Sie haben sich darauf geeinigt, es am frühen Karfreitagmorgen zu machen, weil dann niemand da sein würde.«
«Nein.«
«Wilson Yarrow hat die Löcher gebohrt und die Sprengsätze gelegt, und Sie haben Schmiere gestanden.«
«Nein.«
«Ohne Wachtposten konnte er das nicht machen. Und wenn man krumme Dinger dreht, nimmt man am besten einen Aufpasser, auf den man sich verlassen kann.«
Dart zuckte zusammen. Dann grinste er. Unbezwingbar.
«Sie haben in Darts Auto Wache gehalten«, sagte ich.
Rebecca riß die Augen auf. Das» Nein«, das sie herausbrachte, klang weniger überzeugend als die anderen Dementis.
«Sie dachten«, sagte ich,»wenn Sie mit Ihrem knallroten Ferrari hinfahren und ein zufällig anwesender Arbeiter sieht den an einem rennfreien Tag auf der Bahn stehen, fällt ihm das nach der Explosion vielleicht wieder ein, und er meldet es der Polizei. Also sind Sie nach Stratton Hays gefahren, haben Ihr Auto da abgestellt und sich Darts Wagen ausgeliehen, in dem der Schlüssel immer steckt, und damit sind Sie dann auf die Rennbahn gefahren, denn Darts Wagen ist dort so bekannt, daß er quasi unsichtbar ist. Aber Sie hatten nicht mit Harold Quest, dem Schauspieler und Wichtigtuer gerechnet, der sich an dem Tag gar nicht dort am Eingang aufgehalten hätte, wenn er ein echter Demonstrant gewesen wäre, und sicher waren Sie bestürzt darüber, daß er aussagte, er habe Darts Wagen dort gesehen, und ihn der Polizei beschrieb. Aber auch wieder nicht so bestürzt, wie wenn Harold Quest Ihren Ferrari angezeigt hätte.«
«Ich glaub das alles nicht«, sagte Conrad schwach. Aber er glaubte es.
«Ich nehme an«, sagte ich zu Rebecca,»Sie haben Yarrow irgendwo abgeholt und sind mit ihm und dem Sprengstoff zur Rennbahn gefahren, denn die Polizei hat den Wagen untersucht und Nitratspuren gefunden.«
Rebecca sagte nichts.
Ich sagte:»Dart hat von Anfang an gewußt, daß Sie es waren — oder Sie und Yarrow —, der die Tribüne in die Luft gejagt hat.«
«Dart hat es Ihnen gesagt!«rief Rebecca und fuhr wütend zu ihrem Bruder herum, der völlig verblüfft und verletzt aussah.
«Du hast mich verraten an diesen. diesen.«
«Hat er nicht«, sagte ich grimmig.»Dart hat unbeirrbar zu Ihnen gehalten. Er ist gestern von der Polizei ziemlich in die Zange genommen worden und hat kein Wort gesagt. Sie haben ihn beschuldigt, die Ladungen selbst angebracht zu haben, und da er nach wie vor ihr Hauptverdächtiger ist, werden sie ihn noch mal verhören. Aber er wird nicht gegen Sie aussagen. Er ist stolz auf Sie, gefühlsmäßig in einem Zwiespalt, denn für übergeschnappt hält er Sie auch, aber er ist ein Stratton, und er verrät Sie nicht.«
«Woher wissen Sie das?«warf Dart gequält ein.
«Ich stand neben Ihnen, als sie auf Tempestexi gesiegt hat.«
«Aber… daraus war das doch nicht zu entnehmen.«
«Ich bin seit acht Tagen von Strattons umgeben.«
«Wie hast du es rausgekriegt?«fragte Rebecca ihren Bruder.
«Ich habe vom Bad aus deinen Ferrari an der Stelle gesehen, wo meine alte Karre hätte stehen müssen.«
Sie sagte hilflos:»Er stand noch keine Stunde da.«
Conrad ließ die Schultern hängen.
«Ich war lange vor der Explosion wieder in Lambourn«, sagte Rebecca verärgert.»Und Yarrow hat sich da schon in London gezeigt.«
«Ich wüßte gern«, sagte Marjorie nach einer Pause zu mir,»wodurch Rebecca Ihren Verdacht erregt hat.«
«Lauter Kleinigkeiten.«
«Erzählen Sie.«
«Nun«, sagte ich,»sie wollte unbedingt Veränderungen.«
«Und?«half Marjorie nach, als ich schwieg.
«Sie sprach von einer neuen Tribüne aus Glas. Es gibt in England zwar Tribünen mit verglasten Abschnitten, aber keine ganz verglasten wie auf Yarrows Plänen, und ich habe mich gefragt, ob sie die Pläne gesehen hatte, die Conrad so heimlichtuerisch unter Verschluß hielt. Und dann…«
«Und dann?«
«Rebecca sagte, sie sei die einzige in der Familie, die Anschlag und Anker auseinanderhalten könne.«
Alle außer Rebecca schauten verständnislos drein.
«Ich kann Ihnen nicht folgen«, sagte Marjorie.
«Das ist kein Ausdruck aus dem Rennsport«, erklärte ich.
«Roger Gardner konnte nichts damit anfangen.«
«Ich auch nicht«, warf Conrad ein,»und ich habe mein Leben lang Pferde besessen und geritten.«
«Ein Architekt versteht es«, sagte ich,»auch ein Maurer, ein Zimmermann, ein Ingenieur. Daß es einem Jockey klar ist, hätte ich eigentlich nicht erwartet. Also habe ich mich wenn auch erst nur nebenbei — gefragt, ob sie vielleicht viel mit einem Architekten geredet hat und ob dieser Architekt nicht Yarrow sein könnte. Nur eine vage Überlegung am Rande, aber so etwas behält man im Kopf.«
«Und was sind Anker und Anschlag?«fragte Dart.
«Anker sind im Bauwesen eiserne Zugstangen zum Zusammenhalten von Bauteilen, zum Beispiel eines Balkens mit der Mauer.«
Marjorie sah verwirrt aus, Conrad nicht.
«Und ein Anschlag?«fragte sie.»Sagen das nicht die Jäger?«
«Die auch. Da spricht man von Anschlag freihändig oder aufgelegt. Im Bauwesen bedeutet es eine vorspringende Mauerzunge zur Aufnahme von Fenster- oder Türblendrahmen. Der Architekt nennt so auch das Führungsstück an der Reißschiene. Jedenfalls ist es kein rennbahnüblicher Ausdruck.«
«Anker und Anschlag«, meinte Dart nachdenklich.»Hat Ihr Jüngster das nicht vor sich hin gesungen?«
«Gut möglich.«
«Ich hätte Sie umbringen sollen, als ich die Gelegenheit hatte«, sagte Rebecca heftig zu mir.
«Ich dachte auch, Sie würden es tun«, gab ich zu.
«Sie hat direkt auf Sie gezielt«, sagte Dart.»Vater hat ihr die Flinte entrissen. Wenn Sie ihn fragen, wird er wahrscheinlich sagen, daß ein Schuß in die Brust vielleicht noch als Unfall hätte hingestellt werden können, daß aber ein Nachschuß in Ihren Rücken nichts anderes als Mord sein konnte.«
«Dart!«protestierte seine Tante streng; aber er sah das sicher ganz richtig. Er war einer von ihnen. Er wußte Bescheid.
Conrad hatte eine Frage an seine Tochter.»Woher kennst du Yarrow überhaupt? Wie bist du an ihn geraten?«
Sie zuckte die Achseln.»Auf einer Party. Er hat so alberne Stimmenimitationen gemacht, in dem Akzent, der auf dem Band ist. >Rebe-ah Stra-on, Liebes.< Jemand sagte mir, er sei ein Ausnahmearchitekt, aber völlig pleite. Ich wollte eine neue Tribüne. Er wollte dringend Arbeit, und wie und woher war ihm ziemlich egal. Wir wurden uns einig.«
«Aber du magst doch sonst keine Männer.«
«Ich mochte ihn auch nicht«, sagte sie unverblümt.»Ich habe ihn benutzt. Eigentlich verachte ich ihn. Jetzt hat er, wie vorauszusehen, die Hosen gestrichen voll.«
«Also. was nun?«fragte Conrad mich unglücklich.»Die Polizei?«
Ich blickte zu Marjorie.»Sie«, sagte ich,»sind diejenige, die an den Schalthebeln der Familie sitzt. Sie lenken die anderen seit vierzig Jahren. Sie haben sogar Ihren Bruder ganz behutsam gelenkt.«
«Wie das?«fragte Dart neugierig.
Marjorie beschwor mich mit weit geöffneten Augen, aber mehr noch Perdita Faulds zuliebe sagte ich zu Dart:»Das Geheimnis Ihres Großvaters ging nur ihn etwas an, und er hat es mit ins Grab genommen. Ich kann es Ihnen nicht sagen.«
«Sie wollen nicht«, sagte Dart.
«Ich will nicht«, gab ich zu.»Jedenfalls ist es nicht meine, sondern Marjories Entscheidung, ob die Polizei verständigt wird. Ich sollte ihr ein Druckmittel gegen Yarrow verschaffen, und das hat sie jetzt. Damit ist der Fall für mich erledigt. «Ich hielt inne.»Ich bin übrigens sicher, daß die Polizei keine hinreichenden Beweise hat oder bekommen wird, um Sie strafrechtlich zu belangen, Dart. Wenn Sie nur weiter von nichts wissen, geht das schon in Ordnung.«