Dart brachte Toby wieder zu seinen Brüdern bei den Gardners und fuhr mich bereitwillig weiter zu Marjorie.
Der wieder selbstbewußt auftretende Butler ließ uns ein und kündigte uns an. Marjorie setzte sich wie zuvor in ihren herrschaftlichen Sessel. Der zerschmetterte Spiegel war entfernt worden, die lädierten Sessel fehlten. Rebeccas Schuß auf mich hatte keine bleibenden Spuren hinterlassen.
«Ich bin gekommen, um mich zu verabschieden«, sagte ich.
«Aber Sie besuchen Stratton Park doch sicher wieder.«
«Wahrscheinlich nicht.«
«Wir brauchen Sie!«
Ich schüttelte den Kopf.»Sie haben mit Colonel Gardner einen ausgezeichneten Rennbahnverwalter. Mit Oliver Wells’ Gespür für Reklame werden Sie beim nächsten Meeting Rekordbesucherzahlen erreichen. Dazu geben Sie eine erstklassige neue Tribüne in Auftrag — und ob die Firmen, die sich an Ihrer Ausschreibung beteiligen, solide und vertrauenswürdig sind, das kann ich, wenn Sie wollen, schon nachprüfen. Im übrigen haben Sie jetzt die besten Karten in der Hand, um Ihre Familie und die GmbH zusammenzuhalten. Da Keith wegfällt, brauchen Sie auf ihn keinen mäßigenden Einfluß mehr auszuüben. Sie haben Rebecca unter Kontrolle, die darauf aus war — und es wohl noch ist — selbst die Leitung der Rennbahn zu übernehmen. Das hat sie sich nun wohl verscherzt, denn selbst wenn Sie einmal nicht mehr sind, können Conrad und Dart ihr Erpressung und versuchten Mord vorhalten, und das reicht, um sie auf Vorstandssitzungen abzuschmettern.«
Marjorie hörte zu und präsentierte ihre eigene Lösung.
«Ich möchte Sie im Vorstand haben«, sagte sie.»Conrad und Ivan werden dafür votieren. Einstimmig gefaßter Beschluß des Vorstands.«
«Hört, hört«, sagte Dart entzückt.
«Sie brauchen mich nicht«, wandte ich ein.
«Doch, wir brauchen Sie.«
Ich wollte mich von den Strattons lösen. Ich wollte keinesfalls in die Fußstapfen meines Nichtgroßvaters treten. Von jenseits des Grabes hatten sein Einfluß und sein Tun und Lassen mich in ein Netz von Falschheiten verstrickt, und dreimal innerhalb von acht Tagen hatte seine Familie mich fast das Leben gekostet. Meine Dankesschuld, fand ich, war abgetragen. Jetzt brauchte ich meine Freiheit wieder.
Und doch.
«Ich laß es mir durch den Kopf gehen«, sagte ich.
Marjorie nickte zufrieden.»Wenn Sie am Ruder sind«, sagte sie,»kommt die Rennbahn groß raus.«
«Ich muß mit Conrad reden«, sagte ich.
Er war allein in seinem Allerheiligsten und saß hinter dem Schreibtisch. Ich hatte Dart wieder draußen im Wagen gelassen, aber diesmal nicht als Wachtposten, so daß er sich ruhig über Haarausfall informieren konnte.
«Nach dieser amerikanischen Methode«, hatte er, vertieft in Vorher-Nachher-Fotos, gemeint,»wäre ich alle Sorgen los. Man kann schwimmen — tauchen — das neue Haar ist Teil von einem. Aber ich müßte alle sechs bis acht Wochen nach Amerika, um es nachsehen zu lassen.«
«Sie können sich’s doch leisten«, sagte ich.
«Ja, aber…«
«Holen Sie es sich«, sagte ich.
Er brauchte Ermutigung.»Meinen Sie wirklich?«
«Ich meine, Sie sollten gleich den ersten Flug buchen.«
«Ja. Ja. Also gut, ich mach ’s.«
Conrad stand auf, als ich hereinkam. Die Tür seines Wandschranks war geschlossen, aber auf dem Teppich standen überall Kartons mit durchforstetem Inhalt. Er bot mir nicht die Hand. Anscheinend war er ebenso verlegen wie ich.
«Marjorie hat angerufen«, sagte er.»Sie möchte Sie im Vorstand haben. Ich soll Sie dazu überreden.«
«Was Sie wollen, zählt.«
«Ich weiß nicht, ob.«
«Nein. Aber um darüber zu sprechen, bin ich auch nicht hier. Ich wollte Ihnen zurückgeben, was ich Ihnen gestern gestohlen habe.«
«Gestern erst. Es ist so viel passiert.«
Ich legte den großen braunen Umschlag mit der Aufschrift >Conrad< auf den Schreibtisch. Er hob ihn auf und betrachtete die mit Klebeband verschlossene Lasche.
«Wie ich schon sagte, habe ich hineingesehen«, sagte ich.»Keith wußte, daß ich das tun würde. Er konnte wohl den Gedanken, daß ich von meinem Wissen Gebrauch machen würde, nicht ertragen. Ich gebe zu, ich bin froh, daß sich das nun erübrigt, da er tot ist, doch ich hätte es getan, das sollen Sie ruhig wissen. Aber Marjorie werde ich nicht sagen, was da drin ist — sie weiß es offensichtlich nicht —, und auch sonst wird es nie jemand von mir erfahren.«
«Ich will das nicht aufmachen«, sagte Conrad und legte den Umschlag beiseite.
«Ich kann Ihnen nicht sagen, daß Sie es tun sollten.«
«Aber Sie denken es.«
«Keith hätte ihn verbrannt«, sagte ich.
«Verbrannt. «Er schauderte.»Was für ein Tod!«
«Jedenfalls«, sagte ich,»gehören die Informationen hierher, was immer Sie damit anfangen. Ihr Vater hat sie Ihnen zugedacht. Also«, ich seufzte,»lesen Sie oder verbrennen Sie sie, nur lassen Sie sie nicht herumliegen. «Ich schwieg.»Ich bitte nochmals, meinen Einbruch hier zu entschuldigen. Ich verlasse Stratton Park morgen früh. Es tut mir leid«, ich machte eine unbestimmte Geste,»wie alles gekommen ist.«
Bedauernd drehte ich mich um und ging zur Tür.
«Warten Sie«, sagte Conrad.
Ich zögerte, halb drin, halb draußen.
«Ich muß wissen, was Sie wissen. «Er sah unglücklich aus.»Er war mein Zwillingsbruder. Ich weiß, daß er mich beneidet hat… ich weiß, es war ungerecht, daß ich, bloß weil ich fünfundzwanzig Minuten älter war, so viel bekommen habe; ich weiß, er war gewalttätig, brutal und oft gefährlich; ich weiß, er hat Ihre Mutter und alle seine Frauen geschlagen. Ich weiß, er hat Hannahs Zigeuner fast umgebracht. Ich habe gesehen, wie viehisch er Sie getre-ten hat… Ich weiß all das und mehr, aber er war mein Bruder, mein Zwilling.«
«Ja.«
Die Strattons hatten bei allen Fehlern ihre ganz eigene, unverbrüchliche Loyalität; eine Familie, die, wenn sie auch in sich zerstritten war, fest gegen den Rest der Welt zusammenstand.
Conrad ergriff den Umschlag und riß das Klebeband ab. Er las noch einmal den ersten Brief, dann zog er den zweiten und das inliegende weiße Kuvert heraus.
«Denk daran«, las er leise,»daß Keith immer lügt.«
Er zog die fünf gefalteten Blatt Papier aus dem weißen Kuvert und las das erste, wiederum eine Nachricht seines Vaters.
Sie lautete:
Diese Lüge von Keith hat mich eine Menge Geld gekostet, das ich allzu vertrauensselig Keith auch noch selber gab. Erst nach vielen Jahren kam mir der Verdacht, daß er mich betrogen hatte. Eine Bagatelle, verglichen mit der Wahrheit.
Conrad legte den Brief hin und sah auf die nächste Seite, auch wieder ein Brief, aber maschinegeschrieben.
«Arne Verity Laboratories?«sagte Conrad.»Was ist das denn?«
Er las den Brief, der an seinen Vater adressiert und zwei Jahre früher datiert war.
Im wesentlichen besagte er, daß das Labor die gewünschten Analysen durchgeführt habe. Die genauen Ergebnisse jeder einzelnen Analyse seien beigefügt, doch zusammengefaßt laute das Ergebnis wie folgt:
Sie haben uns drei Haare, bezeichnet >A<, >B< und >C< geschickt. Die Chromosomenanalyse ergab folgendes Resultat:
>A< ist so gut wie sicher der Erzeuger von >B<, und
>A< und >B< sind die Eltern von >C<.
Conrad blickte auf.»Was soll das bedeuten?«
«Das bedeutet, es gab keinen Zigeuner. Keith hat ihn erfunden.«