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Kims Blick wanderte an der unheimlichen, schwarzen Wand empor. Er schauderte. Das Eisen sah in der Nacht gar nicht aus wie Eisen, sondern glich etwas, das Licht und Wärme schluckte wie ein Schwamm einen Wassertropfen. »Du solltest sie erst einmal tagsüber sehen«, murmelte Gorg. »Aber komm - das ist noch nicht alles, was ich dir zeigen wollte. Und sei bloß leise.«

Bedrückt folgte Kim dem Riesen. Sie entfernten sich ein gutes Stück von der eisernen Stadt, ehe sie wieder die Richtung zum Fluß hin einschlugen. Aber schon auf halbem Wege dorthin hob der Riese abermals die Hand und ließ sich auf Hände und Knie herabsinken. Kim blieb stehen und spähte aufmerksam in die Dunkelheit hinein.

Nach einer Weile sah er, war Gorg meinte: Die Dunkelheit vor ihnen war nicht vollkommen. Ein düsteres, rotes Glühen schien direkt aus der Erde heraufzudringen, man hörte gedämpfte Stimmen und ein gleichmäßiges, schweres Hämmern und Schlagen, das ebenfalls aus dem Boden zu kommen schien.

Vorsichtig bewegten sie sich weiter. Und als Kim nach einer Weile erkannte, worauf sie zugingen, da mußte er mit aller Macht einen Schrei unterdrücken.

Vor ihnen lag eine gewaltige, pechschwarze Grube. Sie war so tief, daß Kim das Gefühl harte, in den Schlund eines Vulkans zu blicken, und die Gestalten, die sich am Grund bewegten, hatten nur noch die Größe von Spielzeugen. Gorg gebot ihm noch einmal, still zu sein. Kim ließ sich auf den Bauch sinken und schob leise den Kopf und die Schultern über den Rand der Grube. Es dauerte eine geraume Zeit, bis er überhaupt begriff, was da unten vorging. Männer schlugen mit schweren Hämmern und Hacken auf die Wände und den Boden der Grube ein. Andere luden das herausgebrochene Gestein auf eiserne Wagen, die mühsam in die Höhe gezogen wurden, wobei immer ein Dutzend Männer sich mit einer der vollbeladenen Loren abmühten. Zwischen diesen Gestalten bewegten sich Eisenmänner und Zwerge. Sie schienen die Arbeiter zu beaufsichtigen. Manchmal hörte Kim ein Knallen wie von einer Peitsche. Was er sah, schien nichts anderes zu sein als ein Bergwerk. Aber falls die Männer dort unten freiwillig arbeiteten - wieso benahmen sich die Zwergenaufseher dann wie Sklaventreiber?

»Weil sie es sind«, zischte Gorg zornig, als Kim ihn im Flüsterton danach gefragt hatte.

»Sklaven?« wiederholte Kim ungläubig. »Das glaube ich nicht. Themistokles würde das niemals zulassen!«

»Nun«, antwortete Gorg leise, »es läuft darauf hinaus. Du hast von Brobing erzählt - erinnerst du dich? Er hat einen Eisenmann gekauft, und ein Zwerg kam, um das Geld zu holen. Weißt du noch, daß du sagtest, er schien fast enttäuscht, daß Brobing ohne Schwierigkeiten zahlen konnte?« Kim nickte.

»Er schien nicht nur so, glaub mir«, grollte der Riese. »Das da unten waren einmal Männer wie Brobing, die Eisenmänner und anderen Unfug kauften. Die Zwerge machen es den Leuten leicht. Hat einer kein Geld, so kann er später zahlen und in mehreren Raten. Manchen gelingt es, wie unserem Freund. Den meisten sogar, um ehrlich zu sein. Aber nicht allen. Und die, die ihren Verpflichtungen nicht nachkommen ... nun, sie müssen eben für die Zwerge arbeiten, bis ihre Schulden abbezahlt sind. Um noch mehr Eisen zu schürfen, damit sich noch mehr Dummköpfe beim Zwergenvolk verschulden können.«

»Das ist unglaublich«, murmelte Kim. »Und Themistokles unternimmt nichts dagegen?«

»Nein«, brummte Gorg. »Und es ist nicht nur hier so. Bald wird ganz Märchenmond den Zwergen gehören.« Er kroch vorsichtig ein Stück zurück und richtete sich auf. »Jetzt zeige ich dir noch etwas«, flüsterte er.

Kim war nicht sicher, ob er überhaupt noch mehr sehen wollte. Sein Bedarf an schlechten Nachrichten war im Augenblick mehr als gedeckt. Aber Gorg stapfte einfach weiter, so daß Kim ihm folgen mußte, ob er nun wollte oder nicht.

Sie umgingen die Grube in einem weiten Bogen und näherten sich wieder dem Fluß, bis sie auf eine breite, schnurgerade Straße stießen. Kim dachte, daß sie nun darauf weitergehen würden, aber der Riese blieb an ihrem Rand stehen und ging in die Hocke. Wortlos deutete er nach unten. Kims Herz machte einen erschrockenen Sprung, als seine Finger den Boden berührten. Auch die Straße bestand aus Eisen.

»Siehst du, was sie uns antun?« sagte Gorg. Seine Stimme klang haßerfüllt. »Sie töten die Erde! Hier wird nie wieder etwas wachsen, Kim. Gleich, wieviel Zeit auch vergeht. Dieses Stück Erde ist tot, und sehr viel mehr wird sterben, wenn wir sie nicht aufhalten. Das ist es, was Limb gemeint hat. Sie bauen eiserne Straßen quer durch das Land. Sie bauen eiserne Städte, und sie beginnen die Flüsse zu stauen, um Wasserkraft für ihre Schmieden zu haben. Willst du den Fluß sehen? Sie haben eine Wand aus Eisen hindurchgebaut! Ihre Hämmer arbeiten jetzt zehnmal so schnell wie zuvor, aber das Land auf der anderen Seite der Wand verdorrt. Wo vor kurzem noch fruchtbarer Ackerboden war, da wird in einem Jahr Wüste sein. Willst du es sehen?«

Kim schüttelte stumm den Kopf. Er glaubte seinem Freund auch so. Er spürte einen hilflosen, fast körperlich schmerzenden Zorn.

»Laß uns zurückgehen«, bat er. »Ich glaube, ich verstehe Priwinn jetzt.«

Wortlos wandten sie sich um und gingen den Weg zurück, den sie gekommen waren.

Sie hatten die Grube gerade zur Hälfte umkreist, als Gorg stockte. Kim sah, wie sich seine mächtigen Schultern strafften.

Aber der Riese kam nicht einmal dazu, ihm eine Warnung zuzurufen, da tauchten plötzlich wie hingezaubert drei Gestalten aus der Nacht auf - ein Zwerg und zwei kantige Eisenmänner.

Im allerersten Moment schien der Zwerg nicht minder überrascht zu sein als Kim selbst. Aber er fing sich rasch wieder und begann auf der Stelle zu keifen.

»Was tut ihr hier?« rief er mit einer unangenehmen, gellenden Stimme. »Wieso seid ihr nicht bei der Arbeit, und...« Er brach mitten im Satz ab, als sein Blick auf den Riesen fiel. Dann ächzte er.

»Ihr seid es! Ihr ... ihr seid die Aufständischen! Packt sie!« Die beiden letzten Worte, die er geschrien hatte, galten den Eiserumännern, die unverzüglich vorstürmten, um Gorg zu ergreifen. Der Kleine selbst zerrte ein nur dolchgroßes Schwert unter dem Gürtel hervor und stürzte sich auf Kim. Kim wich einem heftig, aber nicht sehr genau geführten Streich der Klinge aus, packte den Zwerg mit der Linken am Kragen und versetzte ihm mit der Rechten eine solche Backpfeife, daß der Knirps mit einem schon fast komischen Quietschen seine Waffe fallen ließ, sich auf den Hosenboden setzte und beide Hände vor das Gesicht schlug. Er begann mit schriller Stimme zu heulen.

Währenddessen hatte der Riese einen der beiden Eisenmänner gepackt und wirbelte ihn immer wieder im Kreis vor sich herum. Gorg hatte seine Keule nicht mitgenommen, so daß er nur mit bloßen Händen gegen die beiden eisernen Kolosse stand - selbst für einen Giganten wie ihn sicherlich kein leichter Kampf. Aber er wußte sich zu wehren, indem er den einen Eisenmann immer wieder gegen seinen Kameraden schleuderte, wenn dieser ihn packen wollte. Schließlich war die Belastung selbst für den Eisenmann zuviel - mit einem Knirschen brach einer seiner Arme ab -, und damit hatte Gorg jetzt eine Keule.

Und er wußte sie zu nutzen. Einige Male krachte es dumpf, und dann lagen zwei reglose Eisenmänner mit eingebeulten Schädeln vor dem wimmernden Zwerg im Staub. Kim grinste fröhlich, als er sah, wie die Augen des Kleinen vor Erstaunen fast aus den Höhlen quollen. Offensichtlich hatte er seine beiden eisernen Leibwachen bisher für unbesiegbar gehalten. »Na?« fragte Kim. »Beantwortet das deine Frage, was wir hier tun?«

»Dreckiges Pack!« keuchte der Zwerg. »Diebsgesindel! Das habt ihr nicht umsonst getan!«