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»Krieg?« Kim erschrak. »Was für ein Krieg?«

»Jetzt tut er auch noch so, als wüßte er von nichts!« brüllte Jarrn und beugte sich wütend so weit vor, daß er nochmals vom Stuhl fiel. Der Verteidiger sprang hastig von seinem Sitz herunter und rannte zu ihm, um seinem König wieder auf die Füße zu helfen, und erntete als Dank eine Ohrfeige, die ihn quer durch den Raum fliegen ließ. Jarrn stand auf, strich sich glättend die Falten seines völlig zerknitterten Umhanges und deutete mit der Hand auf die grüne Scheibe an der Wand hinter sich.

Und er hatte es kaum getan, da erlosch der sinnverwirrende Wechsel von Farben und fremdartigen Buchstaben, und Kim hatte plötzlich den Eindruck, aus großer Höhe auf eine Karte des Landes Märchenmond herabzublicken. »Sieh hin, wenn du unbedingt Beweise verlangst!« sagte Jarrn giftig. »Und dann leugne noch, wenn du es wagst!« Aber was Kim in dem magischen Fenster sah, das schlug Ihn so in seinen Bann, daß er die Worte des Zwergenkönigs gar nicht mehr hörte. Das Bild zeigte jetzt das gewaltige Caivallon, die Festung der Steppenreiter. Wie im Zeitraffer beobachtete Kim, wie Priwinn, Gorg und die Bauersleute die Festung erreichten. Wenig später - draußen wohl Tage oder Wochen - zog eine gewaltige Anzahl von Steppenreitern aus Caivallon nach Süden. Die kleine Armee wuchs und wuchs. Immer mehr Männer schlössen sich ihr an.

Sie hinterließen eine Spur der Zerstörung. Kim hörte bald auf, die Gehöfte und Dörfer zu zählen, durch die Priwinns Reiterheer zog, um all die Männer und Pferde aus Eisen zu zerschlagen. Er hörte auch bald auf, die Zahl der Zwerge zu zählen, die vor der näherrückenden Armee floh.

Und während Kim die schlanke Gestalt in der nacht-schwarzen Rüstung betrachtete, die an der Spitze des Heerzugs ritt, da begriff er, daß es nicht länger ein Prinz war, der all diese Männer führte. Nach dem Tod seines Vaters war Priwinn der König der Steppenreiter, und er hatte wahrgemacht, was er dem Bauern in jener Nacht verkündet hatte: Nicht nur ein kleines Grüppchen, eine ganze Armee hatte er um sich geschart, und er zog mit dem Schwert in der Hand durch das Land und versuchte, mit Gewalt zu erreichen, was er sich vorgenommen hatte.

Aber noch etwas anderes war wahr geworden wie Themistokles es prophezeit und wovor Kim sich am meisten gefürchtet hatte: Längst nicht alle Bewohner Märchenmonds waren mit dem einverstanden, was Priwinn tat, und nicht alle flohen kampflos vor der aufständischen Armee. Je weiter der Heereszug nach Süden kam, desto mehr Widerstand stellte sich ihm in den Weg. Erst kam es zu kleinen Handgemengen, dann zu Scharmützeln und bald auch zur Belagerung, wenn die Bewohner einer Stadt ihre Tore verschlossen und die Mauern besetzten, um sich zu verteidigen. Schließlich stellte sich den Rebellen eine zweite, beinahe gleichgroße Armee entgegen. Kim sah mit einer Mischung aus Entsetzen und lähmendem Unglauben zu, wie sich die beiden riesigen Heere gleich gewaltigen, aus hunderttausenden winziger Teile bestehenden Tiere aufeinander zuschoben, aber das Bild erlosch, noch ehe sie zusammenprallten.

»Oh, nein!« flüsterte er entsetzt. »Was hat er getan?«

»Willst du immer noch abstreiten, schuld an alledem zu sein?« fragte Jarrn.

»Aber das ... das wollte ich nicht!« Kim blickte den Zwerg beinahe entsetzt an.

»Jarrn, du mußt mir glauben! Ich habe versucht, es Priwinn auszureden! Du warst doch ...«

»Papperlapapp!« schnappte Jarrn. »Nichts von alledem wäre geschehen, wenn du nicht gekommen und deine vorlaute Nase in unsere Angelegenheiten gesteckt hättest!« Kims Stimme wurde beinahe flehend. »Bitte, Jarrn! Du kannst das doch nicht alles vergessen haben. Wir haben zusammen gegen die Flußleute gekämpft. Wir haben überlebt, weil wir uns gegenseitig geholfen haben! Ich habe dir das Leben gerettet, und du meins.«

»Na und?« Jarrn spie verächtlich aus, zielte aber zu kurz und traf seine eigenen Fußspitzen. »Romantischer Firlefanz! Wozu mischt du dich in unsere Angelegenheiten.«

»Eure Angelegenheiten?« Kim wurde wieder zornig. »Vielleicht hast du sogar recht, verdammter Zwerg! Aber weißt du was? Wenn es eure Angelegenheiten sind, Märchenmond den Untergang zu bringen, dann misch' ich mich gern ein.«

»Ha!« brüllte Jarrn. »Endlich gibt er es zu! Schreiber - notiere für das Protokoll, daß der Angeklagte in vollem Umfang geständig ist!«

Kim starrte den Zwergenkönig entrüstet an, und für einen Moment mußte er mit aller Macht an sich halten, damit er sich nicht einfach auf ihn stürzte und ihm den dürren Hals umdrehte, ganz egal, was danach geschah.

»Schreiber!« keifte Jarrn. »Lies das Urteil vor!«

»Was für ein Urteil?« erkundigte sich der Schreiber. Sein König spießte ihn mit Blicken regelrecht auf. »Es muß irgendwo bei deinen Unterlagen sein«, fauchte er. Während der Schreiber emsig in dem Stapel zerknitterten Papieres zu blättern begann, der auf seinen Knien lag, trippelte Jarrn auf Kim zu und starrte ihn dabei herablassend an. Daß er dazu den Kopf in den Nacken legen mußte, tat der Wirkung seines Blickes nur wenig Abbruch. »Du hättest uns allen eine Menge Ärger erspart, Dummkopf, wenn du damals mit mir gekommen wärst«, sagte er. »Warum tut ihr das?« fragte Kim leise. »Bereitet es euch solche Freude, anderen zu schaden?«

Und plötzlich wurde Jarrn sehr ernst. Aller Hohn und Spott wich aus seinem Blick, und er sah Kim auf eine Art an, die diesen schaudern ließ. »Wir tun nur das, was man von uns verlangt«, sagte er. »Es ist nur eure Art, bei jedem Unglück, das euch trifft, nach einem Schuldigen zu suchen. Aber wir sind es nicht. Wir tun nur, wozu man uns gerufen hat.«

Und dann machte der Zwergenkönig einen Schritt zurück, und sein Gesicht nahm wieder jene boshaften Züge an, die Kim schon kannte. »Schreiber!« rief Jarrn. »Hast du das Urteil endlich gefunden?«

Der Zwerg wühlte immer noch heftig in seinen Papieren/ zog aber plötzlich mit einem triumphierenden Ruf ein zerfleddertes Pergament hervor. »Hier ist es!« rief er. »Es lautet ...«Er runzelte die Stirn, sagte noch einmal »Es lautet ...«, runzelte abermals die Stirn und sah seinen König leicht verlegen an. »Also, das kann ich nicht lesen. Wem immer diese Sauklaue gehört, er sollte sich schämen.«

Jarrn warf einen auffordernden Blick in die Runde.

»Kann sich jemand an das Urteil erinnern, das wir abgesprochen haben?« Die Zwerge senkten betreten die Blicke und taten plötzlich alle so, als wären sie mit etwas anderem, furchtbar Wichtigem beschäftigt. Jarrn zog abermals eine Grimasse und schüttelte den Kopf. »Ach, vergeßt es«, meinte er. Dann deutete er mit einer Kopfbewegung auf Kim und fügte hinzu: »Bringt ihn weg.«

XX

Es sollte für lange, lange Zeit das letzte Mal sein, daß Kim den Himmel erblickte, als man ihn wieder auf den Wehrgang hinausführte. Kim schien es, als erwache er aus einem Traum. Daß diese Bande halb verrückter Zwerge über ihn Gericht gesessen haben sollte, war an sich schon abwegig genug; aber daß ihr Urteil irgendeinen Einfluß auf sein Leben hatte, das kam ihm geradezu lächerlich vor. Indes, die Faust des eisernen Mannes, die sein linkes Handgelenk mit erbarmungsloser Kraft festhielt, sprach eine andere Sprache. In schnellem Tempo wurde Kim über den Wehrgang gezerrt, aber sie betraten nicht wieder das Hauptgebäude, sondern stapften die steile, hölzerne Treppe in den Burghof hinunter. Dort blieb der Eisenmann stehen und erstarrte zur Reglosigkeit, während seine stählerne Klaue Kims Arm weiter festhielt.

Eine geraume Weile verging. Der Hof lag in gespenstischer Schwärze vor ihnen, und nur dann und wann bewegte sich die riesige, kantige Gestalt eines Eisenmannes vorbei oder der kleine, huschende Schatten eines Zwerges. Kim hörte nichts. Die Dunkelheit schien nicht nur fast alles Licht, sondern auch jedes Geräusch aufzusaugen. Je länger Kim dastand und darauf wartete, daß irgend etwas geschah, desto mehr fühlte er sich wie in einer riesigen, unterirdischen Höhle ohne Aus- oder Eingang gefangen. Für einen Moment mußte er sich gegen den Gedanken wehren, daß vielleicht ganz genau dies das Urteil war, das die Zwerge über ihn gesprochen hatten: daß er hier stehen und an den erstarrten Eisenmann gefesselt sein würde, bis er vor Hunger oder Durst oder Erschöpfung starb.