Aber natürlich entsprang dieser Gedanke nur seiner eigenen Furcht. So grausam war Jarrn nicht. Trotzdem, Kim Wußte, daß er weder von ihm noch von einem der anderen Zwerge Gnade zu erwarten hatte. Je besser er die Zwerge kennenlernte, desto mehr verwirrte ihn dieses kleine Volk. An Jarrns freche Art hatte er sich mittlerweile ja gewöhnt, doch das, was er gerade in der Turmkammer erlebt hatte, war zu absurd. Die Zwerge kamen ihm vor wie eine Meute außer Rand und Band geratener Kinder; vorlauter, gehässiger, bösartiger Kinder, nicht mehr und nicht weniger. Der Gedanke, daß dieses Volk zu einer Gefahr für das ganze Land geworden sein, ja, Märchenmond den Untergang bringen sollte, erschien ihm beinahe lächerlich.
Wieder verging eine geraume Weile, und als Kim gerade ernsthaft darüber nachzudenken begann, ob man ihn vielleicht schlichtweg hier vergessen hatte, da öffnete sich knarrend das gewaltige Burgtor, und ein von zwei eisernen Pferden gezogener gewaltiger Kastenwagen rollte auf den Hof. Kim riß die Augen auf, als der Wagen näherkam und er ihn besser erkennen konnte. Was im blassen Mondlicht zuerst wie ein riesiger quaderförmiger Aufbau gewirkt hatte, das entpuppte sich bei näherem Hinsehen als ein Gitterkäfig aus daumendicken, rostigen Stangen. Eingesperrt in diesen Käfig waren ein Dutzend Jungen und Mädchen verschiedenen Alters. Nur einer der größeren Jungen zerrte und rüttelte mit aller Kraft an den Gitterstäben, die anderen Kinder saßen teilnahmslos auf dem Stroh, das auf den Boden des Käfigs gestreut worden war.
»Also doch«, murmelte Kim, als der Wagen knarrend an ihm vorüberrollte.
»Was - doch?« fragte Bröckchen. Kim hatte schon fast vergessen, daß er überhaupt da war, aber das kleine Wesen war ihm treu gefolgt und hatte es sich zwischen den riesigen Füßen des Eisenmannes bequem gemacht, wo es Schutz vor dem kalten Nachtwind fand. Jetzt blickte es abwechselnd Kim und den vorüberrasselnden Gitterwagen aus seinen hervorquellenden Triefaugen an.
»Es stimmt also doch«, sagte Kim niedergeschlagen. »Sie sind es, die die Kinder entfuhrt haben«. Er seufzte. Aus einem Grund, den er sich im ersten Moment selbst nicht erklären konnte, war er bitter enttäuscht.
»Priwinn und Gorg hatten recht«, fuhr er bitter fort.
Bröckchen trippelte zwischen den Füßen des Eisenmannes hervor, lief ein paar Schritte hinter dem Wagen her und machte dann wieder kehrt, um zu Kim zurückzulaufen. »Scheint so«, bestätigte er. »Es sind Kinder. Sie sehen nicht gut aus.«
»Priwinn muß das erfahren«, sagte Kim. Mit aller Macht zog und zerrte er an der eisernen Klaue, die seinen linken Arm gefesselt hielt, aber der Griff des Eisenmannes lockerte sich nicht einmal ein bißchen. »Hilf mir!« bat Kim. Mit der freien Hand griff er zu und versuchte, die stählernen Finger des Riesen zurückzubiegen, und Bröckchen hüpfte mit einem Satz auf den Arm des Eisenkolosses hinauf und begann, mit Zähnen und Krallen an seiner Hand herumzureißen. Doch das einzige Ergebnis ihrer vereinten Bemühungen waren mehrere abgebrochene Fingernägel und Krallen.
Schließlich gab Kim enttäuscht auf und ließ sich neben dem stählernen Koloß zu Boden sinken. Bröckchen hüpfte von dem eisernen Arm herunter.
Kim schwieg eine ganze Weile, während er seinen kleinen, nacht-häßlichen Gefährten nachdenklich anblickte. Bröckchen war kaum größer als eine junge Katze und in der Dunkelheit beinahe unsichtbar, obwohl er nicht einmal einen Meter vor ihm saß.
»Glaubst du, daß du den Weg zurück nach Gorywynn findest?« fragte Kim unvermittelt.
»Wie meinst du das?« erkundigte sich Bröckchen vorsichtig. »Weil einer von uns dorthin muß«, antwortete Kim und rüttelte demonstrativ am Arm des stählernen Giganten. »Und so wie es aussieht, bin ich im Moment nicht derjenige, der es kann. Also - was ist? Findest du den Weg?«
»Ich denke schon«, antwortete Bröckchen. »Aber ich lasse dich nicht allein.«
»Quatsch!« erwiderte Kim streng. »Was glaubst du, wem es hilft, wenn du hier bleibst? Priwinn nicht, Themistokles nicht, und mir ganz bestimmt auch nicht.« Er deutete mit einer Kopfbewegung auf den Wagen hinter sich. »Auch nicht diesen Kindern dort und allen anderen, die sie entführt haben. Du muß versuchen, hier herauszukommen und das Schattengebirge zu überqueren.«
»Aber das dauert ja viel zu lange!« gab Bröckchen zu bedenken. »Bis dahin kannst du längst tot sein!«
»Das glaube ich nicht«, antwortete Kim, und er sagte es nicht nur, um Bröckchen zu beruhigen. »Sei vernünftig, Freund«, fuhr er fort. »Ich weiß, wie tapfer du bist. Tu also, was ich dir sage. Verbirg dich irgendwo. Warte auf eine gute Gelegenheit und versuche, hier herauszukommen. Du mußt dich zu Priwinn und den anderen durchschlagen und ihnen erzählen, was hier geschehen ist. Und danach suche Themistokles...«
»Eine interessante Idee«, sagte eine quäkende Stimme hinter Kim.
Kim fuhr erschrocken herum und blickte mitten in Jarrns Gesicht. Der Zwergenkönig hatte sich im Schütze der Dunkelheit herangeschlichen, ohne daß sie auch nur seine Schritte gehört hatten, und jetzt blickte er mit einer Mischung aus Hohn und Zorn auf Kim und das Tierchen herab. »Aber ich fürchte, ich kann das nicht zulassen«, fügte er spöttisch hinzu. Gleichzeitig hob er die Hand und machte ein Zeichen. Da stürzte aus der Dunkelheit eine Schar Zweige herbei, die versuchte, Bröckchen zu packen.
Es blieb bei dem Versuch. Aus dem scheinbar schwerfälligen, sich nur träge bewegenden Stacheltier wurde plötzlich ein rasender Irrwisch, der mit phantastischer Geschwindigkeit zwischen den zupackenden Händen der Zwerge entlangflitzte, dabei wilde Haken nach rechts und links schlug und in jeden Finger biß, der ihm zu nahe kam. Die triumphierenden Schreie der Zwerge verwandelten sich rasch in einen Chor aus Schmerz und Schreckenslauten, und mehr als eine der kleinen Gestalten begann plötzlich wie wild auf der Stelle zu hüpfen und die langen, nadelspitzen Stacheln aus ihren Fingern oder dem Gesicht zu ziehen. Auch Jarrn schrie wütend auf und warf sich mit weit ausgebreiteten Armen auf Bröckchen, doch diesmal versuchte es nicht, ihm auszuweichen. Ganz im Gegenteil, es blieb plötzlich stehen, fuhr herum und sprang mit einem schrillen Pfiff nahezu senkrecht in die Höhe. Jarrns Wutgebrüll verwandelte sich in ein schrilles Kreischen, als der stachelige Ball unter seiner spitzen Kapuze verschwand. Sein Umhang beulte sich Sekunden lang aus und zitterte und bebte, als tobe ein Orkan darunter. Dann sprang Bröckchen wieder ins Freie und raste im Zickzack über den Hof davon, bis er in der Dunkelheit verschwand. Drei oder vier Zwerge stürzten hinter ihm her, und zumindest einer mußte Bröckchen wohl eingeholt haben, denn es erscholl ein schriller Schmerzensschrei.
Der Zwerg kam nicht zurück, und auch von Bröckchen war nun nichts mehr zu hören oder zu sehen, aber Kim machte sich wenig Sorgen darum. Bröckchen hatte schon oft genug bewiesen, daß er durchaus in der Lage war, auf sich selbst zu achten. Und Kim blieb auch keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn in diesem Moment richtete sich Jarrn stöhnend auf und taumelte auf ihn zu. Er wankte, und das wenige, was Kim unter der dunklen Kapuze erkennen konnte, sah aus, als wäre das Gesicht des Zwergenkönigs einem tollwütigen Rasenmäher begegnet. Wo seine Haut nicht zerschnitten, zerkratzt und zerschunden war, da steckten die abgebrochenen Spitzen von Bröckchens Stacheln darin.
»Witzig!« knurrte Jarrn. »Sehr, sehr witzig.« Er starrte Kim haßerfüllt an, dann schlug er die Kapuze zurück und begann mit spitzen Fingern, die Stacheln aus seinem Gesicht zu pflücken. »Aber das wird euch nichts nützen«, fuhr er mit zusammengebissenen Zähnen und kleinen, unterdrückten Schmerzlauten fort. »Wir kriegen dieses größen-wahnsinnige Stachelschwein schon, keine Sorge. Der Weg nach Westen ist weit, und es lauern eine Menge Gefahren dort.«