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Kim war erschüttert. Trotz allem, was er selbst erlebt hatte, fiel es ihm schwer, die Worte des Jungen zu glauben. Aber gleichzeitig spürte er, daß der andere die Wahrheit sprach.

. »Sie sagten, es müßte sein«, fuhr der Junge bitter fort. »Sie sagten, die Eisenmänner und alles andere, was von den Zwergen käme, brächte Märchenmond den Untergang. Aber uns haben sie den Untergang gebracht.«

»Sie haben euch doch nichts getan?« erkundigte sich Kim erschrocken.

Der Junge schüttelte traurig den Kopf. Seine Augen füllten sich mit Tränen, aber auf seinem Gesicht regte sich kein Muskel. »Genügt das nicht?«, meinte er. Dann fuhr er fort: »Nachdem alles vorbei war, banden sie ihn wieder los und forderten uns alle auf, sich ihnen anzuschließen. Aber mein Vater wollte nicht. Er jagte sie vom Hof, und noch am gleichen Abend begannen wir, unsere Sachen zusammenzupacken, um unseren Hof zu verlassen. Aber es war zu spät. Die Rebellen waren kaum verschwunden, da tauchten die anderen auf.«

»Was für andere?«

Der Junge zuckte mit den Achseln. »Ich weiß es nicht. Bewaffnete Männer in silberfarbenen Rüstungen. Einige von ihnen ritten eiserne Pferde, es waren auch Eisenmänner und Zwerge bei ihnen. Sie umstellten den Hof und warfen meinem Vater und seinem Bruder vor, verantwortlich für den Verlust der Eisenmänner und des Pferdes zu sein. Vater versuchte, ihnen zu erklären, was geschehen war, aber sie hörten gar nicht zu. Sie verlangten das Geld, das er den Zwergen schuldete, und als er es nicht hatte, da legten sie ihn und seinen Bruder und alle Knechte in Ketten und schleppten sie davon.«

»Und du?«

»Auch ich sollte in die Gruben, aber einer der Zwerge meinte, ich wäre zu jung dafür und würde die Arbeit nicht schaffen. Also brachten sie mich hierher.«

Kim spürte ein tiefes, ehrliches Mitleid mit dem Jungen. Zugleich war er verwirrt. Die Geschichte, die er erzählt hatte, war nicht die, die er von Brobing und anderen kannte. Dieser Junge war nicht auf magischem Wege ans seinem Elternhaus verschwunden, sondern schlicht und einfach verschleppt worden. Und so furchtbar das war - es war nicht das Rätsel, das es zu lösen galt.

»Wie heißt du?« fragte Kim.

»Peer«, antwortete der Junge, ohne ihn anzusehen.

»Die anderen Kinder, Peer«, fuhr Kim vorsichtig fort. »Die, mit denen du hierhergekommen bist - sind sie auch von den Zwergen deshalb entführt worden?«

Peer zuckte mit den Schultern. »Die meisten ... ein paar hatten einfach das Pech, unseren Weg zu kreuzen, und einer der Eisenmänner hat sie gepackt und in den Käfig gestoßen. Warum fragst du?«

»Nur so«, antwortete Kim rasch. »Ich bin nur überrascht, daß es ... so viele sind.«

Dabei war es eigentlich genau umgekehrt. Die Höhlen waren zwar gewaltig, und jedes Kind hier war eines zuviel. Und doch: Es waren nicht genug. Wenn es stimmte, daß fast alle Kinder Märchenmonds bereits verschwunden waren, dann hätten hier unzählige sein müssen.

Kim hatte das Gefühl, von der Lösung dieses schrecklichen Geheimnisses weiter entfernt zu sein denn je. Langsam ließ er sich auf sein Lager zurücksinken und schloß die Augen, doch obwohl er so müde wie am Vortag war und seine Glieder sich wie Blei anfühlten, dauerte es lange, sehr lange, bis er in dieser Nacht Schlaf fand.

Allmählich lernte er sämtliche in der Zwergenschmiede anfallenden Arbeiten kennen. Fast jeden Tag wurde ihm eine neue Tätigkeit zugeteilt, und jede schien ein bißchen schwerer als die vorhergehende zu sein. Er schleppte Kohle, dann Erz und schließlich Körbe voll schwerer, fertiggeschmiedeter Eisenteile. Er schürte das Feuer, trug Werkzeuge und glühend heiße Schmiedestücke hin und her, er brachte den Zwergen Wasser oder reichte ihnen neue Hämmer, wenn die alten von den unermüdlichen, rasenden Schlägen der Schmiede selbst rotglühend geworden waren. Und nach und nach lernte er auch die anderen Teile des unterirdischen Zwergenreiches kennen. In dem verzweigten Höhlensystem gab es Säle, wo aus den Teilen, die die fleißigen Zwergenschmiede schufen, riesige, geheimnisvolle Apparaturen zusammengesetzt wurden, deren Sinn und Zweck Kim noch nicht einmal zu erraten vermochte, die ihn aber durch ihre bloße Größe und ihr Aussehen zutiefst erschreckten. In wieder anderen Werkstätten wurde das Erz, das irgendwo draußen in den Gruben gebrochen worden war, in gewaltigen Brocken angeliefert, die Kim und seine Leidensgenossen mit schweren Vorschlaghämmern zerkleinern mußten, bis sie die passende Form und Größe hatten, um eingeschmolzen zu werden.

Anfangs hatte er das Gefühl, sterben zu müssen. Jede Faser seines Körpers schmerzte, und seine Müdigkeit schien einen Grad erreicht zu haben, der jenseits des Erträglichen lag. Aber so schlimm es auch war, Kim gewöhnte sich daran. Seine Hände bekamen Schwielen und sein Körper wurde allmählich kräftiger. Trotz der schmalen Kost begannen seine Muskeln unter der schweren Arbeit zu wachsen. Zwar war er noch immer stets zum Umfallen müde, aber manchmal saßen Peer und Kim jetzt nach dem Abendessen noch eine Weile beisammen und redeten. Kim lernte auch einige der anderen Gefangenen kennen. Allerdings nicht sehr viele, und keinen so gut wie den Jungen aus dem Westen. Während der Arbeit fand sich keine Gelegenheit, mit jemandem zu sprechen, und danach wurden sie immer an der gleichen Stelle angekettet, so daß Kim nur dann und wann ein Wort mit einem der Kinder wechseln konnte, wenn sie zurück in den Schlafraum gebracht wurden. Und doch zeigten diese wenigen Gespräche, daß Peer recht gehabt hatte: Das Schicksal der Gefangenen hier glich meist dem seinen. Ihre Väter hatten die Eisenmänner nicht bezahlen können, oder Priwrnns Steppenreiter hatten die Höfe verwüstet und sie der Rache der Zwerge ausgeliefert, oder sie hatten einfach das Pech gehabt, im falschen Moment am falschen Ort zu sein und aufgegriffen zu werden. Keiner von ihnen erzählte, daß er eines Morgens einfach aufgewacht und hiergewesen wäre, alle hatten sie handfeste Gründe, und nicht einer war auf magische Weise verschwunden. Es schien, als wäre es doch wahr: Die Zwerge mochten dafür verantwortlich sein, daß ganz Märchenmond allmählich unter einer Decke aus schwarzem Eisen erstickte, aber mit dem Geheimnis der verschwundenen Kinder hatten sie nichts zu tun, Kim hatte längst aufgehört, die Tage zu zählen, er wußte nicht, wie lange er schon hier unten war, als Jarrn, der Zwergenkönig, ihn aufsuchte. Es war an einem Abend, nachdem er und Peer in der Steinbruchhöhle gearbeitet hatten und besonders müde waren. Kim hatte sich sofort nach dem Essen auf dem feuchten Stroh ausgestreckt und die Augen geschlossen. Aber er war noch nicht richtig eingeschlafen, als ihn ein derber Fußtritt in die Seite weckte und hochfahren ließ. Als er die Augen öffnete, stand Jarrn vor ihm.

Der Zwergenkönig machte vorsichtshalber einen Schritt zurück, um außer Kims Reichweite zu kommen, grinste aber unverschämt. »Na, Blödmann?« fragte er fröhlich. »Wie gefällt es dir bei uns?«

»Danke«, brummte Kim böse. »Das Essen läßt zwar zu wünschen übrig, aber euer Freizeitangebot ist wirklich gut. Woher hast du gewußt, daß ich so gern Sport treibe?« Jarrn lachte meckernd. »Es freut mich, daß du die Sache mit Humor nimmst«, sagte er. »Ich bin extra heruntergekommen, um mich davon zu überzeugen, daß unser Ehrengast auch ja zufrieden mit seinem Quartier ist.«

»Ehrengast?« Peer richtete sich auf und sah Kim verwundert an.

Jarm nickte heftig. »Oh ja«, antwortete er. »Hat er es dir nicht erzählt? Er wird nämlich ganz besonders lange hierbleiben.«

Kim sah den Zwergenkönig flehend an, was dieser zu neuerlichem, meckerndem Lachen veranlaßte. »Ich bin gekommen, um dir mitzuteilen, daß wk den Schaden mittlerweile errechnet haben, für den du verantwortlich bist«, sagte er. »Natürlich nur ungefähr - die genaue Summe können wir erst ermitteln, wenn wir deinem Freund, diesem außer Rand und Band geratenen kleinen Grasfresser, das Handwerk gelegt haben.«