Trotzdem schien das Ungeheuer den Hieb gespürt zu haben, denn es ließ Kai fallen und wirbelte mit einem zischenden Laut zu ihm herum. Kim sah aus den Augenwinkeln, wie sich einer seiner krallenbewehrten Füße auf Kais Brust setzte und ihn mit gnadenloser Kraft zu Boden drückte. Aber ihm blieb keine Zeit, Kai abermals zu Hilfe zu eilen, denn nun war er selbst in Gefahr. Mit seinem Schwerthieb hatte er es endgültig geschafft, die Aufmerksamkeit des Ungeheuers auf sich zu ziehen.
Kim schwang seine Waffe zu einem weiteren Hieb, der sein Ziel jedoch nie traf. Der gewaltige Schädel des Ungeheuers stieß mit einer schlangengleichen Bewegung auf ihn herab. Die Scheren schnappten zu, bissen die Schwertklinge ohne die geringste Mühe dicht über dem Griff ab und schleuderten Kim gleichzeitig zu Boden.
Er versuchte vor der Kreatur davonzukriechen, aber der riesige Schädel zuckte weiter vor und dicht vor seinem Gesicht klafften Kiefer auseinander, die mit mehr als fingerdicken, nadelspitzen Zähnen besetzt waren. Kim fühlte sich plötzlich dem Blick gigantischer, gnadenloser Insektenaugen ausgesetzt, der ihn zu lahmen schien. Ein Gefühl unwirklicher, eisiger Kälte breitete sich in ihm aus, als reiche allein der Blick der Kreatur aus, alles Leben und jede Menschlichkeit in seiner Seele zum Erlöschen zu bringen. Langsam senkten sich die Kiefer weiter auf ihn herab. Kim schlug und trat mit aller Gewalt auf den mächtigen Unterkiefer der Bestie. Aus allen Richtungen senkten sich Pfeile und Speere auf den Koloss, die mit einem Geräusch wie harte Hagelkörner von seinem Panzer abprallten. Nichts von alledem vermochte die Bewegung der Bestie auch nur zu verlangsamen.
Dann, plötzlich, erschien ein blasser goldener Schimmer in den Augen des Giganten. Das Ungeheuer erstarrte mitten in der Bewegung, schien zu zögern, als wäre es verwirrt, erschrocken. Der goldene Schimmer nahm weiter zu und wurde zum Widerschein eines geflügelten, kaum handgroßen Wesens, das sich in engen Spiralen direkt auf Kim zubewegte! Twix!
Die Elfe piepste vor Angst und Panik, schoss aber trotzdem weiter auf Kim hinab und landete zielsicher auf seiner Hand. Zitternd vor Angst richtete sie sich auf, streckte dem Ungeheuer die winzigen Ärmchen entgegen und schlug wild mit den Flügeln. »Hau ab, du Scheusal!«, piepste sie. »Mach bloß, dass du wegkommst! Verpiss dich!«
Der Gigant zögerte tatsächlich. Kim bezweifelte, dass die Kreatur Twix' Worte überhaupt hörte, geschweige denn verstand, aber ihm fiel etwas anderes auf: Die Elfe schlug noch immer wie wild mit den Flügeln. Goldener Staub wirbelte hoch und die Berührung des Staubes schien der Kreatur sehr unangenehm zu sein. Sie zitterte, bewegte den Kopf unruhig hin und her - und nieste plötzlich laut und herzhaft!
Wieder reagierte Kim ohne lange nachzudenken. Er stemmte sich hoch, umschloss Twix behutsam mit der rechten Hand und reckte dem Ungeheuer den ausgestreckten Arm entgegen.
Die Kreatur nieste noch heftiger, warf den Kopf zurück und fuhr sich mit hektischen Bewegungen mit den Vorderläufen durch das Gesicht. Sie nieste jetzt ununterbrochen. Dicke, zähflüssige Tränen liefen aus ihren Augen. Kim sprang in die Höhe, stieß dem Geschöpf die Elfe beinahe ins Gesicht und registrierte befriedigt, wie sich die Geräusche des unheimlichen Wesens zu einer Mischung aus Niesen, Husten und qualvollem Würgen steigerten.
Das Ungeheuer bäumte sich auf. Es bekam offensichtlich kaum noch Luft, und Twix, die wohl endlich auch begriffen hatte, was geschah, schlug immer heftiger mit den Flügeln und überschüttete das Wesen geradezu mit goldenem Elfenstaub. Die Laute, die das Ungeheuer ausstieß, klangen jetzt eindeutig qualvoll. Seine Augen tränten ununterbrochen und waren so zugeschlossen, dass es wahrscheinlich kaum noch etwas sehen konnte, und es zitterte am ganzen Leib. Plötzlich fuhr es herum, stieß ein ungeheuerlichen Brüllen aus und ergriff auf wirbelnden Beinen die Flucht.
Kim rannte ihm drei, vier Schritte hinterher und blieb dann wieder stehen. Er zitterte am ganzen Leib. Sein Atem ging so schnell, dass er pfeifende Geräusche von sich gab. Sein Herz hämmerte, als wollte es jeden Moment zerspringen. Auch Twix schien sich völlig verausgabt zu haben. Die Elfe brach auf seiner Handfläche zusammen und wäre zu Boden gestürzt, hätte Kim nicht im letzten Moment mit der anderen Hand zugegriffen. Behutsam schob er sie in seine Hemdtasche, wo sie ja ohnehin die meiste Zeit verbrachte.
Erst dann fiel ihm die Stille auf.
Das Ungeheuer war fort. Als Kim den Blick hob, sah er es gerade taumelnd in der Lücke des Palisadenzauns verschwinden. Das Prasseln zahlreicher Feuer war zu hören und das Wiehern und Schnauben verängstigter Pferde.
Davon abgesehen jedoch war es fast unheimlich still.
Kim sah auf und erkannte im selben Moment den Grund für dieses unnatürliche Schweigen.
Kai und er waren von jungen Kriegern und Kriegerinnen umringt. Sie hielten einen respektvollen Abstand ein, als wagten sie es selbst jetzt noch nicht, auch nur den Platz zu betreten, an dem das Ungeheuer gestanden hatte, und alle starrten ihn an. Der Ausdruck auf ihren Gesichtern schwankte zwischen Unglaube, Faszination und Bewunderung.
»Was ist denn jetzt schon -«
Weiter kam er nicht. Der Klang seiner Stimme hatte die Starre durchbrochen, in die all diese Jungen und Mädchen verfallen waren. Plötzlich wurde ein Jubelgeschrei aus Hunderten von Kehlen laut. Wie auf ein gemeinsames Kommando hin stürmten sie los. Kim wurde gepackt, hochgehoben und jubelnd und unter unaufhörlichem »Hurra«- und »Hoch«-Gebrüll immer wieder in die Luft geworfen und aufgefangen, bis ihm ganz schwindelig wurde.
Er begriff erst nach einigen Sekunden, was überhaupt geschehen war.
Er hatte das Ungeheuer vertrieben. Und für die meisten der jungen Krieger musste es so ausgesehen haben, als hätte er es ganz allein getan. Sie konnten Twix, die ja halb in seiner Hand verborgen war, kaum gesehen haben. Für sie musste es so aussehen, als hätte er die Kreatur ganz allein in die Flucht geschlagen, nur kraft seines Willens!
Selbst wenn er den Irrtum hätte aufklären wollen, so hätte er es in den nächsten Minuten gar nicht gekonnt. Die jungen Krieger waren vollkommen außer Rand und Band. Kim wurde von tausend Händen über die Köpfe der Menge weitergereicht und unter Jubelrufen und Hurrageschrei gedrückt und umarmt. Es dauerte mindestens fünf Minuten, bis sich die Jungen und Mädchen so weit beruhigt hatten, dass Kim sich mit einiger Mühe frei machen konnte.
Mit noch mehr Mühe gelang es ihm, sich seinen Weg zurück zu Kai zu erkämpfen.
Der junge Steppenreiter saß auf dem Boden und starrte ihm finster entgegen. Er war sehr blass. Seine Kleider waren zerrissen und Blut lief über sein Gesicht.
»Bist du verletzt?«, fragte Kim erschrocken.
Kai ignorierte seine Frage kurzerhand. »Jetzt bist du ein richtiger Held, wie?«, fragte er feindselig. »Bist du auch gehörig stolz darauf?«
Kim schrieb diese plötzliche Feindseligkeit Kais Zustand zu, streckte die Hand aus und wiederholte seine Frage: »Ist dir etwas passiert?«
Kai ignorierte seine Hand ebenso wie seine Worte und stemmte sich aus eigener Kraft in die Höhe. Während er sich mit dem Handrücken Blut aus dem Gesicht wischte, sah er sich aus zornig zusammengekniffenen Augen um.
»Scheint, als hättest du mir das Leben gerettet«, knurrte er. »Aber bilde dir bloß nicht zu viel ein, du Held. Vielleicht war das Ganze ja ein abgekartetes Spiel. Noch niemandem ist es gelungen, einen Skull zu besiegen.«
Kim starrte ihn an. Wie hatte Kai das Geschöpf genannt? »Ein ... Skull?«, murmelte er.
Kai nickte. »Jetzt spiel nicht den Unwissenden«, sagte er feindselig. »Wenn ich so richtig darüber nachdenke, dann wird mir plötzlich so einiges klar ...«
Kim erging es nicht anders. Mit einem Mal fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Plötzlich war alles ganz einfach. Er wusste jetzt, woher das unheimliche Gefühl gekommen war, einem Wesen wie diesem schon einmal begegnet zu sein.