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Er hatte es niemals selbst gesehen, wohl aber seine unheimliche Ausstrahlung gespürt - in jener Höhle im Wald, in der er sich nach seiner ersten Begegnung mit Kai versteckt hatte. Auch da war es gewesen, als hätte etwas Fremdes, durch und durch Feindseliges seine Seele berührt.

»Ich habe ein solches Wesen noch nie zuvor gesehen«, versicherte er - was nicht der ganzen Wahrheit entsprach. Aber er wollte Kai in diesem Moment nicht von seiner ersten Begegnung im Hof des Palastes erzählen. Das hätte alles nur unnötig komplizierter gemacht. Stattdessen fuhr er fort: »Ich habe mich in dieser Höhle im Wald vor euch versteckt ohne zu wissen, was darin lebt. Ich habe auch nichts gesehen. Nur gespürt. Ich weiß nicht einmal, was ein Skull ist.«

»Niemand weiß das«, knurrte Kai. Er musterte Kim weiter mit unverhohlenem Misstrauen, nun aber auch mit einer Spur von Zweifel. Offensichtlich überlegte er angestrengt, ob er ihm glauben konnte oder nicht.

»Wo kommen sie her?«

»Auch das weiß niemand«, antwortete Kai. »Sie tauchen manchmal auf. Und fast immer in Landstrichen, in denen es nur sehr wenige Menschen gibt. Sie zerstören alles Menschenwerk: Häuser, Straßen, ganze Städte. Sie verwüsten Felder, reißen Brücken und Wehre nieder und schleifen ganze Festungen. Ist das getan, dann verschwinden sie so spurlos wieder, wie sie aufgetaucht sind.«

Kim schauderte. Er zweifelte keine Sekunde an Kais Worten. Was er erzählte, das passte zu dem Odem von Feindseligkeit, den der Skull verströmt hatte wie einen üblen Geruch. »Und warum hindert ihr sie nicht daran?«, fragte er.

»Hast du mir nicht zugehört?«, fragte Kai. »Oder keine Augen im Kopf? Niemand hat je einen Skull besiegt! Sie sind unverwundbar! Keine von Menschenhand geschaffene Waffe kann sie verletzten!«

Kim hatte die Kreatur ja auch nicht mit einer von Menschenhand geschaffenen Waffe angegriffen. Genau genommen hatte er sie überhaupt nicht mit einer Waffe angegriffen und ganz genau genommen hatte er sie überhaupt nicht angegriffen, sondern ...

Nein, das sprach er lieber nicht aus. Sollte Kai sich ruhig noch ein bisschen den Kopf zerbrechen, wie er dieses Kunststück fertig gebracht hatte.

»Jedenfalls ist es weg«, sagte er. »Und ich glaube auch nicht, dass es so schnell wiederkommt.«

»Ich hoffe es«, sagte Kai. »Und jetzt wäre ich dir dankbar, wenn du mir endlich verraten würdest, wie du es gemacht hast.«

»Das glaube ich dir gern«, sagte Kim, grinste fröhlich und drehte sich herum um zu seinem Zelt zurückzugehen.

Seine Rolle im Lager änderte sich von dieser Nacht an. War er bisher schon wie ein willkommener Gast behandelt worden, so begegneten ihm die jungen Krieger ab sofort mit Ehrerbietung und Unterwürfigkeit. Sein Zelt zum Beispiel gehörte zu denen, die dem Angriff des Skull zum Opfer gefallen waren, aber er musste keinen Finger rühren um es wieder aufzustellen und zu reparieren. Kais Krieger stritten sich um die Ehre ihm zu Diensten sein zu dürfen.

Auch am nächsten Morgen ging es so weiter. Als Kim erwachte, fand er ein überreiches Frühstück neben seinem Bett, und als er das Zelt verließ, da war sein Pferd bereits frisch gestriegelt und aufgezäumt. Ringsum waren die Krieger bereits damit beschäftigt, das Lager abzubauen und alles für den Aufbruch fertig zu machen, für Kim gab es nichts zu tun, denn er sah sich ständig von einer kleinen Gruppe Jungen und Mädchen umgeben, die sich darin überboten ihm jeden Wunsch von den Lippen abzulesen.

Anfangs genoss er dieses neue Gefühl, bald begann es ihm unangenehm zu werden und dann regelrecht peinlich. Für Kais Krieger war er nun endgültig zum Helden geworden, eine lebende Legende, nur unwesentlich unter einem Gott rangierend. Fuhr er sich auch nur mit der Zunge über die Lippen, wurde ihm aus einem Dutzend Richtungen Wasser gereicht, suchte er nach einem Platz um sich zu setzen, wurde er mit Kissen und Decken regelrecht bombardiert, und als er auf sein Pferd steigen wollte, kugelte er sich fast das Bein aus, weil sich die Jungen darum stritten, ihm die Steigbügel zu halten. Kim war regelrecht froh, als Kai nach einer Stunde auftauchte und verkündete, dass sie nun weiterziehen würden.

»Wie fühlt man sich denn so als lebende Sagengestalt?«, fragte Kai abfällig, während sie nebeneinander zur Spitze des Heerzuges ritten.

Die unverhohlene Feindseligkeit in seiner Stimme überraschte Kim. Gestern Abend hatte er sie Kais Zustand zugeschrieben, seinem Schrecken und den Schmerzen, die er vermutlich gehabt hatte.

Der zornige Klang in Kais Stimme ärgerte ihn und so antwortete er anders, als vielleicht klug gewesen wäre: »Prima«, sagte er. »Deinen Kriegern scheint es ebenso zu gefallen, glaube ich. Vielleicht probiere ich einmal aus, auf wen sie mehr hören - auf dich oder den legendären Kim, den Retter Märchenmonds und Helden aus der Schlacht gegen die schwarzen Reiter.«

Die Worte taten ihm fast sofort wieder Leid, denn Kais Kopf flog mit einem Ruck herum und in seinen Augen loderte für einen Moment der blanke Hass.

»Das würde ich an deiner Stelle nicht versuchen«, zischte er. »Ich habe Vorsorge getroffen, dass das nicht passiert, glaube mir.«

Bevor Kim antworten konnte, gab er seinem Pferd die Sporen und sprengte los um zu seinen Platz an der Spitze des Heerzuges zu gelangen.

Kim blickte ihm mit einem Gefühl leisen Bedauerns nach. Er hätte sich gern bei Kai entschuldigt und ihm gesagt, dass seine Worte nicht so gemeint gewesen waren, wie Kai sie offensichtlich verstanden hatte. Andererseits verwirrte ihn die Heftigkeit von Kais Reaktion auch. War er der Wahrheit vielleicht näher gekommen, als ihm selbst bewusst gewesen war?

In seiner Hemdtasche raschelte es und Twix strecke den Kopf heraus. »Eingebildeter Kerl!«, schimpfte sie. »Wenn er dir noch einmal droht, bekommt er es mit mir zu tun!«

Kim lachte. »Überschätzt du dich da nicht ein bisschen?«

»Wieso?« Twix klang beleidigt. »Immerhin habe ich den Skull besiegt.«

»Also, ich würde eher sagen, dass er allergisch gegen dich war«, antwortete Kim lachend.

»A- was?«, fragte Twix.

Kim lachte erneut. »Vergiss es einfach«, sagte er. »Sagen wir - er mag deinen Elfenstaub nicht.«

»Sie hassen Magie«, bestätigte Twix. »Wo sie sind, kann keine Magie sein und umgekehrt.«

Kim wurde hellhörig. »Du weißt etwas über die Skull?«, fragte er.

»Jeder weiß etwas über die Skull«, antwortete Twix spöttisch. »Außer euch, versteht sich.«

»Aha«, sagte Kim. Er hütete sich eine weitere Frage zu stellen, obwohl er innerlich vor Neugier fast platzte. Er wusste, dass es besser war, die Elfe einfach reden zu lassen.

»Sie sind die Alten«, fuhr Twix prompt fort. »Ich meine: die ganz Alten. Sie waren hier, bevor wir da waren und ihr gekommen seid.«

»Die Menschen und die Elfen?«, fragte Kim.

»Die Menschen und die magischen Wesen«, seufzte Twix in einem Ton, als zweifle sie an seinem Verstand. »Nicht dass ihr irgendwie wichtig wärt -«

»- außer dass ihr uns braucht um zu existieren«, fügte Kim hinzu und Twix verbesserte sich mit einem giftigen Blick:

»- außer dass es ganz nützlich ist, wenn es jemanden gibt -«

»- der durch seinen Glauben an die Magie magische Wesen am Leben erhält, nicht wahr?«, meinte Kim freundlich.

Twix verdrehte die Augen. »Also gut, manchmal ist es ganz praktisch, dass ihr da seid«, gestand sie. »Die Skull gehören jedenfalls zu den Wesen, die vor uns allen hier waren. Bevor es auch Menschen gab.«

»Ich wusste gar nicht, dass Märchenmond schon vorher bewohnt war«, sagte Kim.

»Dummkopf!«, schimpfte Twix. »Es gibt immer ein Vorher, so wie es auch immer ein Nachher gibt. Vor uns aber waren die Skull und die anderen da und vor den Skull wieder andere. Und wenn wir schon lange nicht mehr da sind, werden wieder andere da sein, denen wir vielleicht ebenso fremd und erschreckend erscheinen mögen wie die Skull uns.«