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»O nein!«, sagte er. »Das wirst du nicht tun! Wache! Legt ihn in Ketten!«

Die letzten Worte hatte er geschrien, aber es geschah genau das, womit Kim insgeheim gerechnet hatte: Seine Krieger zögerten dem Befehl nachzukommen. Nur für die Dauer eines Atemzuges - aber mehr als dieses kurze Zögern brauchte er auch nicht.

Warnungslos ließ er die Zügel knallen. Sein Pferd machte einen erschrockenen Satz nach vorne. Kai versuchte sich mit einer hastigen Bewegung in Sicherheit zu bringen, aber er war nicht schnell genug und wurde einfach zu Boden geschleudert. Das Pferd jagte weiter und beschleunigte sein Tempo noch, als es den abschüssigen Hang hinunterjagte.

Kim sah über die Schulter zurück. Kai hatte sich wieder aufgerappelt und deutete heftig gestikulierend in seine Richtung. Zwei, drei seiner Krieger stiegen auch tatsächlich in die Sättel und begannen in seine Richtung zu reiten. Aber nicht besonders schnell. Sie hatten nicht wirklich vor, ihn einzuholen. Und schon gar nicht ihn zurückzubringen.

Trotzdem nahm Kim sein Tempo nicht zurück. Er konnte Kais zorniges Gebrüll selbst über die größere werdende Entfernung hinweg deutlich hören. Kai würde nicht so leicht aufgeben - und er war immer für eine Überraschung gut.

Immer schneller werdend galoppierte Kim den Hügel hinab. Er sah nur von Zeit zu Zeit zurück. Ungefähr ein Dutzend Reiter hatten sich aus dem Heer gelöst und hielten auf ihn zu, aber keiner von ihnen war auch nur annähernd schnell genug um eine Gefahr darzustellen. Kai war nicht unter den Verfolgern, aber das beruhigte Kim kein bisschen. Ganz im Gegenteil. Wenn Kai darauf verzichtete ihm nachzureiten, sondern diese Aufgabe seinen Kriegern übertrug, von denen er ganz genau wissen musste, dass sie ihn gar nicht einholen wollten, dann konnte das nur einen einzigen Grund haben: Er hatte etwas Besseres vor.

Beunruhigt blickte er zu den Reitern hin, die sich dem Heer von Westen näherten. Sie hatten ihre Richtung geändert und hielten nun genau auf ihn zu. Und sie ritten schnell. Selbst über die große Entfernung hinweg konnte Kim erkennen, dass sie viel schneller waren als er.

Kim wandte seine Aufmerksamkeit dem vor ihm liegenden Gelände zu. Er würde dieses scharfe Tempo nicht mehr lange durchhalten können. Obwohl er noch nicht sehr weit von dem umgestürzten Baum entfernt war, war der Boden vor ihm bereits mit Trümmern nur so übersät - zerfetzten Brocken von der Größe eines Hauses, Splitter, die die Dimensionen hundertjähriger Eichen hatten, aber auch armlange Äste, riesige Gebilde aus ineinander verflochtenen Wurzel und zähen Strängen - kurz: ein wahres Labyrinth, durch das auf den ersten Blick gar kein Durchkommen zu sein schien. Dieses schwierige Gelände würde sein Tempo gehörig bremsen. Da das aber auch für seine Verfolger galt, machte sich Kim darüber keine besonderen Sorgen.

Viel schwieriger war die Frage: Wohin sollte er sich wenden? Er konnte seinen Verfolgern nicht auf Dauer davonreiten. Sein Pferd musste irgendwann müde werden und er war allein, während sie über eine große Anzahl frischer Tiere verfügten und mehr als tausend waren. Er brauchte ein Versteck. »Twix!«

Die Elfe streckte den Kopf aus der Hemdtasche und sah ihn mit schräg geneigtem Kopf an. »Das wurde aber auch Zeit!«, sagte sie. »Ich dachte schon, du hättest ernsthaft Gefallen an diesem Burschen gefunden.«

»Ich habe nur auf den richtigen Moment gewartet«, antwortete Kim.

»Ach, und du glaubst, das wäre ausgerechnet jetzt?«

»Ich brauche deine Hilfe«, seufzte Kim. »Diskutieren können wir später.«

»Meine Hilfe? Wie originell! Was würdest du eigentlich ohne mich -«

»Flieg voraus«, unterbrach sie Kim. »Ich brauche ein Versteck. Ein gutes Versteck!«

»Pfft!«, machte Twix, schwang sich aber trotzdem gehorsam in die Luft und war wenig später verschwunden.

Sie hatten mittlerweile den Fuß des Hügels erreicht und Kim ließ das Pferd ein wenig langsamer traben. Wieder sah er zu seinen Verfolgern zurück. Sein Vorsprung war noch weiter gewachsen. Etliche Reiter bewegten sich nur noch im Schritttempo und zwei oder drei hatten ihre Pferde sogar gewendet und trabten langsam zu Heer zurück. Er selbst wollte im Moment um nichts in der Welt in der Haut der jungen Krieger stecken. Immerhin hatten sie einen direkten Befehl ihres Heerführers verweigert.

Anders sah es bei den Reitern aus, die von Westen kamen. Sie waren mittlerweile weit genug heran, dass Kim erkennen konnte, dass es nur vier waren - bei den Übrigen musste es sich wohl um Packpferde handeln, denn sie waren weit zurückgefallen. Diese vier näherten sich jedoch nach wie vor in scharfem Tempo. Wenn sie diese mörderische Geschwindigkeit durchhielten, würden sie ihn in längstens einer halben Stunde eingeholt haben. Er brauchte dringend ein Versteck. Wo blieb Twix?

Er hielt so intensiv nach der Elfe Ausschau, dass er den armdicken Ast, der urplötzlich vor ihm im Gras auftauchte, viel zu spät sah. Sein Pferd registrierte die Gefahr im letzten Moment und setzte mit einem gewagten Sprung über das Hindernis hinweg, aber Kim, der auf diese jähe Bewegung nicht vorbereitet war, wurde nach vorne und beinahe aus dem Sattel geschleudert. Im buchstäblich allerletzten Moment hielt er sich am Sattelknauf fest - mit dem Ergebnis, dass sich sein Pferd erschrocken auf die Hinterläufe erhob und ihn nun endgültig abwarf. Kim stürzte der Länge nach ins Gras und blieb einen Moment lang benommen liegen.

Als er sich aufrichtete, blickte er in ein pelziges Gesicht mit vorspringendem Unterkiefer, riesigen Glubschaugen und spitzen Ohren, aus denen kleine Haarbüschel wuchsen.

»Pack?«, murmelte er verblüfft.

Die Kreatur sprang einen halben Schritt zurück, grinste ihn an - und schlug ihm ohne Vorwarnung und so fest die Faust auf die Nase, dass er im wahrsten Sinne des Wortes Sterne sah.

Kim hob die Hand ans Gesicht, betastete mit spitzen Fingern sehr vorsichtig seine Nase und sagte noch einmal, aber diesmal überzeugt: »Pack!«

Der Gnom sprang zwei oder drei Schritte zurück und begann aufgeregt mit den Armen herumzufuchteln und zu schnattern. »Ja, ich freue mich auch dich wieder zu sehen«, sagte Kim. »Aber ich habe im Moment keine Zeit für deine Späße. Da sind ein paar ziemlich unangenehme Burschen hinter mir her, weißt du?«

Er stemmte sich hoch, griff nach dem Sattelknauf und wollte den Fuß in den Steigbügel setzen, aber der Pack lamentierte immer lauter, sodass er mitten in der Bewegung innehielt und den haarigen Kobold erneut anblickte.

»Willst du mir etwas sagen?«, fragte er.

Der Pack schnatterte und wies dabei auf einen Punkt hinter sich, an dem Kim absolut nichts Außergewöhnliches erkannte. Hinter dem Pack ragte irgendetwas empor, das auf den ersten Blick eine verwilderte Felswand hätte sein können, in Wahrheit jedoch das Bruchstück eines gewaltigen Astes war. Als Kim genauer hinsah, erkannte er einen schmalen, dreieckigen Riss in der steinharten Borke.

»Ein Versteck!«, rief Kim. »Du hast ein Versteck für mich gefunden!«

Der Pack kreischte noch lauter, sprang plötzlich auf das Pferd zu und versetzte ihm einen so derben Tritt, dass es mit einem erschrockenen Wiehern davonschoss. Kim war im ersten Moment erschrocken, sah aber dann ein, dass der Pack sehr klug gehandelt hatte. Das Pferd würde seinen Rückweg zum Lager sicher finden und hier stellte es im Moment nur eine Gefahr für sie da.

Er eilte zu dem Riss in der Baumrinde, ließ sich davor in die Hocke sinken und spähte hindurch. Der Riss setzte sich auch dahinter fort, so weit das Licht reichte und vermutlich noch weiter. Schmal und unbequem, aber trotzdem ein perfektes Versteck.

Als er sich jedoch hineinquetschen wollte, ergriff der Pack ihn so derb am Arm, dass er das Gleichgewicht verlor und stürzte.

»He!«, beschwerte sich Kim. »Was soll das?«