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Der Pack begann wieder zu kreischen und wild mit den Armen zu fuchteln, griff plötzlich nach Kims Hand und riss einen Streifen Stoff aus dem Saum seines Hemdärmels. Unter heftigem Schnattern und Keifen stopfte er den Fetzen in den Riss im Baum, sprang zurück und fuchtelte wieder wild mit den Armen.

Und endlich begriff Kim.

Der Pack hatte keineswegs den Verstand verloren oder trieb wieder seine üblen Scherze mit ihm - er legte eine falsche Spur! Wer über diesem Fetzen stand, musste annehmen, dass Kim in den Riss hineingekrochen war, und würde ihm folgen - und damit wertvolle Zeit verlieren.

»Alle Achtung!«, sagte Kim anerkennend. »So viel Raffinesse hätte ich dir ja gar nicht zugetraut.«

Der Pack reagierte auf das Kompliment auf seine ganz persönliche Art - er bückte sich, raffte einen Stock vom Boden auf und warf damit nach ihm. Kim wich dem Wurfgeschoss aus, sprang in die Höhe und folgte dem Pack tiefer in den Wald hinein.

Schon nach wenigen Augenblicken verlor er in dem dichten Unterholz die Orientierung. Was von der Höhe des Bergkamms aus wie schütterer Wald ausgesehen hatte, das entpuppte sich aus der Nähe betrachtet als fast undurchdringlicher Dschungel. Ohne die Hilfe des Pack hätte er sich schon nach wenigen Augenblicken hoffnungslos verirrt oder wäre in einem dornigen Busch oder einem Gewirr aus Ranken und Wurzeln hängen geblieben.

Auch so bereitete es ihm immer größere Mühe, dem Pack zu folgen, denn sein haariger Führer vermochte sich mühelos durch Lücken und Geäst zu quetschen, für die Kim eine Machete gebraucht hätte. Tiefer und tiefer drangen sie auf diese Weise in den Wald ein.

Plötzlich blieb der Pack stehen, legte den Kopf auf die Seite, und noch bevor Kim richtig begriff, wie ihm geschah, wirbelte er herum, trat ihm die Füße unter dem Leib weg und warf sich auf ihn. Kims erschrockener Schrei wurde von einer haarigen Hand erstickt und natürlich nutzte der Pack die Gelegenheit, um ihn mit der anderen Hand so kräftig zu kneifen, dass ihm die Tränen in die Augen schössen. Kim wehrte sich mit aller Kraft, aber der Pack war viel zu stark für ihn. Das kleine Wesen entwickelte Kräfte, die er ihm niemals zugetraut hätte.

Erst als Kim schon glaubte, im nächsten Moment ersticken zu müssen, zog der Pack die Hand wieder zurück. Kim japste - und hielt sofort wieder erschrocken die Luft an.

Durch das Gebüsch drangen dumpfe Hufschläge und das Murmeln mehrerer Stimmen.

Kim stemmte sich umständlich hoch, kroch auf Händen und Knien ein Stück weit ins Gebüsch hinein und bog vorsichtig die Äste auseinander.

Sein Herz stockte, als er die Reiter auf der anderen Seite des Gebüsches sah.

Es waren fünf. Angeführt wurden sie von Kai, der mit finsterem Gesicht im Sattel hockte und das blankgezogene Schwert vor sich über den Knien liegen hatte. Seine vier Begleiter jedoch unterschieden sich so sehr von ihm, wie es nur ging. Keiner von ihnen war größer als Kai, aber Kim konnte weder ihr Alter noch ihre genaue Größe oder ihr Aussehen erkennen, denn sie trugen wuchtige Rüstungen aus schwerem Eisen, die ihren Körper von Kopf bis Fuß einhüllten. Im allerersten Moment glaubte Kim fast, den schwarzen Reitern aus Morgon gegenüberzustehen, aber dieser Gedanke hielt wirklich nur einen flüchtigen Blick stand. Die vier Reiter waren anders. Sie wirkten primitiver, wilder, auf eine schwer in Worte zu fassende Weise gefährlicher. Kim konnte nicht einmal sagen, warum.

»Er muss hier irgendwo sein!«, sagte Kai wütend. »Verdammt, er kann sich doch nicht einfach in Luft aufgelöst haben!«

Kim erstarrte, als Kai in seine Richtung sah und sich sein Blick für einen Moment direkt in seinen zu bohren schien. Auch der Pack wagte es nicht, sich zu rühren, aber Kim sah aus den Augenwinkeln, wie auf seinem Gesicht ein hasserfüllter Ausdruck erschien. Dann wanderte Kais Blick weiter und Kim atmete auf.

»Er muss hier irgendwo sein!«, sagte Kai noch einmal. »Sucht ihn! Er darf nicht entkommen! Aber denkt daran: Ich brauche ihn unversehrt!«

Kim hatte genug gesehen und gehört. Vorsichtig ließ er die Äste los, kroch wieder ein gutes Stück in seine Deckung zurück und sah sich mit klopfendem Herzen um. Er brauchte wirklich dringend ein Versteck. Seine Verfolger waren nur zu fünft, aber obwohl er die Gesichter der Reiter nicht gesehen hatte, spürte er doch, wie gefährlich sie waren. Sie hatten etwas von Bluthunden an sich - einmal auf eine Fährte gesetzt, würden sie so schnell nicht aufgeben.

Er sah den Pack an und erschrak erneut. Sein haariger Freund zitterte am ganzen Leib. Er hatte die Ohren zurückgelegt wie eine gereizte Katze und seine Augen waren dunkel vor Furcht. Wenn es noch eines Beweises für die Gefährlichkeit der Reiter in Schwarz bedurft hätte, dann wäre es der Anblick des Pack gewesen. Er hatte sogar vergessen die Gunst des Augenblicks zu nutzen und Kim kräftig zu kneifen oder ihm vor die Waden zu treten.

Als Kim sich zum dritten Mal in der Runde umsah, erhob sich ein Stück weiter hinter ihm ein dürres weißes Bein aus dem Gras und winkte ihm zu. Kim runzelte überrascht die Stirn, setzte sich aber unverzüglich in Bewegung und huschte geduckt und so leise wie möglich in die Richtung, in der er das Spinnenbein gesehen hatte. Nur Sekunden später stand er auch dem Rest der weißen Kreatur gegenüber und atmete erleichtert auf.

»Gott sei Dank. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie -«

»Still!«, zischte die Spinne. »Die Schwarze Garde ist noch in der Nähe! Die Burschen haben Ohren wie Fledermäuse!«

Kim warf einen raschen Blick in die Richtung, in der er auf Kai und seine unheimlichen Begleiter gestoßen war. Von den Reitern war nichts mehr zu hören. Aber dass er sie nicht hörte, bedeutete nicht, dass sie umgekehrt ihn nicht bemerkten. Als er weitersprach, senkte er die Stimme unwillkürlich zu einem Flüstern.

»Wir brauchen ein Versteck!«

»Was du nicht sagst«, sagte die Spinne. »Was glaubst du wohl, wieso ich hier bin? Wärst du nicht wie ein blindes Huhn stundenlang durch die Gegend gestolpert, dann wären wir längst in Sicherheit!«

»Soll das heißen, du hast ein Versteck gefunden?«

»Natürlich habe ich das«, antwortete die Spinne in eindeutig beleidigtem Ton. »Komm mit. Und keinen Laut!«

Nach einem letzten, sichernden Blick über die Schulter zurück folgte Kim der Spinne. Wenigstens versuchte er es, hatte aber alle Mühe, auch nur halbwegs mit ihr Schritt zu halten. Die Spinne bewegte sich auf ihren acht langen, dünnen Beinen so elegant und mühelos durch das hüfthohe Gras, dass Kim und der Pack sie mehr als einmal aus den Augen verloren und sie immer wieder stehen bleiben musste, damit sie wieder zu ihr aufschließen konnten.

Endlich erreichten sie wieder einen der riesigen abgebrochenen Äste. Er hatte die Dimensionen eines sechsstöckigen Hauses, das auf die Seite gefallen war, und seine Flanke war an zahlreichen Stellen durchbrochen.

Die Spinne blieb stehen und sah ihn forschend an. »Kannst du klettern?«

Kim wollte instinktiv nicken, zögerte dann aber. Er war nicht sicher, ob er unter dem Wort klettern dasselbe verstand wie ein Wesen, das ohne sonderliche Mühe kopfunter an der Decke entlang zu laufen imstande war ...

»Also nicht«, seufzte die Spinne, als er nicht antwortete. »Dann muss es eben anders gehen. Kommt!«

Sie lief nicht weiter geradeaus um einfach an der Wand aus halb vermodertem Holz entlang zu krabbeln, wie sie es ursprünglich vorgehabt haben mochte, sondern machte einen scharfen Knick nach links und verschwand nach wenigen Schritten in einer fast regelmäßig geformten Öffnung im Holz. Sie lag allerdings so hoch über dem Boden, dass Kim sie gerade mit dem ausgestreckten Arm erreichen konnte und nur mühsam und unter Aufbietung aller Kräfte in der Lage war sich hineinzuziehen.

Als er es getan hatte und sich umsah, verstand er den Sinn der Frage, ob er klettern konnte, schlagartig besser.