Das Innere des Astes war hohl, aber der Gang, in dem er sich befand, war keineswegs auf natürliche Weise entstanden. Die Wände waren geglättet und so sorgfältig poliert, dass sich Kims Gestalt verzerrt darauf spiegelte. In regelmäßigen Abständen zweigten weitere Türen von dem Gang ab, die in andere Räume führen mochten, und ganz am Ende des gekrümmten Tunnels entdeckte er sogar die ersten Stufen einer eng gewendelten Treppe. Er befand sich in einem Teil der alten Baumstadt. Das Volk, das auf dem Riesenbaum gelebt hatte, hatte seine Behausungen nicht nur auf, sondern auch in die gewaltigen Äste hineingebaut. Vor ihm musste ein ganzes Labyrinth von Räumen, Kammern, Treppenschächten und Sälen liegen; mehr als genug Platz, um eine ganze Armee zu verbergen.
Das Ganze hatte nur einen klitzekleinen Schönheitsfehler.
Es stand auf dem Kopf.
Der Ast hatte sich um hundertachtzig Grad gedreht, als er abgebrochen und zu Boden gestürzt war. Die Decke über seinem Kopf war in Wirklichkeit der Fußboden und umgekehrt ...
»Wenn du genug gegafft hast, können wir dann weitergehen?«, erkundigte sich die Spinne.
Kim ersparte sich eine Antwort, streckte den Arm aus um dem Pack hereinzuhelfen und verbiss sich einen Schmerzlaut, als der Pack die Gelegenheit nutzte, ihm kräftig den Daumen herumzudrehen.
Hintereinander drangen sie tiefer in das gewaltige Baumhaus ein. Kim überließ sich ganz der Führung der Spinne, warf aber im Vorbeigehen einen raschen Blick in den einen oder anderen Raum. Der Anblick war im Prinzip überall gleich: Chaos. Als der Ast abgestürzt war, hatte sich die gesamte Einrichtung von ihrem Platz gelöst und war auf die zum Fußboden gewordene Decke gestürzt. Zu seiner Erleichterung sah er nirgendwo Spuren der ehemaligen Bewohner der Baumstadt. Vielleicht hatten sie ja doch noch Gelegenheit gefunden, sich in Sicherheit zu bringen, bevor die Katastrophe geschah.
Sie gingen eine Treppe hinunter - was nichts anderes bedeutete, als dass Kim eine spiegelglatte gekrümmte Rutschbahn hinunterschlitterte, während sich über seinem Kopf hölzerne Stufen aneinander reihten - und durchquerten einen gewaltigen Saal, der wohl einmal eine Art Waffenkammer gewesen sein musste. Der Boden war fast knietief mit einem Gewirr aus verbeulten Rüstungen, Schwertern, Schilden, Äxten, Speeren und anderen Mordinstrumenten bedeckt. Selbst der Spinne fiel es schwer, auf ihren langen Beinen über dieses Chaos zu stelzen ohne sich zu verletzen. Wie es Kim gelungen war, den Saal zu durchqueren, ohne sich ein paar Finger abzuschneiden oder ein Auge auszustechen, konnte er hinterher selbst nicht sagen. Trotzdem folgten er und der Pack ihrer achtbeinigen Führerin ohne Klagen. Sie würde schon wissen, was sie tat.
Wenigstens hoffte Kim das.
Die Spinne führte sie zu einem kleinen Raum auf der gegenüberliegenden Seite des Saales. Der Eingang lag gut fünf oder sechs Meter hoch unter dem zur Decke gewordenen Fußboden, war aber trotzdem gut zu erreichen, weil zerbrochene Möbel und ineinander gekeilte Rüstungsteile eine Art natürlicher Leiter bildeten, über die sie hinaufklettern konnten.
Die Kammer selbst war nicht besonders groß, aber praktisch leer, sodass Kim es sich auf dem Boden bequem machen konnte, während sie auf den Pack warteten. Das Gesicht des spitzohrigen Kobolds erschien nach wenigen Sekunden über dem Eingang. Er klammerte sich mit der linken Hand fest, streckte Kim die andere entgegen und sah ihn so herzzerreißend an, dass Kim um ein Haar geglaubt hätte, dass er nicht mehr die Kraft hätte sich hereinzuziehen. Alles, was ihn letztendlich davon abhielt, war sein schmerzender Daumen.
Der Pack stieß ein jämmerliches Piepsen aus. Kim schüttelte den Kopf, zeigte ihm einen Vogel und wandte sich an die Spinne.
»Bist du sicher, dass sie uns hier nicht finden?«, fragte er.
»Sicher ist gar nichts«, antwortete die Spinne. Kim sah aus den Augenwinkeln, wie sich der Pack ohne die geringste Mühe über die Türschwelle schwang und sich in der entferntesten Ecke zusammenkauerte um ihn und die Spinne abwechselnd mit feindseligen Blicken regelrecht aufzuspießen. »Man darf die Schwarze Garde nicht unterschätzen. Es heißt, dass ihnen noch niemand entkommen ist.«
Es war das zweite Mal, dass die Spinne diesen Begriff benutzte. Kim schauderte allein bei der Erinnerung an die unheimlichen, ganz in schwarzes Eisen gehüllten Gestalten. »Die Schwarze Garde ... wer sind sie?«
»Die Leibwache des Magiers der Zwei Berge«, antwortete die Spinne. »Wenn du wissen willst, was sie sind, dann musst du sie schon fragen. Niemand hat je einen Blick hinter ihre Visiere getan ... wenigstens niemand, der hinterher lange genug gelebt hätte um davon zu berichten.«
»Die Leibwache?«
»Anscheinend hat er sie an Kai ausgeliehen«, vermutete die Spinne. »Er ist sich wohl seiner eigenen Leute nicht mehr ganz sicher. Nach deinem kleinen Kunststück mit dem Skull wundert mich das überhaupt nicht mehr.«
Eine gute Sekunde verging, ehe Kim überhaupt begriff, was die Spinne gerade gesagt hatte. »Du weißt davon?«
»Natürlich weiß ich davon«, antwortete die Spinne.
»Ihr wart also die ganze Zeit über in unserer Nähe«, sagte Kim.
»Klar. Hast du gedacht, wir lassen dich allein?« Die Spinne lachte. »Du konntest mal wieder nicht die Zeit abwarten. Deine Flucht war eigentlich erst für morgen oder übermorgen geplant. Andererseits, jetzt, wo die Schwarze Garde hier ist...«
»Meine Flucht war geplant?«, vergewisserte sich Kim. »Von wem?«
»Na von uns!«, antwortete die Spinne. »Wir haben nur noch auf diese pickelige Pusteblume gewartet.«
»Du meinst Sturm?«
»Meinetwegen auch das«, sagte die Spinne. »Er will in ein paar Tagen zu uns stoßen.«
Kim war nicht ganz sicher, ob er wütend werden oder sich freuen sollte. Natürlich war es ein gutes Gefühl zu wissen, dass seine Freunde ihn nicht im Stich gelassen hatten. Andererseits mochte er es gar nicht, wenn über seinen Kopf hinweg über ihn entschieden wurde. Der Gedanke machte ihn regelrecht wütend. Er hatte beinahe Lust -
Plötzlich begriff er, dass er jetzt kaum noch anders dachte als Kai und seine Krieger. Er schämte sich seiner eigenen Gedanken, war zugleich aber auch zutiefst beunruhigt. So leicht war es also, die Seiten zu wechseln, ohne es eigentlich selbst zu merken...
»Wir bleiben am besten hier, bis es dunkel wird«, fuhr die Spinne fort. »Irgendwann werden sie schon aufgeben, nach dir zu suchen ... vorausgesetzt, dass uns mein knurrender Magen nicht verrät.« Sie seufzte, wartete einen Moment vergeblich darauf, dass Kim etwas dazu sagte, und fuhr dann in beiläufigem Ton fort: »Wo ist eigentlich deine entzückende kleine Freundin, die Elfe?«
Kim antwortete auch darauf nicht, grinste aber breit und die Miene der Spinne verfinsterte sich zusehends. »Was ist daran eigentlich so komisch, wenn jemand unter deinen Augen verhungert?«, erkundigte sie sich.
Bevor Kim antworten konnte, stieß der Pack ein warnendes Meckern aus und sie eilten alle geduckt zum Eingang. Kim hielt erschrocken den Atem an, als er die in Wildleder und helles Leinen gekleidete Gestalt sah, die den Saal betreten hatte. Offensichtlich hatte Kai doch ein paar junge Krieger gefunden, die bereit waren seinen Befehlen zu folgen.
Der Pack schob kampflustig den Unterkiefer vor und ballte die Fäuste, aber Kim schüttelte rasch den Kopf. »Nicht!«, sagte er warnend. »Vielleicht bemerkt er uns ja gar nicht!«
»Wenigstens dann nicht, wenn ihr beiden die Klappe haltet«, zischte die Spinne. »Die Schwarze Garde ist in der Nähe! Ich kann sie spüren!«
Kim duckte sich noch ein wenig tiefer und betrachtete die einsame Gestalt in der Halle. Der Junge, der ein Stück größer war als er und kurz geschnittenes schwarzes Haar hatte, fühlte sich sichtbar unwohl in seiner Haut. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, langsam durch den Saal zu gehen und hinter jedes Versteck zu spähen, das auch nur annähernd groß genug gewesen wäre einen Menschen zu verbergen.