»Nur zu!«, sagte er. »Aber beeil dich! Wir haben schon genug Zeit verloren.«
Die Spinne verschwand auf wirbelnden Beinen und Kai wandte sich mit einem hämischen Grinsen an Kim. »Zehn zu eins, dass sie die Gelegenheit nutzt um wegzulaufen«, sagte er.
»Verloren, Blödmann!«, keifte die Spinne von draußen. »Der Tag, an dem ich feige weglaufe, ist noch nicht gekommen!«
Nur einen Augenblick später kam sie wieder und legte Kim ein zweischneidiges Schwert mit einem kunstvoll geschmiedeten Griff vor die Füße. Kim bückte sich danach und sah der Spinne aus unmittelbarer Nähe in die Augen.
»Bist du verrückt geworden?«, flüsterte er. »Ich kann doch nicht -«
»Halt die Klappe!«, zischte die Spinne. »Ich weiß, was ich tue.« Viel lauter und in keifendem Ton fügte sie hinzu: »Was soll das heißen, es gefällt dir nicht? Stellst du jetzt auch noch Ansprüche?« Gleichzeitig blinzelte sie Kim mit drei oder vier Augen zu.
Kim hatte zwar keine Ahnung, was das alles sollte, spielte aber wenigstens für den Moment mit. »Es ist zu schwer!«, sagte er laut. »Ich brauche eine leichtere Waffe, nicht so ein plumpes Stück Eisen.«
Kai setzte dazu an, etwas zu sagen, aber die Spinne war bereits wieder herumgewirbelt und sauste an ihm vorbei. Nur einen Moment später kam sie zurück, diesmal mit gleich zwei Schwertern beladen.
»Die gefallen dir auch nicht«, flüsterte sie.
»Was soll ich denn mit diesem Schrott?«, fragte Kim laut. »Ich dachte, das da draußen wäre eine Waffenkammer, keine Müllkippe!«
»Es reicht«, sagte Kai ärgerlich. »Ihr wollt nur Zeit gewinnen, aber das nutzt euch nichts. Niemand wird euch zu Hilfe kommen.«
»Noch einen Versuch«, sagte die Spinne, während sie bereits losraste. »Ich werde schon etwas finden, was unserem hochwohlgeborenen Herrn Superhelden passt!«
Während sie draußen lautstark herumsuchte, wandte sich Kai kopfschüttelnd an Kim. »Ich bestehe nicht auf diesem Kampf«, sagte er. »Und es ist keine Schande, nicht gegen eine fünffache Übermacht antreten zu wollen.«
»Nur keine falsche Hektik!« Die Spinne kam ächzend zurück. Diesmal schleppte sie gleich vier Schwerter mit sich, unter deren Last sie sichtbar wankte. »Diesmal wird sicher etwas Passendes dabei sein.«
Sie lud die Waffen scheppernd und klirrend vor Kim ab. »Such dir eins aus«, flüsterte sie.
»Das ist albern«, sagte Kai.
»Hast du vielleicht Angst, wir könnten gewinnen?«, keifte die Spinne. Während Kim zögernd nach einem der Schwerter griff, drehte sie sich wieder vollends zu Kai herum und blinzelte zu ihm hoch. »Wir sind uns einig? Ihr lasst uns gehen, wenn ihr den Kampf verliert?«
Kai hatte mittlerweile Mühe, nicht vor Lachen laut herauszuplatzen. »Mein Wort darauf«, sagte er. Dann wandte er sich an Kim. Das Lachen verschwand wie weggeblasen von seinem Gesicht. Er zog sein Schwert. »Also? Machen wir es kurz.«
»Aber nicht unbedingt schmerzlos«, kicherte die Spinne.
Im nächsten Moment zweifelte Kim ernsthaft an seinem Verstand, denn was er sah, das war ganz und gar unglaublich.
Die Spinne richtete sich auf die beiden hinteren Beine auf, wodurch sie nun annähernd so groß wie Kai wurde. Mit den übrigen sechs Gliedmaßen griff sie nach jeweils einem Schwert und ließ die Klingen prüfend durch die Luft zischen. Kai ächzte. »Aber das ist -«
»Genau das, was wir abgesprochen haben«, fiel ihm die Spinne ins Wort. »Ein fairer Kampf, wir gegen euch. Zusammengenommen habt ihr genauso viele Arme wie wir. Und viel mehr Beine. Attacke!«
Sie sprang vor. Die sechs Schwerter in ihren Armen verwandelten sich in flirrende Schemen, die sich so schnell bewegten, dass das Auge ihnen kaum noch zu folgen vermochte.
»En garde!«, brüllte die Spinne. Metall kreischte. Funken stoßen auf, als sie die Schwarze Garde angriff und ihre Schwerter auf vier Rüstungen gleichzeitig prallten. Kai blickte verblüfft auf seine plötzlich leeren Hände, als sein Schwert davonflog, und einer der schwarzen Krieger wurde von den Füßen gerissen und verschwand kopfüber aus der Tür.
Endlich erwachte auch Kim aus seiner Erstarrung. Während die Spinne so schnell hin und her sprang, dass sie beinahe selbst zu einem Schemen zu werden schien, und die drei verbliebenen Krieger nach Strich und Faden verdrosch, sprang er auf Kai zu, trieb ihn mit dem Schwert vor sich her und setzte die Klinge schließlich an seine Kehle, als der junge Steppenreiter mit dem Rücken gegen die Wand stieß und es nichts mehr gab, wohin er fliehen konnte.
»Tja, so schnell wendet sich das Blatt manchmal«, sagte er fröhlich.
Kai starrte ihn trotzig an. »Was willst du?«
»Nur dein Wort«, sagte Kim. »Ruf deine Krieger zurück und lass uns gehen, dann passiert dir nichts.«
Kai riss die Augen auf. »Ich soll meine Krieger zurückrufen? Warum siehst du dich nicht erst einmal um?«
Kim tat, was Kai verlangte, und verstand dessen ungläubigen Ton plötzlich besser. Die drei übrig gebliebenen Krieger hatten nicht die geringste Chance gegen die Spinne. Sie schien sich nicht einmal besonders anzustrengen und hatte sogar noch Luft, ein aufreizendes Lied zu pfeifen, während sie die schwarzen Rüstungen ihrer Gegner methodisch zu Schrott schlug. Keiner der Schwerthiebe vermochte die massiven Eisenplatten zu durchschlagen, aber Kim konnte sich lebhaft vorstellen, wie sich die Krieger im Inneren ihrer Rüstungen fühlten. Ihnen mussten im wahrsten Sinne des Wortes die Ohren klingeln. Und nicht nur das ...
»Also gut«, sagte er. »Ich verlange einen Tag Vorsprung.«
»Und wenn nicht?«, fragte Kai trotzig. »Bringst du mich dann um? Das glaube ich nicht.«
Damit hatte er sogar Recht. Obwohl er gegen die Wand gelehnt dastand und Kim eine Waffe gegen seine Kehle drückte, kam er sich für einen Moment regelrecht hilflos vor. Dann aber verstärkte er den Druck der Klinge ein wenig. Kai wurde noch blasser und Kim fuhr in grimmigentschlossenem Ton fort: »Vielleicht tue ich dir nichts. Aber ich könnte einfach gehen und dich ihr überlassen.«
»Riposte!«, brüllte die Spinne. Etwas schepperte und ein weiterer Gardist flog in hohem Bogen aus der Tür. Auf die beiden anderen prasselten umso heftigere Schwerthiebe herab.
»Also gut«, sagte Kai gepresst. »Ich gebe euch Vorsprung bis zum nächsten Sonnenuntergang. Keine Sekunde länger. Aber es ist vollkommen zwecklos. Es spielt keine Rolle, in welche Richtung ihr flieht. Wir sind schon überall.«
»Dann braucht ihr uns ja auch nicht zu verfolgen«, sagte Kim. »Parade!«, keifte die Spinne. Der vorletzte Krieger verließ unfreiwillig die Kammer und der als Letzter zurückgebliebene duckte sich verzweifelt unter den jetzt sechs Klingen, die in immer rascherer Folge auf ihn niederfuhren.
»Ich habe dein Wort?«, vergewisserte sich Kim.
Kais Augen sprühten Feuer, aber in diesem Moment schrie die Spinne: »Pas de deux!«, und einen Augenblick später folgte ein gewaltiges Scheppern und Poltern.
»Also gut, meinetwegen«, sagte Kai hastig. »Ja. Du hast mein Wort. Mein Ehrenwort. Wir werden bis morgen Abend oben auf dem Hügel lagern. Niemand wird euch verfolgen.«
»Sein Ehrenwort, pah!« Die Spinne kam näher. Sie jonglierte mit ihrem halben Dutzend Schwertern und maß Kai mit abschätzenden und alles andere als freundlichen Blicken. »Was das wohl wert sein mag!«
Kim machte eine abwehrende Geste. »Ich glaube ihm«, sagte er. Er wusste selbst nicht genau, warum, aber er war tatsächlich davon überzeugt, dass Kai sein Wort halten würde. Zumal er vermutlich Recht hatte. Es gab im Grunde nichts, wohin sie noch fliehen konnten. Der Kampf der Alten gegen die Jungen hatte längst von ganz Märchenmond Besitz ergriffen.
Mit einer entschlossenen Bewegung stieß er das Schwert in die leere Scheide an seinem Gürtel und trat einen Schritt zurück. »Gehen wir.«