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Kai und seine Krieger hatten ihnen noch ein weiteres (wenn auch sicher unfreiwilliges) Geschenk dagelassen: fünf aufgezäumte, mit prall gefüllten Satteltaschen ausgestattete Pferde, die am Eingang des hölzernen Labyrinths festgebunden waren. Zu seiner großen Freude entdeckte er am Sattelzeug eines der Pferde sogar Turocks Zauberbogen.

Im Grunde hatte er nur für ein einziges Pferd Verwendung. Trotzdem lud er alle Vorräte auf zwei weitere Tiere und band ihre Zügel zusammen; die beiden verbliebenen jagte er davon. Auf diese Weise würden sie in den nächsten Tagen wenigstens keine Zeit damit verlieren, nach Nahrung zu suchen.

Sie brachen sofort auf. Der Pack verschwand wie üblich im hohen Gras, blieb aber in der Nähe. Manchmal hörte Kim ihn rascheln und dann und wann tauchte ein spitzes Ohr oder ein Haarkamm über dem Gras auf. Auch die Spinne kletterte auf den nächst erreichbaren Baum und war dann zwischen den Blättern verschwunden. Trotzdem war Kim sicher, dass auch sie in der Nähe blieb.

Er ritt bis tief in die Nacht hinein, nicht nur um einen möglichst großen Abstand zwischen sich und Kais Heer zu legen. Seine Umgebung wurde ihm in zunehmendem Maße unheimlich. Jetzt, wo er wusste, wo er war, schienen ihn die Bilder der Zerstörung auf Schritt und Tritt regelrecht anzuspringen. Nirgendwo während seiner langen Reise durch Märchenmond war ihm die Verheerung so deutlich vor Augen geführt worden wie hier. Nicht einmal das fast verlassene Gorywynn hatte ihn mit einem solchen Schrecken erfüllt wie dieser schweigende, zerbrochene Wald. Der Gedanke inmitten der Trümmer einer ganzen Zivilisation zu übernachten, war ihm fast unerträglich. Er hielt erst an, als er Gefahr lief schlichtweg im Sattel einzuschlafen und die Pferde immer öfter aus dem Tritt kamen und strauchelten.

Trotz seiner Müdigkeit entzündete er ein Feuer und bereitete sich mit den erbeuteten Vorräten ein einfaches Abendmahl. Er war nicht hungrig, sondern musste im Gegenteil jeden Bissen mühsam hinunterwürgen. Trotzdem zwang er sich dazu, ausgiebig zu essen. Morgen war mit Sicherheit ein anstrengender Tag. Er hatte vor mit den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne loszureiten und nach Möglichkeit bis tief in die Nacht hinein nicht Halt zu machen; wenn er und die Pferde es durchhielten, vielleicht sogar erst am darauf folgenden Morgen. Kai würde eine gnadenlose Jagd auf ihn veranstalten lassen, sobald seine Frist abgelaufen war. Jeder Meter, den er in dieser Zeit zurückbrachte, zählte.

»Das klingt logisch«, meinte die Spinne in nörgeligem Ton, nachdem er ihr sein Vorhaben erklärt hatte. Nachdem er sein Lager aufgeschlagen und das Feuer entzündet hatte, waren sie und der Pack wieder zu ihm gestoßen. Der Pack hatte sich ganz am Rande des Lichtkreises zusammengerollt und schnarchte, dass die Bäume wackelten, aber die Spinne war näher gekrochen und genoss sichtlich die Wärme des halb heruntergebrannten Feuers. Sie hatte die Beine unter den Körper geschoben und stieß von Zeit zu Zeit ein wohliges Schnurren aus; wie eine große, zufriedene Katze. Und tatsächlich hatte Kim sich ein- oder zweimal dabei ertappt, die Hand auszustrecken und ihr seidiges Fell streicheln zu wollen. Aber es gab Grenzen. Immerhin war es eine Spinne.

Wenn auch eine recht hübsche.

»Und was willst du mit all diesen gutgemachten Metern anfangen, wenn du sie hast? Ich meine: Gerne gebe ich diesem Angeber Kai ja nicht Recht, aber ich fürchte, er sagt die Wahrheit. Sie sind schon überall.«

»Ich weiß«, seufzte Kim. Er hob einen Stock auf und warf ihn ins Feuer. Ein wirbelnder Funkenschauer stob auf und verbreitete für Augenblicke tanzende Helligkeit, nach der sich die Nacht mit noch tieferer Dunkelheit über das Lager zu senken schien. »Ich habe darüber nachgedacht, weißt du? Ich glaube, es gibt noch eine Möglichkeit. Wir müssen die Magie nach Märchenmond zurückbringen. Wenn Kais Krieger sehen, dass sich das Land erholt, sobald der Zauber zurück ist, dann werden sie Vernunft annehmen.«

»Kais Krieger und Vernunft annehmen!«, spottete die Spinne. »Eher heirate ich eine Elfe.«

»Nur über meine Leiche!«, piepste es ängstlich aus Kims Hemdtasche.

»Darüber lässt sich reden«, meinte die Spinne. »Habe ich dir eigentlich schon von unseren Hochzeitsbräuchen erzählt?«

»Das musst du auch nicht«, sagte Kim hastig. »Ich weiß, was Spinnen nach der Hochzeitsnacht mit ihrem Bräutigam tun.«

»Ach?«, fragte Twix. »Und was?«

»Das willst du nicht wissen«, behauptete Kim. Er wandte sich wieder an die Spinne. »Außerdem täuschst du dich. Ich war lange genug bei Kais Heer. Sie wollen nicht wirklich Krieg, glaube mir. Ein Wort von mir hätte genügt und sie hätten sich gegen Kai erhoben und wären mir gefolgt.«

»Deshalb hat er also die Schwarze Garde gerufen«, sagte die Spinne. »Aber warum hast du es nicht getan?«

»Wozu?«, fragte Kim. »Was wäre damit gewonnen?«

»Du hättest ihnen einfach befehlen können die Waffen niederzulegen.«

Kim schüttelte traurig den Kopf. »Es tut mir Leid, aber in diesem Punkt muss ich dir widersprechen. Ich kenne die Menschen besser als du. Ein Frieden, der ihnen aufgezwungen wird, hält nicht lange. Du kannst einem Menschen nicht befehlen, seinen Nachbarn zu lieben. Freundschaft bekommt man geschenkt oder gar nicht.«

»Und was willst du also tun?«, erkundigte sich die Spinne.

»Wie bereits gesagt: Wir müssen die Magie des Landes wieder beleben.«

»Prima Idee«, sagte die Spinne. »Und sie wäre sogar noch besser, wenn Sturm nicht die Zauberkugel verloren hätte. Du kannst schwerlich etwas zurückbringen, was nicht mehr da ist.«

»Stimmt nicht«, antwortete Kim. »Es gibt noch Zauberkraft auf Märchenmond. Wir müssen zu den Zwergen.«

Die Spinne fuhr erschrocken zusammen. Der Pack richtete sich mit einem Ruck auf und starrte ihn an und selbst die Elfe steckte ihr kreidebleiches Gesicht aus seiner Tasche.

»Habe ich ... etwas Falsches gesagt?«, fragte Kim zögernd.

»Die Zwerge?«, vergewisserte sich die Spinne.

»Ja«, bestätigte Kim. »Wieso bin ich eigentlich der Einzige, der auf die Idee gekommen ist? Eigentlich ist es doch ganz klar. Erinnert euch, was ich über die Zwerge in der Kanalisation erzählt habe! Sie haben die magischen Runen aus dem Stein gebrochen. Wozu wohl, wenn nicht um sich ihre Zauberkraft zu sichern?«

»Du hast es erfasst«, sagte die Spinne. »Sie stehlen überall auf der Welt magische Artefakte. Schon seit langer Zeit.«

»Umso größer muss die Zauberkraft sein, die sie in ihrem Reich bereits angehäuft haben«, sagte Kim. »Mit ihrer Hilfe kann Themistokles vielleicht seine alte Macht zurückerlangen!«

»Zweifellos«, antwortete die Spinne. »Doch was bringt dich auf die Idee, dass sie uns helfen wollen?«

»Warum sollten sie das nicht tun?«

»Zwerge sind ein eigenbrötlerisches Völkchen«, sagte die Spinne. »Niemand mag sie und sie mögen niemanden. Sie leben in ihrem finsteren Reich tief unter der Erde oder in den unwegsamen Bergen im Osten und sie kommen nur in die Welt der Menschen um einen Streit anzuzetteln oder etwas zu stehlen. Unser Schicksal kümmert sie nicht.«

»Dann werde ich zu ihnen gehen und sie um Hilfe bitten«, sagte Kim.

»Du?!« Die Spinne lachte leise. »Prima Idee.«

»Was ist daran so komisch?«, wollte Kim wissen. »Ich kenne den Weg. Ich war schon einmal dort.«

»Ich weiß«, antwortete die Spinne. »Das ist ja gerade das Problem.«

»Was soll das heißen?«

»Du bist den Zwergen nicht gerade in guter Erinnerung geblieben«, belehrte ihn die Spinne. »Um nicht zu sagen: Sie hassen dich. Du kannst von Glück sagen, dass die Zwerge in den Katakomben von Gorywynn nicht gewusst haben, wer du bist. Sonst hätten sie ihre Spitzhacken und Hämmer nicht nur benutzt um ein paar Runensteine aus der Wand zu brechen.«

»Aber ... aber warum denn?«, murmelte Kim verständnislos. »Das solltest du besser wissen als wir«, antwortete die Spinne. »Nach deinem letzten Besuch bei den Zwergen ging ihr Reich unter. Sie sind nur noch ein Schatten dessen, was sie einmal waren. Du hast die Zukunft der Menschen hier gerettet, aber der Preis dafür war die Zukunft der Zwerge. Man bekommt eben nichts geschenkt.«