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»Aber das kann doch nicht sein«, murmelte Kim.

»Glaube es lieber«, piepste Twix. »Sie sagt die Wahrheit. Die Zwerge hassen dich so sehr, wie dich die Menschen in diesem Teil des Landes bewundern. Sie würden dich ohne zu zögern töten.«

»Sie würden dich sogar in der Luft zerreißen«, bestätigte die Spinne. In leicht wehleidigem Ton fügte sie hinzu: »Wahrscheinlich bliebe rein gar nichts von dir übrig.«

»Ich muss es trotzdem versuchen«, beharrte Kim. »Wenn der einzigste Weg Märchenmond zu retten, darin besteht, mein Leben zu riskieren, dann habe ich keine Wahl.«

»Was bist du?«, erkundigte sich die Spinne gereizt. »Besonders dumm, besonders tapfer oder beides? Nun, falls dir das hier nicht klar sein sollte: Wenn du in dieser Welt dein Leben verlierst, dann könntest du auch in der, aus der du kommst, ziemlich tot sein.«

»Ich weiß«, murmelte Kim. Die Spinne sagte ihm nichts Neues. Märchenmond mochte ein Reich der Fantasie sein, eine Welt, die nur er ganz allein kraft seiner Einbildung erschaffen hatte. Aber er war hier längst kein Gott und schon gar nicht unsterblich. Die Regeln, die er selbst aufgestellt hatte, galten auch für ihn, und die Gefahren, die ihm hier drohten, waren durchaus real.

»Trotzdem!«

»Was für eine Verschwendung«, maulte die Spinne. »Wenn du unbedingt Selbstmord begehen willst, dann mache ich dir einen Vorschlag: Ich fresse dich auf. Dann hast du deinen Willen und ich bekomme endlich mal wieder etwas in den Magen.«

Kim würdigte sie nicht einmal einer Antwort, sondern warf ein wenig Erde in das Feuer um es zu löschen, drehte sich auf die Seite und schlief auf der Stelle ein.

Ganz wie er es vorgehabt hatte, ritt er mit dem ersten Licht des neuen Tages weiter. Eines der Packpferde lahmte, sodass er sich schweren Herzens von einem Teil seines Proviants trennte und das Tier laufen ließ. Aber auch mit nur einem Pferd am Zügel kam er nicht annähernd so rasch voran, wie er es sich erhofft hatte, sodass er gegen Mittag Halt machte, das Allernötigste an Vorräten in die Packtaschen seines eigenen Pferdes umlud und auch dem zweiten Tier die Freiheit gab. Nun hatte er allerhöchstens noch Nahrung für zwei oder drei Tage. Schlimmstenfalls würde er sich darauf verlassen müssen, dass ihn der Pack wieder mit Beeren und Obst versorgte.

Kim war bei seinem Entschluss geblieben, zu den Zwergen zu gehen. Er nahm die Warnung der Spinne durchaus ernst, aber er wusste auch, dass ihm gar keine andere Wahl mehr blieb, als das Risiko einzugehen. Märchenmond ging unter. Alles, was diese Welt und ihre Bewohner noch retten konnte, war Magie. Und der einzige Ort, an dem es noch Magie gab, war das Reich der Zwerge. So einfach war das.

Sturm stieß an diesem Tag nicht zu ihnen, wie die Spinne es vorhergesagt hatte, und auch nicht am nächsten und am übernächsten. Kim gab die Hoffnung schließlich auf, den sommersprossigen Jungen zu treffen. Vermutlich hatten sie sich verfehlt.

Er ritt beharrlich weiter nach Osten. Am Morgen des vierten Tages tauchten die Schattenberge als verschwommene Silhouette am Horizont vor ihnen auf und er ritt weiter in diese Richtung, Stunde um Stunde, Tag um Tag. Die Landschaft ringsum wurde zunehmend karger und lebensfeindlicher, aber Kim wich keinen Schritt von seinem einmal eingeschlagenen Weg ab: zu den Schattenbergen und damit ins Reich der Zwerge. Die Spinne versuchte noch zwei- oder dreimal ihn von seinem Vorhaben abzubringen und hüllte sich danach in beleidigtes Schweigen.

Nach einem Ritt von einer guten Woche erreichten sie den Fuß des Schattengebirges und Kim hielt an und stieg vom Pferd.

Schaudernd sah er sich um. Schon seit zwei Tagen waren sie durch eine graue Felswüste geritten, in der es nur noch wenige dornige Büsche und blasses Gras gab. Nun erstreckte sich ringsum eine regelrechte Mondlandschaft. Er sah nur grauen Fels und toten, sandigen Boden. Vor ihnen stieg die Strecke steil an und war zudem mit Geröll und scharfen Felsbrocken nur so übersät. Von hier an würde er zu Fuß weitergehen müssen.

Er löste Turocks Bogen vom Sattelgurt, stopfte sich die Taschen mit gesalzenem Fleisch und hartem Brot voll und nahm dem Pferd dann Sattel und Zaumzeug ab. »Lauf nach Hause«, sagte er. »Du hast mir treu gedient, aber jetzt wird es Zeit, dass du zu deinem Herrn zurückkehrst. Dort, wo ich hingehe, kannst du mir sowieso nicht folgen.«

Das Pferd sah ihn an, als hätte es seine Worte tatsächlich verstanden, wieherte noch einmal und trabte dann davon und Kim drehte sich zu Pack und der Spinne herum.

»Und das gilt auch für euch«, sagte er. »Ich weiß, dass ich ohne euch nie so weit gekommen wäre, aber von jetzt an ... sollte ich allein weitergehen.«

»Was für eine rührende Abschiedsszene«, sagte die Spinne. »Es bricht mir das Herz. Schnief!«

»Ich meine es ernst«, sagte Kim. »Ich gehe zu den Zwergen. Vielleicht töten sie mich ja wirklich. Es gibt keinen Grund, euch auch in Gefahr zu bringen.«

»Wenn dir etwas zustößt, dann sterbe ich doch sowieso«, sagte Twix.

»Ich weiß«, murmelte Kim. »Und ich wollte, es gäbe einen anderen Weg. Aber ich habe keine Wahl.«

»Jammer, schnief, heul!«, spöttelte die Spinne. »Das könnte dir so passen, wie? Am Ende braten sie dich am Spieß und ich gehe leer aus. Nix da! Ich komme mit!«

Kim war insgeheim froh über diese Entscheidung, sagte aber nichts, sondern wandte sich mit einem fragenden Blick an den Pack.

Der spitzohrige Kobold warf einen Stein nach ihm.

»Du kommst also mit«, stellte Kim fest. »Also gut. Aber wenn es gefährlich wird oder die Lage aussichtslos erscheint, dann bringt ihr euch in Sicherheit, das müsst ihr mir versprechen.«

»Klar«, sagte die Spinne. »Heiliges Ehrenwort.«

Kim tat so, als bemerke er gar nicht, dass sie dabei vier Beine hinter ihrem Rücken kreuzte.

»Dann wollen wir mal versuchen einen Eingang in die Zwergenhöhlen zu finden«, sagte Kim.

»Soll das heißen, du weißt nicht einmal genau, wo die Zwerge sind?«, fragte Twix.

»Nur keine Sorge«, unkte die Spinne. »Sie werden uns schon finden.«

Wie schon beim ersten Mal, als er das Schattengebirge überquert hatte, war Kims Zeitgefühl vollkommen durcheinander geraten - so wie übrigens auch alle seine anderen Sinne. So war es nun einmal mit diesen Bergen, die die Grenze des von Menschen bewohnten Teils Märchenmonds markierten: Sie waren bereits zum Teil ein Stück der Welt dahinter, der endlosen Sümpfe und Steinwüsten, die von der finsteren Festung Morgon überragt und von Zwergen, Lindwürmern und vielleicht noch anderen, unheimlicheren Geschöpfen bewohnt wurden. Und so wie diese Berge nicht mehr ganz zur Welt der Menschen gehörte, funktionierten auch menschliche Sinne hier nicht mehr zuverlässig. Kim wusste längst nicht mehr, in welche Richtung sie gingen oder wie lange sie schon unterwegs waren.

Er wusste nicht einmal mehr, ob sie überhaupt im richtigen Teil der Schattenberge suchten. Das Reich der Zwerge bestand aus einem gewaltigen Labyrinth unterirdischer Gänge, Stollen und miteinander verbundener Höhlen und er wusste, dass es zahllose Ein- und Ausgänge besaß. Aber das Schattengebirge war auch unvorstellbar groß. Zwischen den einzelnen Pforten mochten durchaus ganze Tagesmärsche liegen.

Weder die Spinne noch Twix hatten während der vergangenen Stunde auch nur ein einziges Wort gesprochen. Der Pack hielt sich ununterbrochen in ihrer Nähe auf und sogar in Sichtweite, was ungewöhnlich genug war.

Nicht zum ersten Mal, seit sie aufgebrochen waren, ließ sich Kim auf einen Felsen sinken um Atem zu schöpfen und sich zu orientieren. Beides gelang ihm nur teilweise. Die Luft schmeckte bitter nach Metall und ein ganz kleines bisschen nach Fäulnis, und wohin er auch blickte, sah er nichts außer grauem Fels, zwischen dem Nebel und ein farbenverschlingender grauer Dunst lastete. Aus dieser Höhe herab sollten sie eigentlich einen Ausblick über einen Großteil des Landes haben, vielleicht sogar hin bis zum Fluss und den Ruinen Caivallons, doch alles, was er sah, war eine unheimliche graue Ödnis. Sie waren in einen ewigen Nebel eingedrungen, der in Wahrheit gar kein Nebel zu sein schien, sondern ... etwas anderes. Kim wollte gar nicht genau wissen, was.