»Da ist etwas«, sagte Twix plötzlich. »Dort oben. Der Pack hat etwas entdeckt.«
»Kann man es essen?«, fragte die Spinne.
Kim blickte in die Richtung, in die Twix deutete. Der Pack war ein Stück vorausgeeilt und deutete nun heftig gestikulierend auf etwas, das er zwischen den Felsen entdeckt haben musste. Kim erhob sich rasch und kletterte zu ihm hinauf.
Was ihm nicht gelungen war, das hatte der Pack geschafft: Er hatte den Eingang zum Zwergenreich gefunden. Vor ihm befand sich eine gut anderthalb Meter hohe, mit Runen und verschlungenen Symbolen übersäte Steinplatte, die einen der für Zwerge typischen dreieckigen Durchgänge verschloss.
Kim betrachtete die Schriftzeichen misstrauisch. Er erkannte sie ganz ohne Zweifel als Zwergenrunen, konnte ihre Bedeutung aber nicht einmal erraten. Trotzdem bereitete ihm allein ihr Anblick Unbehagen. Sie schienen etwas Düsteres, fast Feindseliges auszustrahlen.
»Kann jemand lesen, was da steht?«, fragte er. Er erwartete nicht wirklich eine Antwort. Die Frage war nur Ausdruck seiner eigenen Unsicherheit gewesen.
Umso überraschter war er, als sich die Spinne an ihm vorbeidrängte. »Lass mal sehen!«
»Du kannst die Zwergensprache lesen?«, wunderte sich Kim. »Ein paar Brocken«, antwortete die Spinne. »Wir hatten ... dann und wann miteinander zu tun. Gelegentlich.«
»Wie viele von ihnen hast du gegessen?«, fragte Twix geradeheraus.
»Nicht viele«, knurrte die Spinne. »An den Burschen ist nichts dran. Nur Haut und Knochen. Außerdem sind sie zäh. Und jetzt lass mich lesen. Das ist eine sehr alte Schrift. Sehr schwierig.«
Sie schwiegen gehorsam, während die Spinne konzentriert auf die Runenschrift starrte und dann und wann eine der tief in den Fels gemeißelten Linien betastete, als könnte sie ihre Bedeutung auf diese Weise schneller erkennen. Auf diese Weise vergingen gut fünf Minuten.
»Nun?«, fragte Kim schließlich.
»Es ist sehr schwierig«, sagte die Spinne.
»Ich wusste, dass sie nur angibt«, sagte Twix.
»Ich sagte, schwierig, nicht unmöglich. Das meiste kann ich entziffern, wenigstens dem Sinn nach ...«
»Und was bedeutet es - sinngemäß?«, seufzte Kim, als die Spinne verstummte und auch keine Anstalten machte, von sich aus weiterzusprechen.
»Zwergengewäsch!«, antwortete die Spinne. »Sie sind ein Volk von Angebern und Aufschneidern.«
»Sind sie mit dir verwandt?«, fragte Twix.
»Es ist eine Warnung«, fuhr die Spinne ungerührt fort. »Wer hier eintritt und nicht zum Zwergenvolk gehört, dem wird Schreckliches widerfahren. Er wird in den Feuern der Hölle brennen und in die tiefen Schlünde der Unterwelt geschleudert werden und bla, bla, bla ... Wie schon gesagt: Zwergengeschwätz, das man nicht zu ernst nehmen darf.«
»Es klingt aber ernst«, sagte Kim. Er hatte genug Erfahrungen mit Zwergen gesammelt um zu wissen, dass man das Kleine Volk besser nicht unterschätzte. Die Zwerge mochten wirklich ein Volk von Angebern und Aufschneidern sein, aber sie vermochten mangelnde Körpergröße und Kraft leicht durch Verschlagenheit, Tücke und einem gehörigen Maß an Gemeinheit wieder wettzumachen.
»Das soll es ja schließlich auch«, meinte die Spinne. »Um leichtgläubige Dummköpfe wie dich abzuschrecken. Außerdem: Wer von uns wollte denn unbedingt hierher?« Sie bewegte unruhig den Hinterleib. »Nur das hier kann ich nicht lesen. Wieso warnt diese Inschrift vor einem Dach?«
»Einem Dach?«
»Steht hier«, sagte die Spinne. »Jedenfalls ... glaube ich es.«
»Wie beruhigend«, sagte Twix. »Kannst du die Tür nun aufmachen oder nicht?«
Die Spinne berührte eine bestimmte, besonders auffällige Rune. Ein scharfes Klicken erscholl, dann versank die gesamte Steinplatte rumpelnd im Boden. Kim sah, dass sie mindestens einen halben Meter dick war. Sie musste eine Tonne wiegen, wenn nicht mehr.
Dahinter kam eine finstere, allem Anschein nach jedoch vollkommen leere Höhle zum Vorschein. Kim zog sein Schwert, gab der Spinne einen Wink zurückzubleiben und trat geduckt durch den niedrigen Eingang.
Sein Herz klopfte. Ein unangenehmer, aber vertrauter Geruch schlug ihm entgegen: ein Gemisch aus feuchtem Stein, Moder und uralter verbrauchter Luft, das in allen Zwergenhöhlen vorherrschte. Ein sachter, silbergrauer Glanz lag in der Luft, in dem man überraschend weit, aber nicht sehr klar sehen konnte.
»Es ist alles in Ordnung«, sagte Kim. »Ihr könnt hereinkommen.«
»Also, das würde ich nicht so sagen«, sagte Twix. »Sieh mal nach unten...«
Kim gehorchte. Und das Blut gerann ihm schier in den Adern. Was ihm auf dem ersten - flüchtigen - Blick wie ein massiver Boden vorgekommen war, stellte sich bei genauerem Hinsehen als ein Gitterwerk aus geschmiedetem schwarzen Eisen heraus. Darunter, vielleicht zwei, drei Meter unter ihren Füßen, schimmerte eine ölige Flüssigkeit, von der ein leicht stechender Geruch ausging.
Kim ließ sich in die Hocke sinken und fuhr prüfend mit den Fingern über das Gitter. Es fühlte sich äußerst massiv an, aber als er die Hand wieder zurückzog, blieb flockiger Ruß an seinen Fingerspitzen kleben.
Trotzdem verging noch eine Sekunde, bis er den Geruch wirklich identifizierte.
Petroleum.
Die Grube, die unter ihnen lag, war mit Petroleum gefüllt.
»Twix hat Recht«, sagte er hastig. »Hier stimmt etwas nicht! Bleibt draußen!«
Doch es war zu spät. Noch während er sprach, hatten der Pack und die Spinne die Höhle betreten, und kaum hatten sie es getan, da senkte sich mit einem Knall ein massives Eisengitter vor den Eingang. Sofort fuhren der Pack und die Spinne herum und zerrten und rüttelten mit vereinten Kräften daran, aber das Gitter rührte sich nicht einen Millimeter, Es zitterte nicht einmal.
»Na wunderbar!«, nörgelte die Spinne. »Ihr könnt kommen. Es ist alles in Ordnung! Toll! Ein wirklich guter Rat!«
»Still!« Kim hob warnend die Hand. »Hört ihr nichts?«
Die Spinne verstummte tatsächlich und es wurde still.
Aber nicht vollkommen.
Ein ganz leises Zischen war zu hören - und noch bevor Kim auch nur darüber nachdenken konnte, was dieser Laut wohl bedeuten mochte, glomm unter ihren Füßen ein winziger greller Funke auf.
Dann schien die ganze Welt rings um sie herum zu explodieren.
Das Petroleum unter ihren Füßen fing mit einem einzigen, gewaltigen Schlag Feuer. Eine Woge intensiver Hitze raste zu ihnen herauf, ließ sie alle vor Schmerz und Schrecken aufschreien und raubte ihnen zugleich den Atem. Die Hitzewelle raste so schnell an ihnen vorbei, wie sie gekommen war, aber Kim taumelte trotzdem und wäre um ein Haar gestürzt. Von einer Sekunde auf die andere hatte sich der Raum in einen Vorhof der Hölle verwandelt. Rotes, zuckendes Flammenlicht durchstieß die Luft wie Millionen spitzer Speere. Twix, die Spinne und der Pack schrien in Panik durcheinander und obwohl die Hitze jetzt nicht mehr so schlimm war wie im ersten Moment, begann das Eisen unter ihren Füßen bereits unangenehm warm zu werden. Bald würde es heiß werden. Und kurz darauf wurden sie wahrscheinlich bei lebendigem Leibe gegrillt.
»Nichts wie weg hier!«, schrie er. »Lauft!«
Sie stürmten los, aber im Grunde hätte er sich denken können, dass es nicht so einfach war. Sie kamen nicht einmal ein Dutzend Schritte weit, bis sie gegen ein weiteres Gitter prallten, das sich auch vor ihnen aus der Decke gesenkt hatte.