Sie waren gefangen. Und die Gitterstäbe unter ihren Füßen wurden immer heißer. Kim wurde noch ein wenig durch seine Stiefel geschützt, aber der Pack und besonders die Spinne hüpften bereits von einem Fuß auf den anderen.
Kim ergriff die Elfe, ignorierte ihr protestierendes Zappeln und schob sie kurzerhand durch die Gitterstäbe. »Bring dich in Sicherheit!«, stieß er keuchend und hustend hervor.
»Ich lasse dich nicht -«, begann Twix, aber die Spinne schnitt ihr herrisch das Wort ab.
»Verschwinde gefälligst! Gegrillt schmeckst du nicht.«
»Und ihr?!«
»Ich lasse mir schon etwas einfallen«, antwortete die Spinne. Sie begann unverzüglich an dem Gitter nach oben zu klettern, hatte aber unerwartet viel Mühe damit. Als Kim ebenfalls nach den Gitterstäben griff, verstand er auch, warum. Das Eisen war mit irgendetwas eingerieben, was es so glitschig wie Schmierseife machte. Für den Pack und ihn musste es vollkommen unmöglich sein, daran emporzuklettern.
Das Gitter unter ihnen wurde heißer.
Hastig warf er den Kopf in den Nacken. Die Spinne hatte das obere Ende der Barriere erreicht und rannte kopfunter an der Decke entlang, wobei sie einen langen, glitzernden Faden hinter sich herzog. Rasch befestigte sie ihn an einem Felszacken, der aus der Decke wuchs, rannte den Weg zurück und spann dabei einen weiteren Faden. Und noch einen. Und noch einen. Sie baute ein Netz, und das in einer Geschwindigkeit, die Kim noch einen Moment zuvor für unmöglich gehalten hätte.
Trotzdem war Kim bis zuletzt nicht sicher, ob sie auch schnell genug sein würde. Die Hitze, die aus dem brennenden Petroleumbecken emporstieg, war unerträglich geworden und das Eisen unter seinen Füßen so heiß, dass er trotz der dicken Stiefelsohlen vor Schmerz stöhnte. Der Pack wimmerte vor Pein. Das Wesen mochte unsterblich sein, wie Themistokles behauptet hatte, aber es war keineswegs immun gegen Schmerz. Und die Hitze stieg weiter.
Etliche Sekunden nach dem Moment, an dem Kim davon überzeugt war, es einfach nicht mehr ertragen zu können, senkte sich eine dünne weiße Seilschlinge von der Decke, wickelte sich zielsicher um seine Hüfte und zog sich dann mit einem Ruck zusammen. Kim wurde rasch nach oben gezerrt und konnte endlich wieder atmen.
Die Spinne zerrte ihn weiter in die Höhe, bis er das improvisierte Netz erreicht hatte und sich mit beiden Händen daran festklammerte. Dann produzierte sie einen weiteren Faden um auch den Pack in die Höhe zu ziehen.
Kim atmete mit tiefen, gierigen Zügen ein und aus. Die Luft hier oben wäre ihm unter normalen Umständen als unerträglich vorgekommen; jetzt schien sie das Köstlichste zu sein, was jemals seine Lungen erreicht hatte. Minutenlang lag er einfach nur da, hielt sich mit beiden Händen an den klebrigen Fäden fest und tat nichts anderes als einfach ein- und auszuatmen. Erst dann wagte er es, die Augen wieder zu öffnen und sich aufzusetzen.
»Nicht so hastig!«, warnte sie Spinne. »Ich weiß nicht, wie stabil das Netz ist. Ich hatte nicht besonders viel Zeit, mir Gedanken über die Statik zu machen, weißt du?«
Ihre Warnung wäre gar nicht nötig gewesen. Schon bei der ersten, vorsichtigen Bewegung begann das gesamte Netz so bedrohlich zu schwanken, dass er für einen Moment erstarrte, ja, es nicht einmal wagte, den Kopf zu bewegen. Erst nach etlichen Sekunden verlagerte er langsam sein Gewicht und sah sich um.
Auch der Pack hatte das rettende Netz erreicht. Er hockte nicht weit neben ihm und massierte wimmernd seine angesengten Füße, schien aber im Großen und Ganzen unverletzt zu sein. Das Feuer tief unter ihnen brannte noch immer und da Hitze es nun einmal an sich hatte, nach oben zu steigen, wurde es auch hier immer wärmer. Aber noch war die Hitze zu ertragen - und Kim hatte das Gefühl, dass die Flammen tief unter ihnen bereits an Kraft eingebüßt hatten.
Twix kam herangeflogen. Sie hatte offensichtlich Mühe, sich in den aufsteigenden heißen Luftströmungen zu halten, denn sie taumelte mehr, als sie flog, lachte aber trotzdem laut und unüberhörbar schadenfroh, während sie die Spinne umkreiste.
»Zwergengeschwätz, wie?«, fragte sie. »Nichts, worüber wir uns Sorgen zu machen brauchen, was?«
»Soll ich dir sagen, worüber du dir wirklich Sorgen machen solltest?«, knurrte die Spinne.
»Bitte, Twix«, sagte Kim. »Das ist jetzt wirklich nicht der richtige Moment dafür. Wie sieht es weiter vorne aus? Warten dort noch mehr Überraschungen auf uns?«
»Kaum«, kicherte Twix. »Allenfalls noch ein bisschen Zwergengeschwätz. Aber wirklich nichts, worüber ihr euch Sorgen machen müsstet.« Sie kicherte erneut, drehte sich mit einer halben Pirouette in der Luft herum und verschwand.
Kim blickte ihr mit finsterer Miene hinterher. »Also manchmal ...«
»Ich verstehe, was du meinst«, seufzte die Spinne. »Ich werde ein ernsthaftes Gespräch mit ihr führen müssen. Vielleicht beim Essen.«
»Ich glaube, das Feuer lässt allmählich nach«, sagte Kim.
»Das ist eine wirklich teuflische Falle«, sagte die Spinne. »Aber was kann man von Zwergen schon viel anderes erwarten?«
»Als die Feuer der Hölle?«, fragte Kim. »Oder die tiefsten Schlünde der Unterwelt? Keine Ahnung ...«
Die Spinne funkelte ihn an und sagte vorsichtshalber gar nichts mehr.
Die Flammen unter ihnen sanken jetzt tatsächlich rasch in sich zusammen. Es vergingen nur noch wenige Minuten, bis das Feuer unter ihnen ganz erloschen war. Nur einen Augenblick später begann sich das Gitter knirschend und rumpelnd in die Decke zurückzuziehen. Da das Netz an einer Seite daran befestigt war, zerriss es natürlich, aber es zeigte sich, dass die Spinne es äußerst umsichtig konstruiert hatte: Als es zerriss, stürzten sie nicht etwa ab, sondern schwangen in einem weiten Bogen zu Boden und setzten beinahe sanft auf.
Hastig entfernte sich Kim von dem Gitter. Das Metall war immer noch heiß, sodass auch die Spinne und der Pack es sehr eilig hatten, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Erst als sie ein gutes Stück jenseits des Fallgitters waren, wagte Kim es, stehen zu bleiben und sich noch einmal nach der hinterhältigen Falle umzusehen.
Es war in der Tat die gemeinste Konstruktion, die er jemals zu Gesicht bekommen hatte. Nicht einmal den Zwergen hätte er eine solche Falle zugetraut - und er hatte schließlich am eigenen Leibe erfahren, wozu das Kleine Volk fähig war. Was immer sich in diesen Höhlen verbarg, musste für die Zwerge von ungeheurem Wert sein, wenn sie sich solche Mühe gaben, es vor unbefugtem Zutritt zu schützen. Kim fragte sich, welche weiteren unangenehmen Überraschungen noch auf sie warten mochten.
Sie waren gute hundert Schritte weiter in die Höhle vorgedrungen, als der Boden vor ihnen plötzlich nicht mehr da war. Wo er sein sollte, gähnte ein mindestens hundert Meter breiter bodenloser Abgrund.
Kim ließ sich auf Hände und Knie herabsinken und legte die letzten Meter kriechend zurück. Er erschrak bis ins Mark, als er in die Tiefe blickte. Wenn die Schlucht einen Boden hatte, dann war er so weit entfernt, dass er nicht mehr zu erkennen war. Alles, was Kim sah, war vollkommene, saugende Schwärze. Aber er konnte die gewaltige Tiefe regelrecht spüren. Auch wenn ihm sein Verstand sagte, dass es vollkommen unmöglich war, so war er in diesem Moment doch felsenfest davon überzeugt, dass dieser Abgrund bis ins Zentrum der Welt hinunterreichen musste.
»Was siehst du?«, fragte die Spinne.
»Nur ... Zwergengeschwätz«, antwortete Kim zögernd. »Allerdings ein ziemlich tiefes.« Sein Blick suchte aufmerksam den gegenüberliegenden Rand der Schlucht ab. Er schien ein gutes Stück tiefer zu liegen als der hiesige und war - zumindest über die große Entfernung betrachtet - vollkommen glatt. Es gab nicht die geringste Unterbrechung, nicht die kleinste Unebenheit. Nicht einmal die Andeutung einer Möglichkeit, den Abgrund zu überwinden.