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»Das gibt es doch nicht«, murmelte er. »Es muss doch einen Weg auf die andere Seite geben. Schließlich können die Zwerge doch nicht fliegen!«

»Wahrscheinlich irgendeine verborgene Mechanik, die nur Zwerge und Eingeweihte verstehen«, sagte die Spinne.

»Vermutlich«, sagte Kim. Er kroch ein Stück vom Rand des Abgrundes zurück, richtete sich auf und machte einen Schritt nach hinten. Er hatte sich bisher immer für vollkommen schwindelfrei gehalten, aber in diesem Abgrund schien irgendetwas zu sein, was ihn hinunterzuziehen trachtete.

»Wir brauchen ein Seil«, sagte er mit einem bezeichnenden Bück auf die Spinne. »Ein langes Seil.«

»Wenn du eine Idee hast, wie wir es auf die andere Seite bekommen«, antwortete die Spinne. »Ich kann nämlich auch nicht -« Sie stockte, drehte sich ganz zu Kim herum und sah die Elfe auf seiner Schulter an, ehe sie in verändertem Ton schloss: »-fliegen.«

»O nein!«, sagte Twix entschlossen. »Vergiss es. Ich werde mich bestimmt nicht freiwillig -«

»Du hast es doch schon einmal getan«, unterbrach sie Kim. »Außerdem haben wir keine andere Wahl. Wir können nicht zurück.«

»Und keiner von uns weiß, was da drüben noch auf uns wartet.« Twix zog eine Grimasse. »Also gut. Fang schon an.«

Die Spinne produzierte einen Faden, aus dem Kim eine Schlinge knüpfte, die er behutsam um Twix' Hüfte schlang. Als er damit fertig war, schwang sich die Elfe Flügel schlagend in die Luft und die Spinne griff mit dem vorderen Beinpaar nach dem Faden und zog kurz und hart daran. Twix piepste entsetzt und wäre um ein Haar abgestürzt, hätte Kim sie nicht im letzten Moment aufgefangen.

»Lass das!«, sagte er streng. »Dafür ist jetzt wirklich nicht der richtige Moment!«

»Man wird ja wohl noch einmal einen kleinen Spaß machen dürfen«, nörgelte die Spinne.

Twix erhob sich flatternd wieder in die Luft, warf der Spinne einen giftigen Blick zu und flog los. Sie schmolz schon nach wenigen Augenblicken zu einem Punkt zusammen und war dann verschwunden. Der dünne Faden jedoch, den die Spinne abspulte, blieb weiter straff gespannt.

Die Schlucht musste weitaus breiter sein, als Kim angenommen hatte, denn es dauerte lange, bis der Zug an dem Seil aufhörte. Und danach vergingen noch einmal endlose Sekunden, ehe die Elfe zurückkam und verkündete, dass das Seil sicher befestigt sei. Die Spinne band das andere Ende um einen Felsen und rannte mit traumwandlerischer Sicherheit ein halbes Dutzend Mal über den Abgrund um den Faden zu verstärken. Kim und der Pack überwanden die Schlucht auf dieselbe Art, auf die sie versucht hatten den Wasserfall zu überwinden. Durch schlechte Erfahrung schlauer geworden, brachte die Spinne diesmal einen zusätzlichen Sicherheitsfaden an, der verhinderte, dass sie abstürzten. Trotzdem stand Kim Todesängste aus, während er sich Hand über Hand und mit dem Kopf nach unten hängend über den Abgrund hinweghangelte. Er brauchte länger als eine halbe Stunde dazu, und als er endlich auf der anderen Seite angekommen war, war er so erschöpft, dass er auf der Stelle zusammenbrach und minutenlang keuchend nach Atem rang. Selbst der Pack schien am Ende seiner Kräfte zu sein und sank zu einem zitternden Häufchen Elend zusammen.

Kim gönnte sich selbst zwei oder drei Minuten um wieder zu Kräften zu kommen, dann zwang er sich aufzustehen und eine auffordernde Geste zu machen.

Der Gang setzte sich vor ihnen in sanfter Neigung nach unten fort. Sein Ende war nicht zu erkennen, aber der Faden, den Twix über die Schlucht gezogen hatte, zog sich in knapp einem Meter Höhe weiter neben ihnen entlang. Die Elfe musste tatsächlich noch ein gutes Stück weit in den Stollen hineingeflogen sein, bis sie eine passende Stelle gefunden hatte, um ihn festzubinden.

»Was ist dort vorne, Twix?«, fragte Kim.

»Dort?« Twix hob die Schultern. »Eigentlich nichts Besonderes. Eine Menge Nichts mit noch mehr Stein drumherum. Wieso?«

»Da war noch eine dritte Warnung auf der Tür«, erinnerte Kim. »Wie lautete sie doch gleich? Irgendetwas mit einem ... Dach?«

»Ich glaube«, antwortete die Spinne unbehaglich.

»Vielleicht fällt uns ja gleich die Decke auf den Kopf«, sagte Twix.

»Wahrscheinlich bedeutet es gar nichts. Diese zwei Hindernisse waren mehr als ausreichend jeden normalen Eindringling aufzuhalten.«

»Willst du etwa behaupten, du wärest normal?«, fragte Twix. »Meistens schon. Aber in letzter Zeit werde ich immer reizbarer. Das macht der Hunger.«

Kim sparte sich den Atem, die beiden Streithähne zur Ordnung zu rufen. Wahrscheinlich waren sie genauso nervös wie er und das war eben ihre Art damit fertig zu werden.

Sie folgten dem Faden, der sich straff gespannt neben ihnen entlang zog. Nach einer Weile erkannte Kim einen großen, unregelmäßig geformten Umriss vor ihnen. Der Felsen, um den Twix das Führungsseil geschlungen hatte. Seine Form erinnerte ihn an etwas. Aber er wusste nicht, woran.

Nach zwei weiteren Schritten blieb er stehen. Seine Augen wurden groß.

»Dieses Wort auf der Tür«, murmelte er. »Bist du sicher, dass es Dach hieß?«

»Nein«, flüsterte die Spinne. »Wenn ... wenn ich es mir recht überlege...«

Kim beendete den Satz für sie: »Könnte es vielleicht auch Drache bedeuten.«

Nichts anderes blockierte den Tunnel vor ihnen.

Der Drache war riesig - vielleicht nicht ganz so groß wie Rangarig, aber viel hässlicher, ein bizarres Geschöpf, das nur aus Stacheln und Klauen und schuppigen Panzerplatten zu bestehen schien. Er hatte sich zum Schlafen zusammengerollt, sodass seine ganze Größe nicht genau zu erkennen war - aber darauf legte Kim eigentlich auch gar keinen Wert. Es war ein Drache. Selbst der kleinste Drache war immer noch groß.

»Sollten wir das hier überleben, dann schlage ich vor, dass du Sprachunterricht bei einem netten Zwerg nimmst«, sagte Twix.

»Es gibt keine netten Zwerge«, antwortete die Spinne. »Und deine Vorschläge kannst du dir meinetwegen -«

»Still!«, zischte Kim. »Er schläft! Wollt ihr ihn aufwecken?«

»Das wird kaum nötig sein«, unkte die Spinne. »Das ist ein Zwergendrache. Sie riechen Menschenfleisch meilenweit!«

Wie um seine Worte zu bestätigen regte sich der Drache im Schlaf. Seine gewaltigen Klauen scharrten über den Fels. Der Boden unter ihren Füßen zitterte spürbar. Kim und die anderen erstarrten für die Dauer von zwei-, drei Herzschlägen zur Reglosigkeit. Aber der Drache wachte nicht auf, sondern drehte sich nur ein kleines Stück auf die Seite und schlief weiter. Der Spinnfaden neben Kim summte wie ein straff gespannter Draht, aber er maß der Beobachtung keine Bedeutung bei.

»Vorsichtig«, flüsterte er. »Keinen Laut!«

Buchstäblich auf Zehenspitzen schlichen sie weiter. Der Drache blockierte fast den gesamten Gang vor ihnen, sodass nur ein schmaler Spalt blieb. Kim schob sich eng mit dem Rücken gegen den Fels gepresst an dem schlafenden Koloss vorbei. Trotzdem befand sich sein Gesicht nur Zentimeter von der schuppigen Flanke des Giganten entfernt.

Wieder regte sich der schlafende Drache. Der Spinnfaden gab ein Geräusch wie eine angeschlagene Gitarrensaite von sich und der Drache knurrte unwillig. Kim blieb stehen. Sein Herz hämmerte. Aber der Drache wachte auch diesmal nicht auf.

Der gefährlichste Moment kam, als er am Kopf des schlafenden Drachen vorbeimusste. Der gepanzerte Riese hatte den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt. Seine gewaltigen Nüstern blähten sich, wenn er ausatmete, sodass Kim das Haar aus der Stirn geblasen wurde. Sein Kopf war so groß wie eine Droschke und er hatte ein Paar riesiger, gebogener Hauer, die aus seinem Unterkiefer wuchsen und ihm fast das Aussehen eines schlecht gelaunten Wildschweins gaben. Und an einem dieser Hauer ...

»O nein«, murmelte Kim. »Twix!«

»Was ist denn?«, erkundigte sich die Elfe harmlos. »Ich denke, wir sollen ruhig sein?«