Der Drache bewegte sich erneut im Schlaf. Der straff gespannte Spinnfaden, den die Elfe an einem seiner mächtigen Hauer befestigt hatte, jaulte nun regelrecht, vibrierte immer heftiger - und zerriss mit einem peitschenden Knall! Kim stockte der Atem.
Eine, zwei Sekunden lang geschah gar nichts und Kim begann schon zu hoffen, dass sie doch noch einmal davonkommen würden. Dann öffnete der Drache langsam ein Auge und Kim starrte in eine Pupille, die ein gutes Stück größer als sein Gesicht war.
»Hal... lo«, sagte er stockend. »Schlaf ruhig weiter. Wir... wir wollten dich nicht wecken.«
»Oh«, grollte der Drache. »Frühstück.«
Und damit riss er das Maul auf, stieß ein ungeheuerliches Brüllen aus und versuchte Kim auf der Stelle zu verschlingen. Kim duckte sich blitzschnell. Die Schnauze des Drachen krachte über ihm mit solcher Gewalt gegen den Felsen, dass Funken und Steinsplitter flogen, und Kim ließ sich zur Seite fallen, kam mit einer Rolle wieder auf die Füße und rannte los, was das Zeug hielt.
Der Drache wirbelte mit einem noch lauteren, zornigen Brüllen herum und setzte zur Verfolgung an. Er bewegte sich nicht besonders schnell, aber bei seiner ungeheuerlichen Größe musste er das auch nicht. Wenn Kim zehn Schritte machte, dann machte er einen. Und er holte damit auf...
Kim warf einen Blick über die Schulter zurück und sah, dass die Spinne einen Lassofaden gewoben hatte, den sie mit erstaunlicher Zielsicherheit um einen der Vorderläufe des Drachen warf.
Leider auch mit einem noch erstaunlicheren Ergebnis.
Der Drache bemerkte das Hindernis gar nicht und die Spinne wurde einfach mitgerissen und hüpfte wie ein pelziger Ball hinter dem Drachen her. Der Pack wiederum hatte sich an den schuppigen Schwanz des Drachen geklammert und schlug vollkommen sinnlos mit den Fäusten darauf ein und Twix umkreiste den Kopf des Kolosses und ließ ununterbrochen goldenen Elfenstaub auf ihn herabregnen. Nichts von alledem irritierte den Drachen. Er stampfte weiter, holte Kim nach zwei oder drei Schritten ein und warf ihn mit einem fast spielerischen Prankenhieb zu Boden.
Kim schlitterte noch ein paar Meter weiter, rollte auf den Rücken und wollte aufstehen, aber der Drache drückte ihn mit einer gewaltigen Tatze wieder herab und senkte den Schädel. »Ich mag es, wenn mein Essen sich wehrt«, grollte er. »Das spart mir den Verdauungsspaziergang.«
Kim schlug mit beiden Fäusten auf die gigantische Pfote ein, die ihn zu Boden presste, aber genauso gut hätte er auch versuchen können den ganzen Berg mit bloßen Händen einzureißen. Der Drache spürte seine Hiebe wahrscheinlich nicht einmal. Seine gigantischen Kiefer senkten sich.
»Halt still!«, grollte er. »Oder willst du, dass ich dir wehtue?« Kim dachte natürlich nicht daran, still zu halten, sondern zappelte und schrie aus Leibeskräften. Der Drache legte den Kopf auf die linke Seite, dann auf die rechte und dann wieder auf die linke, als überlege er, aus welcher Richtung er sein Opfer am besten packen konnte, und der Pack, der noch immer mit beiden Fäusten auf seinem Schwanz herumhämmerte, kreischte schrill - und biss kräftig zu.
Anscheinend schien der Drache das doch zu spüren, denn er grunzte unwillig, drehte mit einem Ruck den Kopf und schlug den Schwanz dann mit solcher Gewalt gegen die Decke, dass der gesamte Berg zu dröhnen schien. Der Pack ließ seinen Halt los, stürzte aber nicht zu Boden, sondern kugelte hilflos über den Drachenschwanz und seinen stacheligen Rücken, weiter hinab über Nacken und Schädel, bis er genau auf der Nase des Drachen landete.
Der Drache sah für einen Moment regelrecht verwirrt drein. Offensichtlich wusste er nicht so recht, was er von diesem neu aufgetauchten Winzling halten sollte. Als sich der Pack aufrichtete und langsam über seinen Nacken nach oben zu marschieren begann, begann er zu schielen um ihn mit beiden Augen im Blick zu behalten.
»Wer bist denn du?«, grollte er.
Der Pack machte einen weiteren Schritt, schnatterte aufgeregt und betrachtete erst das rechte, dann das linke Auge des Drachen, dann wieder das rechte und wieder das linke ... und piekste dem schuppigen Riesen plötzlich mit dem Zeigefinger mitten in die Pupille!
»Auaaah!«, brüllte der Drache. »Na warte! Das hast du nicht umsonst getan! Dann fresse ich dich eben zuerst!«
Der Pack stach ihm auch noch in das andere Auge und der Drache brüllte noch lauter und begann den Kopf hin und her zu werfen. Der Pack wurde fast abgeworfen, klammerte sich aber im letzten Moment mit einer Hand und beiden Füßen an eine der riesigen Nüstern und begann mit den Fingernägeln der freien Hand das empfindliche Naseninnere zu bearbeiten. Der Drache heulte vor Schmerz, warf den Kopf in den Nacken und immer heftiger hin und her, war aber einfach nicht in der Lage den kleinen Quälgeist abzuschütteln. Er versuchte sogar mit der Pfote nach dem Pack zu angeln, erwischte ihn aber nicht. Unglücklicherweise versuchte er es nur mit einer Pfote. Mit der anderen drückte er Kim unbarmherzig weiter zu Boden.
Plötzlich schrie der Drache noch lauter, riss das Maul auf und angelte mit der langen, gespaltenen Schlangenzunge nach dem Pack. Nur eine Sekunde später schlossen sich die Kiefer mit einem krachenden Laut und der Drache schluckte hörbar.
»So«, knurrte er. »Und jetzt zu dir!« Sein riesiger Schädel senkte sich wieder auf Kim herab. »Ich hoffe, du machst nicht auch so viel Ärger wie dein ...«
Er stockte. Ein überraschter, aber nicht besonders erfreuter Ausdruck erschien auf dem faltigen Drachengesicht. Eindeutig verwirrt legte er den Kopf auf die Seite und verdrehte die Augen, als versuche er seinen eigenen Hals zu betrachten.
Etwas bewegte sich darin.
Hätte Kim nicht mit aller Kraft darum kämpfen müssen, überhaupt noch Luft zu bekommen, dann hätte er den Anblick wahrscheinlich sogar komisch gefunden. Für einen Moment sah der Drache aus wie eine Schlange, die ein zu großes Ei geschluckt hatte und nun drauf und dran war daran zu ersticken. In seinem Hals war eine regelrechte Beule entstanden, die sich wild hin und her bewegte, zitterte und zuckte.
Der Drache begann zu würgen. Er bewegte den Kopf, versuchte zu schlucken und hatte ganz offensichtlich mit einem Mal Mühe überhaupt noch zu atmen. Die Beule in seinem Hals zuckte immer heftiger. Kim glaubte den Abdruck einer Faust darin zu erkennen, dann den eines kleinen, glubschäugigen Gesichts.
Schließlich riss der Drache keuchend das Maul auf und der Pack kletterte mit hektischen Bewegungen aus seinem Rachen heraus. Seine Hände angelten nach der gespaltenen Schlangenzunge des Drachen und gruben sich tief hinein. Der Drache quiekte vor Schmerz und der Pack schwang sich wie Tarzan an einer Liane ins Freie.
Praktisch im selben Moment kam die Spinne herangerast. Sie produzierte einen Faden, den sie mit Hilfe des Pack drei-, vier-, fünfmal um die Zunge des Drachen wickelte um ihn anschließend noch sorgfältiger an einem der riesigen Hauer zu verknoten. Damit nicht genug, rannte sie kreuz und quer über das Maul des Drachen, wobei sie einen glitzernden Faden hinter sich herzog, den der Pack immer straffer spannte. Auf diese Weise verging nicht einmal eine Minute, bis das Maul des Drachen eingewickelt war wie ein Weihnachtspaket.
Endlich gelang es Kim, sich unter der riesigen Pfote hervorzuarbeiten. Hastig sprang er hoch, stolperte ein paar Schritte zurück und sah sich nach dem Pack und der Spinne um. »Alles in Ordnung?«
»Klar«, antwortete die Spinne. »Da muss schon mehr kommen als so eine altersschwache Eidechse um mich zu beeindrucken!« Sie deutete kichernd auf den Pack. »Und der Knirps da ist sowieso unkaputtbar. Wenn ich es mir recht überlege, dann bist du der Einzige hier, der -«
Der Drache brüllte, bäumte sich mit solcher Gewalt auf, dass er mit dem Kopf gegen die Höhlendecke krachte, und fiel benommen auf die Seite. Kim kam zu dem Schluss, dass es vermutlich klüger war, die Diskussion an einem anderen Ort fortzusetzen. Sie begann ihm ohnehin unangenehm zu werden.