»Los!«, befahl er. »Nichts wie weg.«
»Nawatetnu, bissicheuch kriege!«, nuschelte der Drache. »Dmit kommih nichduch! Dshtsich noch keinergwagt!« Seine Worte waren kaum zu verstehen. Mit zugebundenem Maul redete es sich anscheinend nicht besonders gut. Er lag auf der Seite und riss und zerrte mit beiden Vorderläufen an den klebrigen Fäden herum, die sein Maul zusammenhielten, erreichte damit aber nicht mehr als sich immer tiefer in das seidige Gespinst zu verstricken.
»Diesacheis nochnich vbei!«, dröhnte er. »Chkriegeeuchnoch!«
Kim, der Pack und die Spinne rannten in respektvollem Abstand an ihm vorüber, während Twix die Gelegenheit nutzte, noch einmal zurückzufliegen und dem Drachen einen kräftigen Boxhieb auf die Nase zu versetzen, ehe sie ihnen folgte. Sie rannten an der Stelle vorbei, an der sie auf den schlafenden Drachen gestoßen waren, stürmten weiter und hielten erst an, nachdem sie durch zwei oder drei Felsspalten geklettert waren, durch die ihnen ein Wesen von der Größe des Drachen niemals folgen konnte.
Schwer atmend sah sich Kim um. Sie befanden sich in einer unregelmäßig geformten, mit Zwergenrunen geschmückten Höhle, von der zwei oder drei weitere Gänge abzweigten. Sie waren allerdings eindeutig für Zwerge gemacht, sodass mit Ausnahme der Spinne alle weit geduckt darin gehen mussten. »Und wohin jetzt?«, fragte Twix.
Kim konnte nur unschlüssig mit den Schultern zucken, aber die Spinne kroch sofort an einer der Wände hoch und begann die Runenschrift zu studieren.
»O nein!«, keuchte Twix in gespieltem Entsetzen. »Lass es lieber sein!«
»Halt die Klappe!«, fauchte die Spinne. »Ich muss mich konzentrieren.«
»O ja!«, höhnte Twix. »Wir haben ja alle gesehen, was das letzte Mal passiert ist, als du dich auf etwas konzentriert hast!« Kim glaubte eine Bewegung in einem der Gänge zu erkennen, war aber nicht ganz sicher, und Twix fuhr in höhnischem Ton fort: »Wir wären um ein Haar gegrillt worden! Anschließend hätte uns fast die Erde verschlungen -«
Kims Herz machte einen erschrockenen Satz. Aus dem Tunnel trat eine kleine, in einen schwarzen Kapuzenumhang gehüllte Gestalt. Ein Zwerg!
»- und am Schluss wären wir fast von einem Drachen gefressen worden!«, schloss Twix. Der Zwerg trat mit einem Schritt vollends aus dem Stollen heraus, schlug die Kapuze zurück und sah sich verwirrt um. Er hatte ein hässliches, finsteres Gesicht, das nur aus einer riesigen Hakennase, tückisch blitzenden Augen und Tausenden von Falten und Runzeln zu bestehen schien.
»Ahm ... Entschuldigung ...«, begann er.
Die Spinne fuhr mit einem Zischen herum und funkelte Twix an. »Was das angeht, würde ich an deiner Stelle ganz still sein!«, schnappte sie. »Wer von uns war denn so schlau, den Faden an einem Drachenzahn festzubinden?«
»Entschuldigt bitte«, sagte der Zwerg noch einmal.
»Du hast gesagt, ich soll ihn irgendwo festmachen!«, sagte Twix schnippisch. »Du hast nicht gesagt, dass ich ihn irgendwo nicht festbinden soll!«
»He!«, sagte der Zwerg. Er begann unruhig mit dem Fuß zu wippen.
»Niemand bindet einen Faden an einen Drachenzahn!«
»Ich unterbreche euch ja nur ungern«, sagte der Zwerg, »aber -«
»Und woher sollte ich wissen, dass ein Drache hier ist?«, fragte Twix. »Du hast von einem Dach gesprochen, wenn ich mich recht erinnere. Ich habe nach Dachbalken gesucht und Ziegeln. Daran hätte ich ihn bestimmt nicht festgemacht!«
»Hallo!«, brüllte der Zwerg mit vollem Stimmaufwand. »Würdet ihr mir vielleicht verraten -«
Die Spinne fuhr mit einem wütenden Zischen zu ihm herum. »WAS?!«
Der Zwerg prallte entsetzt zurück, fand seine Fassung nur mühsam wieder und stotterte: »- was ... was ihr hier tut...«
»Wir streiten uns«, blaffte die Spinne. »Misch dich gefälligst nicht ein!«
»Und was habt ihr hier zu suchen?« Der Zwerg starrte die Spinne einen Moment lang an, bekam aber keine Antwort und wandte sich an den Pack.
»Du! Antworte!«
»Er kann nicht sprechen«, sagte Kim. »Jedenfalls nicht in deiner Sprache.« Gleichzeitig versuchte er die Dunkelheit hinter dem Zwerg mit Blicken zu durchdringen. Er konnte jedoch nichts erkennen. Der Gang schien leer zu sein. Offensichtlich war der Zwerg allein gekommen. Aber man konnte ja schließlich nie wissen ...
»Aber du kannst es«, sagte der Zwerg misstrauisch. »Also, antworte gefälligst: Was habt ihr hier zu suchen?«
Auch Kim sagte nichts - er konnte es gar nicht, denn ihm fiel beim besten Willen keine passende Ausrede ein - und so wandte sich der Zwerg erneut an die Spinne.
»Also?«
»Tut mir Leid«, sagte die Spinne. »Aber ich fürchte, ich darf nicht mit dir reden.« Sie deutete auf Kim. »Er kann es dir erklären.«
»Na, da bin ich ja mal gespannt«, sagte der Zwerg misstrauisch. »Also?«
»Nun, das ... hat etwas mit ihren Tischmanieren zu tun«, sagte Kim. »Aber das kannst du nicht wissen. Es ist auch wirklich nicht wichtig.«
»Und was ist wichtig?«, fragte der Zwerg. Er klang ein bisschen irritiert. Auch das war etwas, was Kim noch von den Zwergen wusste: Sie waren nicht besonders helle.
Diese Erinnerung brachte ihn auf eine Idee. »Wir müssen mit eurem Anführer sprechen«, sagte er. »Kannst du uns zu ihm bringen?«
»Sicher«, antwortete der Zwerg. »Aber das ist immer noch keine Antwort auf meine Frage: Was habt ihr hier verloren? Diese Höhlen sind nur für uns. Ihr großen Tölpel dürftet gar nicht hier sein!«
»Ich weiß«, zischelte die Spinne. »Wir haben eure gemeinen Fallen über -«
»Gesehen«, fiel ihr Kim hastig ins Wort. »Sie meint, wir haben eure Sicherheitsvorkehrungen bemerkt und entsprechend gewürdigt. Mein Kompliment.«
»Es war auch eine Menge Arbeit«, sagte der Zwerg geschmeichelt. »Eigentlich sollte niemand daran vorbeikommen.«
»Na, das ist doch der Beweis, dass wir hier sein dürfen«, sagte Kim.
»Wieso?«
»Niemand, der nicht dazu berechtigt ist, hätte die Feuergrube überlebt oder den Abgrund überwunden«, antwortete Kim. »Ganz zu schweigen von dem Drachen! Wenn wir also trotzdem hier sind, dann nur aus dem einzig möglichen Grund: Weil wir es dürfen.«
»Also, ich weiß nicht...« Der Zweig kratzte sich am Kopf. Es klang, als scharrten Nägel über einen Topfboden. Er überlegte einen Moment angestrengt, aber dann schüttelte er zögernd den Kopf.
»Nein«, sagte er. »Das scheint mir nicht sonderlich einleuchtend.«
Kim seufzte. »Also gut«, sagte er. »Vielleicht überzeugt dich ja das.«
Und damit verpasste er dem Zwerg einen Kinnhaken, der ihn im wahrsten Sinne des Wortes aus den Stiefeln hob und ihn dann stocksteif und bewusstlos nach hinten fallen ließ.
»Saubere Arbeit«, kommentierte die Spinne. Der Pack sah ihn eindeutig bewundernd an und selbst die Elfe kicherte leise.
Kim massierte sich seine schmerzende Hand. »Fesselt ihn«, sagte er. »Aber gründlich. Nicht dass er sich losreißt und den Rest der Bagage alarmiert.«
Die Spinne wickelte den bewusstlosen Zwerg in ein engmaschiges Netz und Kim wartete, bis Twix seine pochende Hand mit Elfenstaub bestäubt und den Schmerz damit besänftigt hatte. Dann zog er sein Schwert und drang geduckt als Erster in den Stollen ein.
Der Gang zog sich endlos dahin. Der Boden führte in sanfter Neigung nach unten und nach einer Weile glaubte Kim einen kühlen Lufthauch zu spüren, der ihnen aus der Tiefe entgegenschlug. Sie marschierten gute zehn Minuten ohne auf weitere Zwerge zu treffen, dann noch einmal ebenso lange und plötzlich sagte Twix leise und in fast erschrockenem Ton: »Magie!«
Kim blieb stehen. »Wie bitte?«
»Magie!«, wiederholte Twix. Sie begann aufgeregt mit den Flügeln zu schlagen. »Ich spüre Magie! Ein Quell großer magischer Kraft! Nicht mehr weit vor uns!«