Kim hatte gewusst, dass es einen Grund geben musste, aus dem die Zwerge den Eingang zu diesen Höhlen so ganz besonders gesichert hatten.
»Weiter«, flüsterte er. »Aber vorsichtig!«
Seine Warnung war keinesfalls unnötig. Der Gang führte noch ein kurzes Stück geradeaus und endete dann vor einer lotrechten Wand, in der eine halbrunde Tür in Zwergengröße war. Dahinter konnte Kim einen schmalen, von einem kniehohen Geländer begrenzten Balkon erkennen.
Und die Silhouetten von zwei bewaffneten Zwergen.
Kim erstarrte für einen Moment. Hinter der Balkonbrüstung schien sich eine Höhle von enormem Ausmaß zu befinden, aus der ein dumpfes Raunen und Murmeln heraufdrang. Irgendetwas in der Tiefe nahm die volle Aufmerksamkeit der beiden Zwerge in Anspruch, sodass sie im Moment gar nicht in Gefahr waren entdeckt zu werden.
Vermutlich hätten sie sich einfach wieder zurückziehen können, ohne von den beiden Wächtern auch nur zur Kenntnis genommen zu werden.
Aber der Weg führte nur in diese eine Richtung.
Kim gab den anderen ein Zeichen, nur ja keinen Mucks von sich zu geben, schob sein Schwert lautlos in die Scheide zurück und schlich auf Zehenspitzen weiter. Als er die Tür erreichte, ließ er sich auf die Knie herabsinken, streckte vorsichtig die Arme aus und tippte den beiden Zwergen gleichzeitig von hinten auf die Schultern.
Die Zwerge reagierten genauso, wie er es gehofft hatte: Sie drehten sich gleichzeitig und blitzschnell herum und auf ihren faltigen Gesichtern erschien ein so verblüffter Ausdruck, dass er am liebsten laut aufgelacht hätte.
»Was -?«, begann einer der Zwerge.
Weiter kam er nicht. Kim packte sie beide zugleich an der Brust, zerrte sie mit einem einzigen, derben Ruck zu sich herein und hielt einem der Knirpse den Mund zu, während sich der Pack bereits auf den anderen hockte. Nur einen Moment später sank auch der zweite Zwerg bewusstlos zu Boden und die Spinne begann sie hastig zusammenzubinden.
»Das geht ja fast zu leicht«, maulte sie. »Wo bleibt denn da der Spaß?«
»Unterschätzt die Zwerge lieber nicht«, warnte Kim. »Sie wirken harmlos, aber sie sind es nicht. Sie schneiden dir die Kehle durch, noch während du dabei bist, über sie zu lachen.«
Er überzeugte sich, dass die beiden Zwerge sicher gefesselt und geknebelt waren, dann schob er sich auf Händen und Knien wieder durch die Tür und spähte nach rechts und links. Was er sah, stimmte ihn nicht gerade fröhlich.
Die Tür führte nicht auf einen Balkon, sondern auf eine Galerie hinaus, die zur Gänze um eine Höhle mit wahrhaft zyklopischen Ausmaßen herumlief. In regelmäßigen Abständen gab es weitere Türen und vor jeder einzelnen stand ein Zwergenpaar und hielt Wache. Wie die beiden, die er gerade überwältigt hatte, blickten sie jedoch so konzentriert in die Tiefe, dass sie nicht einmal Notiz von ihm nahmen. Das würde sich jedoch garantiert ändern, sobald er auf den Balkon hinaustrat. Im Vergleich zu den Zwergen war er ein Riese, der allein durch seine Größe einfach auffallen musste.
Er hätte gerne gewusst, was sich unten in der Höhle abspielte, aber er beherrschte seine Neugier noch und zog sich rasch in den Gang zurück. Nach kurzem Zögern bückte er sich zu einem der bewussdosen Zwerge, schälte ihn aus seinem Umhang und schlang sich den schwarzen Mantel um die Schultern. Es sah vollkommen lächerlich aus. Selbst der Pack grinste. Aber einem sehr flüchtigen Blick aus sehr großer Entfernung mochte es Stand halten.
Vorsichtig kroch er wieder auf die Galerie hinaus und beugte sich über das Geländer.
Im ersten Moment schwindelte ihm, so tief war die Höhle, über die sich die Galerie spannte. Auf den allerersten Blick sah er nichts als ein Durcheinander aus Formen und Bewegung.
Dann hätte er fast aufgeschrien.
Unter ihm erstreckte sich etwas wie ein gewaltiges Amphitheater. Die Ränge bestanden aus schwarzem Fels, der über und über mit magischen Runen und Symbolen bedeckt war, und Kim sah buchstäblich Tausende von Zwergen, wenn nicht gar Zehntausende. Es musste ein Gutteil des gesamten Zwergenvolkes sein, das sich hier versammelt hatte.
Sie waren zusammengekommen um einer Hinrichtung beizuwohnen.
Neben ihm raschelte etwas. Kim wandte kurz den Blick und gewahrte einen schwarzen Zwergenumhang, der auf acht Beinen herangetrippelt kam und sich neben ihm an der Brüstung aufrichtete.
Er konzentrierte sich wieder auf das Bild des Schreckens, das sich unter ihm bot.
Hatte er noch vorhin geglaubt, die Feuerfalle vor dem Eingang des Zwergenreichs wäre die teuflischste Konstruktion, die er jemals zu Gesicht bekommen hatte, so musste er seine Meinung nun revidieren.
Ungefähr auf halber Höhe der Kuppelhöhle spannte sich etwas, das fast wie ein Spinnennetz aus Ketten und geflochtenen Stahlseilen aussah. Genau im Zentrum dieses Netzes war eine menschliche Gestalt angebunden. Die Ketten und Seile wiederum waren an ein kompliziertes System von Rollen, Zahnrädern und Flaschenzügen mit mehr als einem Dutzend großer, in hölzernen Rahmen befestigter Segel verbunden, die für Kim im allerersten Moment gar keinen Sinn zu ergeben schienen. Dann aber bewegte sich eines der Segel leicht. Die Kette, an der es hing, spannte sich klirrend und die Gestalt im Zentrum des stählernen Netzes schrie vor Schmerz auf.
»Das Pickelgesicht!«, keuchte die Spinne. »Das ... das ist der Windbeutel!«
Kim nickte stumm. Die rothaarige Gestalt im Zentrum des stählernen Netzes war niemand anderer als Sturm. Und nun verstand er auch den Zweck der auf dem ersten Blick so sinnlos anmutenden Konstruktion. Die Segel waren in allen nur denkbaren Winkeln angebracht. Wenn Sturm seine unheimlichen Kräfte entfesselte, so musste er immer mindestens zwei oder drei davon in Bewegung versetzen - mit dem Ergebnis, dass er buchstäblich in Stücke gerissen würde!
»Das ist teuflisch«, murmelte er.
»Ja«, pflichtete ihm die Spinne bei. »Ein reizendes kleines Völkchen, nicht? Und was tun wir jetzt?«
Kim überlegte angestrengt. Sie hatten nicht sehr viel Zeit, das war ihm klar. Selbst wenn sich Sturm beherrschte und darauf verzichtete, seine magischen Kräfte einzusetzen, würde er nicht ewig durchhalten. Er war in einer Position auf dem Kettengeflecht festgebunden, die ihm heftige Schmerzen bereiten musste. Und in der Höhle herrschte ein leichter Luftzug, der die Segel sich manchmal sacht bewegen ließ.
Konzentriert betrachtete er die Konstruktion aus Seilzügen und Zahnrädern. Sie wirkte kompliziert, war es im Grunde aber gar nicht. Es gab zwei Punkte, an denen alle Ketten und Stahltrossen zusammenliefen um sich dann wieder zu verlieren.
Er deutete in die entsprechende Richtung. »Siehst du das? Wenn wir die Flaschenzüge blockieren, funktioniert die ganze Maschinerie nicht mehr ... hoffe ich.«
»So«, sagte die Spinne. »Hoffst du.«
»Ich bin kein Ingenieur«, sagte Kim zornig.
»Und wenn du dich irrst, ist der Windbeutel tot.«
»Wenn ich nichts tue, auch«, sagte Kim. »Hast du eine bessere Idee?«
»Nein«, gestand die Spinne. »Ich habe nicht einmal eine Idee, wie wir die Flaschendingsbumse blockieren sollen. Ich kann es jedenfalls nicht. So weit kann ich nicht springen.«
»Das musst du auch nicht.« Kim löste den Bogen von seiner Schulter und legte einen Pfeil auf die Sehne. Einen zweiten legte er sorgsam vor sich auf den Boden. Mit aller Macht konzentrierte er sich auf das Bild des Flaschenzuges. Der Pfeil in seiner Hand begann zu zittern.
»Twix!«
Die Elfe kam gehorsam herbeigeflogen. Kim erschrak, als er sah, wie hell der goldene Schimmer ihrer Flügel geworden war. Die Nähe der gewaltigen magischen Kraft, von der Twix gesprochen hatte, blieb nicht ohne Wirkung. Die Elfe leuchtete wie eine 1000-Watt-Birne.
Kim sah erschrocken nach rechts. Mindestens einer der Zwerge war auf sie aufmerksam geworden und blickte misstrauisch in ihre Richtung. Kim verbarg die Elfe hastig unter seinem Umhang, aber es war zu spät. Der Zwerg tippte seinem Kameraden auf die Schulter und wechselte ein paar Worte mit ihm und die beiden setzten sich in Bewegung.